Geoengineering gegen Klimawandel Forscher wollen Sonnenstrahlung mit Mondstaub dimmen

Eine gigantische Kanone schießt vom Mond aus Staub ins All: Mit dieser Technik könnte die Menschheit den Klimawandel bekämpfen, glauben Wissenschaftler. Mehr Science-Fiction geht kaum.
Mond vor einem Waldbrand in Großbritannien

Mond vor einem Waldbrand in Großbritannien

Foto: Anthony Devlin / Getty Images

Als 1815 der Tambora ausbrach, konnte kaum jemand daran etwas Gutes erkennen. Der Vulkan in Indonesien spie Asche und Geröll in die Luft, mehr als 70.000 Menschen starben. Es war die größte Vulkaneruption seit Tausenden von Jahren. Die Folgen des Ausbruchs beschäftigten die Welt damals noch länger, denn im Folgejahr zeigten sich die klimatischen Auswirkungen der Katastrophe in einem globalen Maßstab: Die Asche verdunkelte die Atmosphäre, das Sonnenlicht drang nur getrübt auf den Erdboden – 1816 ging als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte ein.

Es ist genau dieser Effekt, der heute für Klimaschützer interessant ist. Denn die Temperatur auf der Erde hängt entscheidend von der Sonnenenergie ab, die auf uns einstrahlt. Gelänge es, die Kraft der Sonne ein wenig kontrollierter zu drosseln als damals durch die Aschewolken des Tambora, würde auch der Temperaturanstieg auf der Erde nicht so stark ausfallen.

Forscher haben schon etliche verrückte Ideen entwickelt, wie so ein Effekt zu bewerkstelligen sei, beispielsweise mit Sonnenschirmen, die im Weltall ausgesetzt werden.

Aber Wissenschaftler aus Utah diskutieren nun eine Idee, die noch verwegener klingt. Drei Forscher um den Astrophysiker Benjamin Bromley haben untersucht, ob sich die Erde auch herunterkühlen ließe, wenn man die Kraft der Sonne mit einem Schutzschild aus Mondstaub mindern würde. Diesen müsste man im All ausstreuen. Dazu haben sie am Computer Simulationen angestellt. Ihre Studie ist in der Fachzeitschrift »PLoS Climate«  erschienen.

Laut den Forschern habe Mondstaub genau die richtige Größe und Zusammensetzung, um die Sonne wirkungsvoll abzuschatten und eigne sich besser als Kohle oder Meersalz. Auch einen Punkt im All, an dem der Staub ausgebracht werden müsste, haben die Forscher schon im Blick: Es ist der Lagrange-Punkt L1. Er liegt in Richtung Sonne, rund 1,5 Millionen Kilometer weit weg von der Erde. Dieser Ort hat eine besondere Eigenschaft, hier sind die Gravitationskräfte der beiden Himmelskörper in etwa ausgeglichen. Würde man hier ein Objekt aussetzen, würde es sich parallel zur Erde um die Sonne und stets zwischen den Himmelskörpern bewegen – der perfekte Ort, um einen Schleier auszulegen.

Mondkanone verschießt Millionen Tonnen Staub

Laut den Forschern müssten allerdings enorme Mengen Staub pro Jahr ins All geschleudert werden, um eine Auswirkung auf das Erdklima zu erzielen. Millionen Tonnen würden benötigt, da stetig Mondstaub von der Umlaufbahn abkäme und sich im All verteilen würde.

Klimakrise

Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.

Alle Artikel

Am günstigsten wäre es, den Staub direkt auf der Mondoberfläche zu gewinnen und regelmäßig mit ballistischen Mitteln an den Lagrange-Punkt L1 zu schießen. Auf unserem Erdtrabanten gibt es schließlich genügend Staub, zudem benötige man geringere kinetische Energie, um die Umlaufbahn zu erreichen, als bei einem Raketenstart von der Erde aus.

Mondstaub im All – reine Theorie

Die Idee der Forscher klingt nach echter Science-Fiction, und das ist sie auch. Denn die Umsetzung eines solchen Plans würde gigantische planerische und finanzielle Mittel verschlingen, möglicherweise bräuchte man noch eine kleine Raumstation am Lagrange-Punkt. Die Wissenschaftler geben auch zu, dass ihre Studie nicht mehr als eine Simulation am Computer sei und sie nicht untersucht hätten, wie so ein Vorhaben praktisch umgesetzt werden könnte noch welche Kosten es verschlinge. »Aber im Gegensatz zu erdgebundenen Strategien hat die Abschwächung des Klimawandels mit diesem Ansatz keine langfristigen Auswirkungen auf die Erde oder ihre Atmosphäre«, sind sich die Forscher sicher.

Schon länger beschäftigen sich Wissenschaftler damit, wie der Klimawandel mit technischen Mitteln aufgehalten werden kann. Der wichtigste Schritt ist, den Eintrag von klimaschädlichem Kohlendioxid in die Atmosphäre zu mindern, das betonen auch die Forscher um Bromley. Doch weder kommt der Verzicht auf fossile Energieträger schnell genug vorwärts noch würde das reichen, um die Klimaziele der Weltgemeinschaft zu erreichen. Deshalb entwickeln Forscher beim sogenannten Geoengineering Techniken, mit denen der Mensch selbst das Klima beeinflussen kann.

Eine dieser Techniken ist das sogenannte Solar Radiation Management (SRM), mit dem die Sonnenstrahlung manipuliert werden soll und zu der man auch die Idee von Bromley zählen kann. Allerdings stehen solche Techniken, bei denen beispielsweise Aerosolpartikel in der Stratosphäre ausgebracht werden könnten, in der Kritik. Das Risiko, dass dabei etwas schiefgeht, ist viel zu groß, denn über die Wirkungen auf die Erdatmosphäre sei noch zu wenig bekannt, sagen Skeptiker.

joe

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die gleichzeitige Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten