Trotz Bebenrisiko Schweizer treiben Geothermie-Pilotprojekt voran

Es ist ein ehrgeiziges Vorhaben: St. Gallen will Erdwärme nutzen und Erdgas fördern - aus einem einzigen Bohrloch. Das Projekt birgt Risiken, im Sommer erschütterte ein Erdbeben die Region. Doch einstweilen läuft es weiter. Wohl auch, weil kein Großkonzern dahintersteht.

Sankt Galler Stadtwerke/ T. Bloch

Aus St. Gallen berichtet Jan Oliver Löfken


Genug Wärme und Strom für etwa 4000 Haushalte - aus der Tiefe der Erde: Dieses Ziel verfolgt St. Gallen mit einer 4378 Meter tiefen Geothermiebohrung. Allerdings erschütterte im Juli dieses Jahres ein Beben der Magnitude 3,6 die schweizerische Stadt und die Bodensee-Region. Schuld war unter Hochdruck verpresstes Wasser, das einen unerwarteten Gasausbruch stoppen sollte.

Trotz vieler Ängste entschied der Stadtrat Ende August: weitermachen. Inzwischen fördert die Anlage testweise heißes Wasser und zugleich wertvolles Erdgas. Wandelt sich der Fluch womöglich zum Energiesegen für die 74.000-Einwohner-Stadt?

"Seit Tagen brennt die Gasfackel unregelmäßig lang, aber mit einer bis zu zwölf Meter hohen Flamme", sagt Thomas Bloch. Der 34-jährige Geologe ist einer von vier Leitern des ambitionierten Erdwärme-Projekts. Die Forscher messen neben der Gasmenge die Förderrate des Tiefenwassers, das kochend heiß aus dem Bohrloch an die Oberfläche gelangt. Dieser Tage sollen diese Produktionstests abgeschlossen, der 80 Meter hohe Bohrturm abgebaut und das Bohrloch vorübergehend versiegelt werden. "Dann geht es bis Ende des Jahres an die Auswertung der Daten", sagt Bloch.

Vier Kilometer tief liegt die bis zu 140 Grad heiße Gesteinsschicht. Wenn die Bohrung mindestens 50 Liter heißes Wasser pro Sekunde liefert, dann lohnt sich der Ausbau zu einem kompletten Erdwärme-Kraftwerk. Ob sich das Projekt gleichzeitig als lukrative Gasquelle entpuppt, kann Bloch heute noch nicht sagen. Ausgeschlossen ist es jedenfalls nicht.

Nicht nur in St. Gallen erwarten die Bohrexperten, der Stadtrat und die Bürger die Förderdaten mit Hochspannung. Für die gesamte Geothermie-Branche Mitteleuropas kann sich dieses Projekt zu einer Nagelprobe entwickeln. Denn der Untergrund des ausgedehnten Molassebeckens der Voralpen, das sich vor bis zu 34 Millionen Jahren mit Sedimenten füllte, birgt ein hohes geothermisches Potential. Bei der Nutzung besteht allerdings die Gefahr von Erdbeben, wenn schon vorhandene Spannungen im Tiefengestein durch die Einleitung von Wasser verstärkt werden.

So bedeutete ein Beben der Magnitude 3,4 im Dezember 2006 das Aus für ein Geothermie-Projekt in Basel. Die Zweifel an der Sicherheit der Tiefengeothermie wuchsen. Ein schweres Beben in St. Gallen wäre für die Branche eine Katastrophe. Denn den Bohrplatz im Sittertobel - dem Flußtal der Sitter - trennen gerade mal zehn Autominuten von der St. Galler Innenstadt mit der weltberühmten Stiftsbibliothek, die seit 1983 auf der Weltkulturerbeliste der Unesco steht.

Knapp 40 Millionen Franken für Vorerkundung und Bohrung

"Ich sehe für das St. Gallen-Projekt sehr gute Chancen", sagt Ernst Huenges, Leiter der Geothermieforschung am Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam. "Dort gehen die Verantwortlichen sehr vernünftig und offen mit den Risiken um. Seismizität, die ja nichts mit der Geothermie an sich zu tun hat, muss nicht zum Projektabbruch führen."

Die St. Galler wollen Schritt für Schritt vorgehen. Vom Projekt unabhängige Experten sollen in den kommenden Monaten eine Risikoanalyse für Erdbeben in der Region erstellen. Zusammen mit den Förderdaten wird diese Studie dann zur Grundlage für eine Entscheidung über die Zukunft des Erdwärme-Kraftwerks.

