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04. April 2011, 19:24 Uhr

Fukushima-Rettung

Fluch des Wassers

Von Cinthia Briseño

Ohne Wasser droht in Fukushima die Kernschmelze - doch weil die Retter Unmengen davon in die Reaktoren pumpen, staut sich die radioaktive Brühe. In einem Akt der Verzweiflung werden nun Tausende Tonnen in den Ozean gepumpt.

Wasser, immer wieder geht es in Fukushima ums Wasser. Erst wurde das Nass dringend herbeigesehnt, um das Horrorszenario einer Kernschmelze im AKW Fukushima I zu verhindern. Doch was einst die Rettung bringen sollte, entwickelt sich nun zu einem der größten Probleme für den Betreiber Tepco.

Denn die enormen Wassermengen, die Tepco-Arbeiter von oben in die Reaktorblöcke hineinschütten, kommen dort mit radioaktivem Material in Kontakt. So verwandeln sie sich in eine teilweise hochradioaktive Brühe, die eigentlich kontrolliert abgepumpt und entsorgt werden müsste. Eigentlich. Inzwischen sind die Wassermengen zu groß, das Volumen der zur Verfügung stehenden Auffangbecken zu klein.

Hinzu kommt: Ausgerechnet dort, wo sich das Wasser am meisten sammelt, in den Turbinenhallen, verhindert es die Wiederinbetriebnahme der Kühlsysteme. Nur wenn diese funktionieren, kann es gelingen, die erhitzten Brennelemente zu stabilisieren. Insgesamt sollen den Arbeitern rund 60.000 Tonnen Wasser in den Kellern und unterirdischen Kanälen im Weg stehen.

Jetzt hat Tepco keine andere Wahl mehr. Nicht nur, dass Wasser durch Risse und Lecks in Wänden und Schächten ungehindert ins Meer fließt. Angesichts der angestauten Mengen öffnet der Konzern jetzt selbst die Schleusen. Bereits am Montagabend (Ortszeit) soll Tepco nach Angaben der japanischen Agentur Kyodo damit begonnen haben, insgesamt 11.500 Tonnen der radioaktiven Brühe kontrolliert in den Ozean abzuleiten. Nun drängen sich die ersten Fragen auf. Wie schwer ist das Wasser belastet? Und was bedeutet das möglicherweise für die Umwelt?

Auf der Anlage Fukushima I gibt es inzwischen verschiedene Quellen, aus denen das Wasser sickert. Nur wissen die Arbeiter nicht, wo genau sie zu finden sind. Ein milchig-weißer Farbstoff - Tepco zufolge handelt es sich um kiloweise Badesalz - soll helfen, die Wege der Wasseradern aufzuspüren und weitere Lecks zu finden. Eines davon, ein zwanzig Zentimeter langer Riss in einem Kabelschacht des Turbinengebäudes von Reaktorblock 2, versuchen die Techniker derzeit verzweifelt zu stopfen. Bisher ohne Erfolg.

Dennoch macht die jetzt anberaumte Notmaßnahme Sinn. Vor allem, weil zunächst weniger radioaktiv belastetes Wasser in den Ozean gepumpt wird. Dadurch schafft man Platz für jene Brühe, die so stark strahlt, dass man sich nicht lange in ihrer Nähe aufhalten könnte, ohne gesundheitliche Schäden zu erleiden. 1000 Millisievert pro Stunde wurden etwa im Wasser in den Schächten unter Reaktor 2 gemessen. Wer sich sechs Stunden dieser Strahlung aussetzt, ist fast sicher dem Tod geweiht.

Unterschiedliche Strahlungsintensitäten

Die 11.500 Tonnen, die Tepco nun derzeit in den Pazifik pumpt, stammen zum einen aus Auffangbecken, zum anderen wurden sie aus den Sickergruben im Keller der Reaktorblöcke 5 und 6 gepumpt. Wie die japanische Zeitung "Sankei Shimbun" meldet, beträgt die Kontamination durch Jod 131 in dem Wasser aus dem Auffangbecken 6,3 Becquerel pro Kubikzentimeter. Im Wasser aus den Sickergruben 5 und 6 sind es demnach 16 und 20 Becquerel pro Kubikzentimeter.

Es ist kaum möglich, diese Angaben zu überprüfen. Aber ein Vergleich macht deutlich, dass die Kontamination des kontrolliert ins Meer gepumpten Wassers tatsächlich geringer sein dürfte, als jenes aus anderen Quellen auf dem AKW-Gelände: 1.200.000 Becquerel pro Kubikzentimeter betrug laut Tepco die Kontamination durch Jod 131 in dem Wasser, mit dem drei Arbeiter in Berührung gekommen waren und sich dabei Verbrennungen zugezogen hatten.

