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AKW in Japan Was wurde aus der Atomruine Fukushima?

Der Atom-GAU in Fukushima ist fünf Jahre her, doch bis heute kämpfen 8000 Arbeiter mit Lecks, verstrahltem Boden und Wasser. Wann und wie die zerstörten Meiler abgebaut werden, weiß niemand.

Fukushima Daiichi war ein Atomkraftwerk wie viele andere in der Welt. Errichtet Ende der Sechzigerjahre, versorgte es Japans Hauptinsel Honshu über Jahrzehnte verlässlich mit Strom und bot seinen Angestellten einen sicheren Arbeitsplatz. Bis zum 11. März 2011, als ein Tsunami die Anlage traf und den zweitgrößten Atomunfall der Geschichte auslöste.

Fünf Jahre danach hat sich die Situation auf dem Kraftwerksgelände zwar "stabilisiert", wie der Betreiberkonzern Tepco jüngst erklärte. Doch von den großen Problemen in Fukushima Daiichi sind nur wenige gelöst.

Weil geschlossene Kühlkreise teils nicht mehr existieren, werden jeden Tag Hunderte Tonnen Wasser in die zerstörten Reaktorgebäude geleitet. Das dann radioaktiv verseuchte Wasser muss anschließend herausgepumpt und gelagert werden.

Wie man die beim GAU geschmolzenen Brennstäbe jemals bergen wird, weiß derzeit niemand. Die betroffenen Reaktorgebäude darf wegen der hohen Strahlung kein Mensch betreten. Mit Robotern versucht man, sich zumindest einen groben Überblick über die Lage zu verschaffen. Tepco selbst hält den Rückbau zu "rund zehn Prozent" für bewältigt. Die Arbeiten könnten insgesamt noch 30 oder 40 Jahre dauern.

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Atomruine Fukushima: Kernschmelze und kontaminierte Wassermassen

Foto: TORU HANAI/ REUTERS

Uwe Büttner, Strahlenschutz-Experte bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), war zuletzt im Juni 2015 vor Ort: "Ich kannte die Fotos, aber mit eigenen Augen zu sehen, wie groß die beschädigten Anlagen sind, ist etwas anderes", sagt er. Die Dimensionen hätten ihn sehr beeindruckt. Erst beim Anschauen des Höhenprofils des Geländes habe er realisiert, wie hoch die Welle gewesen sei. Es waren 14 Meter, geschützt war die Anlage nur gegen maximal neun Meter hohe Wellen.

Der Super-GAU geschah, weil zuerst die Stromversorgung des Kraftwerks über Land ausgefallen war und danach das Meerwasser die Notstromaggregate zerstörte. So konnten drei nach dem Beben heruntergefahrene Reaktoren nicht mehr ausreichend gekühlt werden. Wahrscheinlich erhitzten sich in allen drei Meilern die Brennstäbe so stark, dass sie schmolzen und teils den Reaktordruckbehälter zerstörten. Die Schmelze gelangte so in das sogenannte Containment, den mit Beton umschlossenen Sicherheitsbehälter aus Stahl.

AKW Fukushima: Undichtes Ungeheuer

AKW Fukushima: Undichtes Ungeheuer

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Das nach wie vor wichtigste Werkzeug der Techniker ist Wasser. Anfangs wurde es vor allem zur Kühlung der Tausende Grad heißen Schmelze in die Reaktorgebäude gepumpt. Abgebrannte Brennstäbe werden normalerweise mehrere Jahre in Abklingbecken gelagert, bis die Nachzerfallswärme nachlässt. Das in Fukushima eingeleitete Wasser schützt jedoch auch vor Radioaktivität: Schon eine Schicht von 20 Zentimetern halbiert die gefährliche Gammastrahlung.

Doch die unkonventionelle, aus der Not geborene Wasserkühlung hat einen hohen Preis: Weil Reaktordruckbehälter und Containment undicht sind, gelangen radioaktive Nuklide in das eingespeiste Wasser. Zudem dringt Grundwasser in die beschädigten Gebäude ein. Das kontaminierte Wasser wird abgepumpt und kann wegen der hohen Strahlenbelastung nicht ins Meer gelassen werden, sondern wird in riesigen Tanks auf dem Kraftwerksgelände gelagert.