Dabei ist es sicherlich ganz praktisch, dass kein großer Energiekonzern hinter den Bohrungen im St. Galler Sittertobel steht: Die Bürgerinnen und Bürger selbst haben 2010 mit einer Mehrheit von über 82 Prozent zugestimmt, dass die Stadt St. Gallen einen Kredit von 160 Millionen Schweizer Franken für das Geothermieprojekt aufnimmt. "Knapp 40 Millionen Franken sind bisher in die Vorerkundungen und die erste Bohrung geflossen, und notfalls müsste diese Summe bei einem Misserfolg abgeschrieben werden", sagt Bloch.

Seit dem Bürgerentscheid hält der sechsköpfige Stadtrat das Heft in der Hand. Auch nach dem Juli-Beben hielt man dort an dem Projekt fest. Ob nach der Auswertung von Förderdaten und Bebenrisiko wieder der Stadtrat allein entscheidet, steht noch nicht fest. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Bürgerinnen und Bürger von St. Gallen erneut gefragt werden", sagt Bloch.

Der Geologe hofft sehr, dass das Projekt Mitte kommenden Jahres in die nächste Phase eintreten kann. Dann würden die Fachleute das schon gebohrte Loch wieder öffnen. Es ist über fast die gesamte Länge mit Beton gefestigt. Dazu käme dann eine zweite Bohrung. Die wäre nötig, um heißes Wasser kontinuierlich zu fördern und kälteres Wasser wie in einem Kreislauf wieder in den Boden zu leiten. Die derzeitige Planung geht von einem Start des Kraftwerks im Herbst 2015 aus.

Wann sich die Investitionen auszahlen, hängt sowohl von der Förderrate als auch von der Temperatur des Wassers ab. Man müsse jeden Standort ganz individuell betrachten, sagt Bloch, der sich auf keine Jahreszahl festlegen lassen will. "Wir sind als Pilotprojekt nicht mit dem Ziel Amortisation angetreten, sondern wollen im Betrieb mindestens eine schwarze Null schreiben, also aus Geothermie wirtschaftlich Strom und Wärme produzieren."

Wenn außerdem noch nennenswerte Gasmengen gewonnen werden könnten, ließe sich dieses Ziel sogar noch schneller erreichen.

insgesamt 57 Beiträge
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gandhiforever 01.11.2013
1. Das Sittertobel
ist ein imposanter Einschnitt in der Landschaft zwischen Stadt und Appenzell. Wenn nun trotz des Erdebebens weiter gemacht wird, mit ausdruecklicher Billigung des Stadtrats, dann birgt das nicht nur Chancen sondern auch Risiken. Sollte es noch einmal zu einer Panne kommen, bei der ein Erdbeben mit Schaeden ausgeloest wird, weil alles unternommen wird, um das Projekt zu retten, dann koennte diese die Stadt teuer zu stehen kommen.
wahrheitsfreund 01.11.2013
2. Geothermie 2.0 ist das Rezept für die Zukunft!
Zitat von sysopSankt Galler Stadtwerke/ T. BlochEs ist ein ehrgeiziges Vorhaben: St. Gallen will Erdwärme nutzen und Erdgas fördern - aus einem einzigen Bohrloch. Das Projekt birgt Risiken, im Sommer erschütterte ein Erdbeben die Region. Doch einstweilen läuft es weiter. Wohl auch, weil kein Großkonzern dahintersteht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/geothermie-in-st-gallen-heisses-wasser-und-erdgas-a-930857.html
Das Ganze ist sehr erfreulich. Ich hoffe, dass alles nach Plan verläuft und nächsten Sommer losgelegt werden kann. Auf Erdgasförderung sollte man allerdings in Zukunft verzichten, da die Erdhitze genug Wärme und Strom zur Verfügung stellen kann. Wir müssen endlich von Petroleum und Erdgas wegkommen! Wenn Erdhitzekraftwerke der zweiten Generation ausgereift sind, können wir günstiger als jetzt heizen und der Strompreis könnte unter 10 Cent fallen. Das wird allerdings frühestens in den 30ern passieren. Ich wünschte, man könnte einfach mal 20 Jahre überspringen.
govedari 01.11.2013
3. Geothermie-Pilotprojekt
Trotzdem sollte man eigentlich Goethe richtig schreiben können...
govedari 01.11.2013
4. Geothe
nicht einmal Goethe können die Leute heute noch richtig schreiben...
dalethewhale 01.11.2013
5. wo ist das Problem
es können nicht alle Völker bedenken Träger sein.
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