Skandalforschung in China Studie zu gentechnisch veränderten Babys teilweise veröffentlicht

Der chinesische Forscher He Jiankui behauptet, die Gene von Zwillingen so verändert zu haben, dass sie immun gegen HIV sind. Nun veröffentlichte Manuskripte lassen etwas anderes vermuten.
Aufnahmen aus dem Labor im chinesischen Shenzhen: "Absichtliche Falschdarstellung"

Aufnahmen aus dem Labor im chinesischen Shenzhen: "Absichtliche Falschdarstellung"

Foto: Mark Schiefelbein/ AP

4699 Wörter dokumentieren den Tabubruch: Das Fachblatt "MIT Technology Review"  hat erstmals Auszüge aus Manuskripten des chinesischen Forschers He Jiankui veröffentlicht, in denen er beschreibt, wie er menschliche Embryonen gezielt gentechnisch verändert haben will. Damit wären Lulu und Nana - so die Namen der Zwillinge, die 2018 geboren worden sein sollen - die ersten gentechnisch veränderten Babys der Welt.

Die Ankündigung hatte international für Entsetzen gesorgt. Von einem unverzeihlichen ethischen Tabubruch war die Rede.

Zweifel, ob es Lulu und Nana überhaupt gibt

Mehr als ein Jahr später sind noch immer entscheidende Fragen offen. So gibt es kein offizielles Paper, das den Eingriff dokumentiert. Einige Kritiker bezweifeln sogar, dass es Lulu und Nana überhaupt gibt.

Bei den nun veröffentlichten Aufzeichnungen handelt es sich offenbar um Dateien, die He zuletzt 2018 bearbeitet und die er unter dem Titel "Die Geburt von Zwillingen nach der Bearbeitung des Genoms für HIV-Resistenz" zur Veröffentlichung eingereicht hatte. Laut "MIT Technology Review" hatten die renommierten Fachzeitschriften "Nature" und "JAMA" damals eine Veröffentlichung jedoch abgelehnt. Zum einen, weil He mit seiner Forschung eine ethische Grenze überschritten hatte, und zum anderen, weil kritische Nachfragen nicht beantwortet werden konnten.

He ist seit Monaten verschwunden, sein Labor wurde geschlossen, das Forschungsteam aufgelöst. Zurück bleiben viele Fragen. Um wenigstens einige beantworten zu können, haben vier Forscher die Aufzeichnungen für "MIT Technology Review" analysiert, darunter ein Arzt für künstliche Befruchtung, ein Embryologe, ein Anwalt und ein Spezialist für die Genscheren, die He bei seinem Eingriff verwendet haben will. Ihre Einschätzung ist vernichtend.

He Jiankui

He Jiankui

Foto: Kin Cheung/ AP

Die wichtigsten Kritikpunkte im Überblick:

Noch immer fehlt der Nachweis, dass der Eingriff tatsächlich geglückt ist. Zwar hatte He das immer wieder behauptet, aber die Daten aus dem Manuskript sprechen dafür, dass er zwar eine ähnliche Genveränderung herbeigeführt haben könnte, wie beabsichtigt, aber eben nicht dieselbe.

Konkret geht es um ein Eiweiß, das vom Gen CCR5 codiert wird und ein wichtiges Einfallstor für das HI-Virus ist. Es gibt einige Menschen, die eine natürliche Mutation dieses Gens aufweisen, die sie immun gegen HIV macht. He wollte den Kindern eine exakte Kopie einpflanzen. Dabei kam es jedoch wohl zu Abweichungen. Zudem wurden offenbar andere Genabschnitte durch den Eingriff verändert, mit ungewissen Folgen für die Gesundheit der Kinder. Genau davor hatten auch vorhergehende Studien gewarnt.

"Die Behauptung, sie hätten die CCR5-Variante reproduziert ist eine offenkundige Fehlinterpretation der tatsächlichen Daten und kann mit nur einem Wort beschrieben werden: Absichtliche Falschdarstellung", kritisiert Genforscher Fyodor Urnov von der University of California. Es sei völlig unklar, ob die Kinder durch die Manipulation tatsächlich immun gegen HIV sind.

Zudem wurde laut dem Manuskript bei einem der Mädchen nur eine Kopie des Gens verändert. Menschliche Zellen besitzen allerdings jeweils zwei Kopien, eine von der Mutter und eine vom Vater. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass das betroffene Mädchen nur teilweise geschützt ist, wenn überhaupt.

Neben wissenschaftlichen Ungenauigkeiten kritisieren die Experten, dass sich He über ethische Normen hinweggesetzt hat.

So ist beispielsweise unklar, ob die Eltern der Kinder zu dem Experiment gedrängt wurden. Sein medizinischer Vorteil ist in jedem Fall mehr als fraglich. Zunächst hatte es geheißen, der Eingriff solle verhindern, dass der HIV-infizierte Vater die Krankheit an die Kinder weitergibt. Das lässt sich jedoch bereits mit einer Spermareinigung verhindern.

Das größte Risiko für einen Säugling, sich bei einem HIV-positiven Elternteil anzustecken, besteht ohnehin durch die Übertragung von der Mutter bei der Geburt. Auch dieser Gefahr lässt sich inzwischen aber mit Medikamenten vorbeugen. Bliebe nur der mögliche Vorteil, dass sich die Mädchen auch im späteren Leben nicht infizieren können. Aber auch das ist in dem Experiment offenbar nicht geglückt.

Außerdem weckt das Manuskript übertriebene Hoffnungen, Millionen Babys könnten von einer HIV-Infektion geschützt werden, kritisieren die Forscher. "Das wäre so, als würde man sagen, die Mondlandung im Jahr 1969 bedeutet, dass bald Millionen von Menschen auf dem Mond leben können", so Urnov.

Auffällig ist außerdem, dass unter den Autoren der Manuskripte kein einziger Arzt aufgeführt wird, der die künstliche Befruchtung durchgeführt hat. Vielleicht war den Medizinern überhaupt nicht klar, an was für einem Projekt sie sich da beteiligen, mutmaßen die Experten.

Laut ihnen zeigt das Manuskript, dass es noch viel zu früh ist, die Genschere Crispr, mit der die Veränderungen an Lulu und Nana vorgenommen worden sein sollen, in menschlichen Embryonen einzusetzen. Einige Wissenschaftler schreckt das offenbar nicht ab. Ein russischer Forscher hat bereits angekündigt, ähnliche Experimente vornehmen zu wollen.

koe