Nach Angaben des Ministeriums für Arbeit und Gesundheit beträgt der Grenzwert in Japan für Jod 131 im Trinkwasser pro Liter 300 Becquerel. Das sind 0,3 Becquerel pro Kubikzentimeter. Wer einen Liter Wasser trinkt, das mit 300 Becquerel Jod 131 kontaminiert ist, bekommt eine Strahlendosis von 0,0066 Millisievert ab.

Tepco erklärt, dass die Strahlung, die von den 10.000 Tonnen aus den Auffangbecken ausgehen, das 500fache der erlaubten Höchstgrenze betragen haben soll. Das Wasser aus dem Riss unter Reaktor 2 übersteigt die Höchstgrenze dagegen um das 10.000fache.

Radioaktivität in der Nahrungskette

Zumindest droht nach Einschätzung von Experten Fischen, Muscheln und anderen Bewohnern des Meeres vor der japanischen Küste zunächst kaum eine Gefahr vom radioaktiven Wasser aus Fukushima. Der Tsunami vor mehr als drei Wochen zerstörte das Ökosystem unmittelbar vor dem havarierten Atomkraftwerk, wie Fischereiökologen des Johann Heinrich von Thünen-Bundesinstituts in Hamburg erklärten.

Strömungen verdünnen das Wasser und verteilen die radioaktiven Teilchen. Auch hat das radioaktive Jod 131 eine Halbwertszeit von acht Tagen. Nach rund 80 Tagen gilt die Menge als abgeklungen. Dass große Fischereigebiete wie das Beringmeer vor Alaska verseucht werden, sei relativ unwahrscheinlich. Allerdings betonen die Forscher, dass radioaktive Stoffe im Plankton aufgenommen und so in die Nahrungskette gelangen können. Langfristige Auswirkungen sind derzeit jedoch schwer abschätzbar.

Dass Tepco jedoch kaum eine andere Wahl hat, als radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer zu pumpen, hatten Experten schon befürchtet. Nun hat auch die japanische Regierung dem zugestimmt. "Es handelt sich um eine unvermeidliche Notfallmaßnahme" sagte Kabinettssekretär Yukio Edano. Wie die Zeitung "Sankei Shimbun" schreibt, sei das Ableiten in den Ozean durch das Atomreaktorkontrollgesetz geregelt. Es sei das erste Mal, dass Tepco gezielt radioaktives Wasser ins Meer leite.

Die Zeit auf dem havarierten AKW drängt: "Obwohl die Kontamination im Ozean schnell verdünnt wird, wird die Zahl der radioaktiven Partikel immer größer, je länger das weitergeht, und umso größer werden die Auswirkungen auf den Ozean", sagte Edano. Nun werden Maßnahmen ergriffen, die teilweise auch an die Ölkatastrophe der Deepwater Horizon erinnern. Tepco hat Barrieren bestellt, die normalerweise zum Auffangen von ausgetretenem Öl genutzt werden. Man hoffe, dass man so weitere Kontaminationen verhindern könne, sagte Tepco-Manager Teruaki Kobayashi.

Das neue Problem: die Dekontamination

Barrieren, weitere Auffangbecken, ein riesiges Stahlfloß, Spezialpumpen im Dauereinsatz - die radioaktiven Wassermassen zu bändigen und zu sammeln ist das eine. Es wird aber nicht lange dauern, bis Betreiber Tepco vor dem nächsten Problem steht: Was passiert mit der hochradioaktiven Brühe?

"Man kann das Wasser grundsätzlich dekontaminieren", sagt Sven Dokter von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) SPIEGEL ONLINE. Grundsätzlich gibt es zwei Methoden: Man kann das Wasser verdampfen. Übrig bleibt dann eine Art Konzentrat der radioaktiven Substanzen. Dieses muss in Endlagerstätten entsorgt werden. Ein anderes Reinigungsprinzip ist der sogenannte Ionenaustausch, ein Verfahren, bei dem man die radioaktiven Substanzen an ein Substrat bindet.

Solche Verfahren funktionierten auch im großen Maßstab, sagt GRS-Sprecher Dokter. Doch die Effizienz und Wirtschaftlichkeit hängt von vielen Parametern ab. "Bei den großen Mengen und unter diesen Bedingungen könnte das Jahre dauern."

Mitarbeit Rosa Vollmer, mit Material von dapd und dpa

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