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16. Mai 2017, 12:34 Uhr

Weltkriegsbomben am Meeresgrund

Fische mit Tumor

Am Boden von Nord- und Ostsee verrotten Millionen Tonnen Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg - ihr Sprengstoff scheint Fische krank zu machen. Wie groß ist die Gefahr für Lebewesen?

Alte Kampfmittel auf dem Grund von Ost- und Nordsee könnten die Umwelt stärker gefährden,als bisher vermutet. Bei Untersuchungen des Plattfisches Kliesche fanden Forscher eine 25-prozentige Rate von Lebertumoren, sagte Ulrike Kammann vom Hamburger Thünen-Institut für Fischereiökologie am Montag bei einer Fachkonferenz im Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Rostock-Warnemünde. Die Fische lebten am Rande der mit alten Kampfstoffen belasteten Kolberger Heide in der Kieler Außenförde. In drei Vergleichsgebieten in der Ostsee habe die Tumorrate bei unter fünf Prozent gelegen, erklärte Kammann.

In Ost- und Nordsee wurden nach den Weltkriegen Schätzungen zufolge etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220.000 Tonnen chemische Kampfmittel versenkt, darunter auch in der Kolberger Heide. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich ihr Zustand durch Rost teils dramatisch verschlechtert, das TNT gelange bereits in kleineren Mengen in die Umwelt.

Muscheln nehmen TNT auf

"Die Daten sind wichtige Hinweise darauf, dass wir dort genauer hinschauen müssen", sagte Kammann. Im Verdacht, die Tumoren zu verursachen, stehen der Sprengstoff TNT beziehungsweise seine Abbauprodukte. Im Labor sei die Giftigkeit des TNT bereits nachgewiesen worden. Bei Fischembryonen seien Missbildungen an der Wirbelsäule aufgetreten.

In weiteren Versuchen sollen nun gesunde Kliesche in der Kolberger Heide untersucht werden. Sie werden dort einige Wochen lang in Netzkäfigen gehalten. Diese Zeit sei zwar zu kurz, um Lebertumoren auszubilden, es könnten aber möglicherweise Vorstufen entdeckt werden. Die behördliche Genehmigung sei aktuell erteilt worden.

Eine Arbeitsgruppe vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel hatte festgestellt, dass Muscheln, die direkt auf den verrosteten Bomben sitzen, das TNT aufnehmen. Hinzu komme, dass Vögel Muscheln fressen, sagte Claus Böttcher vom Kieler Umweltministerium.

"Haben noch 30 Jahre Zeit"

Das TNT, das aus den Bomben tritt, könne sich an Algen lagern, die Algen könnten das TNT aber auch verstoffwechseln. "Da entstehen dann Abbaustoffe, die noch giftiger sind als das TNT selbst." Es sei auch bekannt, dass sich das TNT an kleine Plastikpartikel anlagert. "Dort ist eine überraschend hohe TNT-Konzentration festzustellen, die sich dann auch in Vogelmägen findet", sagte Böttcher.

Er warnte aber davor, bei dem aktuellen Stand der Forschung davon auszugehen, dass die Kampfmittel alleiniger Grund für die Tumorbelastungen bei Fischen seien. "Wir haben im Meer eine gigantische Belastung aus verschiedenen Quellen mit Chemikalien oder Schwermetallen, da kommt die TNT-Belastung durch die Munitionskörper dazu."

Positiv sei, dass die meisten der versenkten Minen, Bomben und Granaten noch geschlossen sind. "Wir haben bestimmt noch 30 Jahre, in denen wir in Ruhe mit dieser Belastung umgehen können", sagte Böttcher. Die Bomben könnten beispielsweise geborgen werden. So seien im vergangenen Jahr 3000 Granaten geborgen worden. Es sei jedoch wichtig, heute mit den Forschungen zu beginnen. "Die Technik muss da sein, wenn wir sie brauchen."

boj/dpa

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