Video: Tsunami-Ausbreitung über Pazifik (2011)

US NWS Pacific Tsunami Warning Center

Luftaufnahmen zeigen, wie dicht die Wassertanks mittlerweile stehen. Etwa 400 Kubikmeter Wasser fallen jeden Tag an, was 400 Tonnen entspricht. 750.000 Tonnen lagern bereits in den Hunderten Tanks. Zwar gelingt es inzwischen, viele radioaktive Nuklide wie Cäsium und Strontium herauszufiltern. Doch das Wasser enthält auch strahlendes Tritium - und dafür muss erst noch eine industriell nutzbare Filtertechnik entwickelt werden. Erst ohne Tritium könnte man das Wasser ins Meer ablassen.

Die mit Tritium verseuchten Wassermassen auf dem Gelände stellen an sich keine Gefahr für die dort arbeitenden Menschen dar. "Es ist ein weicher Betastrahler und lässt sich leicht abschirmen. Schon die Haut schützt davor", erklärt GRS-Strahlenschützer Uwe Büttner. Zur Gefahr werde Tritium erst, wenn es in den Körper gelange.

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Fünf Jahre nach Fukushima-Katastrophe: Diese Arbeiter sind in der Atomruine im Einsatz

Foto: Christopher Furlong/ Getty Images

Der Aufwand, den der Betreiber Tepco und der japanische Staat auf dem Kraftwerksgelände treiben, ist enorm. 8000 Personen arbeiten dort jeden Tag - ein Vielfaches des ursprünglichen Kraftwerkspersonals. Sie haben Flächen dekontaminiert, Böden versiegelt, Leitungen verlegt, Tanks aufgebaut.

"Das macht einen sehr organisierten Eindruck", sagt Martin Sonnenkalb, GRS-Experte für Reaktorsicherheit. Er will den Reaktorunfall gemeinsam mit Kollegen im Rahmen eines OECD-Projekts simulieren, um sich ein besseres Bild von der Lage in den zerstörten Reaktoren machen zu können.

Sonnenkalb hat schon viele Atomkraftwerke gesehen, aber Schutzmaßnahmen wie in Fukushima noch nicht: "Wir wurden nach der höchsten Strahlenschutzstufe eingekleidet und bekamen lange Unterwäsche, zwei Paar Socken, Stoffhandschuhe, darüber zwei Paar Gummihandschuhe, einen Overall und eine Atemschutzmaske mit Filter, die das gesamte Gesicht bedeckt."

Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan

Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan

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Hinzu kamen Arbeitsschutzschuhe und Helm. Socken und Handschuhe seien zusätzlich mit Klebeband umschlossen worden, damit nichts an die Haut gelangen konnte. "Zwei, drei Stunden so herumlaufen - das ist schon eine Herausforderung." Im Sommer bekommen die Arbeiter zusätzlich Kühlpacks für den Rücken, damit sie nicht so sehr schwitzen.

Der nächste große Schritt wird die Inbetriebnahme eines Eiswalls sein, der den Zufluss von Grundwasser in die Reaktorgebäude stoppen soll. Die rund 1500 Kühlstäbe sind bereits rund um die Reaktoren 1 bis 4 im Erdreich installiert. Allerdings sollen zunächst nur einige davon eingeschaltet werden, weil man fürchtet, dass das Grundwasser zu schnell absinkt. Es dürfte aber mehrere Wochen dauern, bis der Boden tatsächlich gefroren ist und der Wasserzufluss stoppt.

An eine Bergung der geschmolzenen Reaktorkerne ist derzeit nicht zu denken. Bislang weiß man zu wenig über den konkreten Zustand der Meiler. Zudem könnte kaum ein Mensch die gefährliche Arbeit übernehmen - wahrscheinlich müssten Roboter das hochgiftige, stark strahlende Material einsammeln. Ob dies in 30 oder 40 Jahren gelingt, wie Tepco erklärt hat, kann derzeit niemand sagen.

Das Unglück von Fukushima ist auch eine finanzielle Katastrophe für den Betreiber Tepco und den japanischen Staat. Zu den hohen laufenden Kosten für die Aufräumarbeiten im und um das AKW kommen Dutzende Milliarden Entschädigungen - unter anderem für über 100.000 Menschen, die nach dem GAU ihr Zuhause verlassen mussten. Der GAU wird Japan noch lange weiter beschäftigen.

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