Schutz vor Diebstahl Geldautomaten schießen heißen Schaum gegen Räuber

Den Geldautomaten aus der Wand reißen und abschleppen, so brachial geht es beim Bankraub zu. Doch Wissenschaftler haben nun eine unangenehme Überraschung für Kriminelle ausgetüftelt.

J. G. Halter et al. / J. Mater. Chem. A

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Moderner Bankraub ist brachial: Statt mit einer Waffe tagsüber in eine Filiale zu gehen, kommen die Kriminellen inzwischen nachts mit einem Transporter. Sie reißen den Geldautomaten aus der Wand, laden ihn ein und öffnen ihn dann in Ruhe an einem sicheren Ort. Oder aber sie sprengen ihn gleich vor Ort, und die Filiale sieht danach aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Mehr als 1000 derartige Angriffe gab es im ersten Halbjahr 2013 europaweit.

Forscher der ETH Zürich haben nun eine Methode entwickelt, die das Knacken von Geldautomaten künftig erschweren könnte. Sie wollen die Geldkassette mit einer Folie auskleiden, die bei mechanischer Beschädigung binnen Sekunden große Mengen heißen Schaums produziert. Farbpigmente im Schaum machen die Geldscheine unbrauchbar - und markieren zudem die Räuber, die sich an dem Automaten zu schaffen machen.

Die Inspiration zur Schaumfolie lieferte die Natur. Der etwa einen Zentimeter große Bombardierkäfer wehrt sich mit Explosionen gegen Angreifer. Bei Gefahr mixt das Insekt zwei reaktionsfreudige Chemikalien in seinem Hinterteil und bringt sie mit Enzymen zur Explosion. Das mit einem Knall ausgestoßene ätzende Gas kann Ameisen töten und größere Tiere wie Frösche in die Flucht schlagen.

"Wenn man sieht, wie elegant die Natur Probleme löst, merkt man, dass die technische Welt oft festgefahren ist", sagt Wendelin Stark, Chemieprofessor an der ETH Zürich. Sein Team hat ein Material entwickelt, das sich ähnlich wie der Bombardierkäfer selbst verteidigt. Wird die Oberfläche beschädigt, produziert die Folie schnell große Mengen Schaum, der Angreifer vollspritzt. Über ihre Entwicklung berichten die Forscher im Fachblatt "Journal of Materials Chemistry A".

"Geldscheine markiert und unbenutzbar"

In der Folie befinden sich wabenförmige Hohlräume. Diese werden zum einen mit Wasserstoffperoxid gefüllt, zum anderen mit Mangandioxid. Beide Folien werden dann aufeinander geklebt, eine Klarlackschicht trennt sie. Bei einem Stoß geht die Trennschicht kaputt, die beiden Chemikalien vermischen sich. Bei einer heftigen Reaktion entstehen Wasserstoff, Sauerstoff und Wärme - etwa 80 Grad heißer Schaum wird freigesetzt.

"Man kann die Chemikalien mit Farbpigmenten anreichern, so dass Geldscheine markiert und damit unbenutzbar werden", erklärt Stark. Der Schaum wirke primär nach innen - also auf das Geld in der Kassette. Es sei vom Design her aber nicht schwierig, dass er auch nach außen gelange und so den Räuber treffe und markiere. "Man muss nur ein kleines Loch in dem Gehäuse lassen."

Lebensgefahr gehe von dem Schaum nicht aus, betont der Forscher, obgleich die Chemikalien nicht unbedenklich seien. Wasserstoffperoxid wird als Haarbleichmittel genutzt. Mangandioxid ist Hauptbestandteil von Alkalibatterien, "ich würde sie nicht als Gesichtscreme verwenden."

Es gibt bereits Geldautomaten, die Banknoten mit Farbe besprühen, sobald sie geknackt werden. Doch handle es sich dabei um mechanische Systeme, erklärt der ETH-Forscher. Ein Motor werde in Gang gesetzt, wenn er von einem Sensor einen Impuls erhalte. "Das braucht Strom, ist störanfällig und teuer", so Stark. Ziel seiner Forschungsgruppe sei, komplizierte Regeltechnik durch intelligente Materialien zu ersetzen.

Die Folie soll nach Starks Angaben nicht nur bei mechanischen Öffnungsversuchen funktionieren, sondern auch bei den immer wieder beobachteten Sprengungen der Automaten. "Dann wird alles noch besser verteilt", sagt der Forscher.

Um Täter leichter zu überführen und auch den Weg gestohlenen Geldes nachvollziehen zu können, schlagen die Schweizer Forscher vor, den Chemikalien zusätzlich auch Marker beizumischen. Diese ließen sich später an Kleidung, Körper und auf den Scheinen nachweisen. Als Marker biete sich künstliche DNA an, erklärt Stark, also synthetisch hergestellte Biomoleküle, in den normalerweise die Erbinformation von Lebewesen gespeichert ist. "Jeder Automat könnte sogar eine individuelle Signatur haben, technisch ist das kein Problem."

Bislang ist die intelligente Folie nur eine Konzept aus dem Forschungslabor. Die Wissenschaftler aus Zürich hoffen jedoch, dass sie schon bald in Geldautomaten genutzt wird. "Wir haben unsere Idee bewusst nicht als Patent geschützt", erklärt Stark. "Wir wollen, dass sie weltweit genutzt wird."

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Le Commissaire 14.04.2014
1. optional
Diese Beschichtung wird in Deutschland sicher nie in Bankautomaten verwendet werden. Die Kriminellen könnten sich bei der Anwendung ja verletzen.
franxinatra 14.04.2014
2. Nicht zu vernachlässigern
ist aber auch die damit erhöhr Sicherheit für das Security-Personal, das bei den Überfällen vor der Automatenbefüllung weniger attraktive Ziele bieten.
avers 14.04.2014
3. Nobelpreis
auch wenn es zum grossen Teil den Banken nutzt. Diese waelzen aber die verluste auf uns alle ab, also ab nach Stockholm!!
arghmage 14.04.2014
4.
Zitat von franxinatraist aber auch die damit erhöhr Sicherheit für das Security-Personal, das bei den Überfällen vor der Automatenbefüllung weniger attraktive Ziele bieten.
Ja sehr sicher, wenn man als Security ständig Gefahr läuft, mit 80°C heißem Schaum übergossen zu werden. Kann man nur hoffen, daß es nicht ins Auge geht.
Finsternis 14.04.2014
5. Ich bezweifel den Nutzen
1000 Angriffe, das klingt viel aber rechnet man das auf alle Automaten in Europa hoch ist es erschreckend wenig. Und es wird weniger werden. So etwas ist risiko reich und hinterlässt Spuren. Die meisten Angriffe werden früher oder später nur noch digital von statten gehen. Da werden Trojaner entwickelt und Bankkonten geplündert und das Geld ist innerhalb von Sekunden auf dubiosen Inselstaaten verschwunden. Die Idee ansich ist zwar nett, aber so neu nun auch wieder nicht (gibt es ja schon bei Tresoren, die sich bei Gewalteinwirkungen zerstören bzw. dessen Inhalt) und die benötigten Resourcen könnte man lieber in Dinge stecken, die sich nicht selbst mit der Zeit lösen.
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