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16. Mai 2014, 18:08 Uhr

Kraftwerk in der Schweiz

Geothermie-Projekt scheitert an Wassermangel

Von Jan Oliver Löfken

Bereits 36 Millionen Euro hat es gekostet - jetzt ist das Projekt gescheitert. Das schweizerische St. Gallen wird nicht mit Wärme aus der Erde versorgt. Die Verantwortlichen hoffen, dass zufällig entdeckte Gasreserven sich nutzen lassen.

Tausende Haushalte sollte eine mehr als 4.000 Meter tiefe Bohrung im schweizerischen St. Gallen mit Strom und Wärme versorgen. Doch diese Hoffnung, wurde nun brüsk enttäuscht. Das Projekt ist gescheitert, und der Rat der Stadt hat sich gegen den weiteren Ausbau des bisher knapp 44 Millionen Schweizer Franken (etwa 36 Millionen Euro) teuren Geothermie-Kraftwerks entschieden. Nicht die Angst der Bürger vor Erdbeben führte zum Aus, sondern die Geologie: In den Tiefengesteinen fließt schlicht zu wenig Wasser.

"Die geringe Wasserförderrate sowie die Gasführung stellen die ursprünglich vorgesehene Erschließung des Malmkalks und das geplante Betriebskonzept in Frage", berichteten die vor Ort verantwortlichen Ingenieure nach einer Analyse der Messdaten bereits im Februar. Erst ab einer Förderrate von 50 Litern heißen Wassers pro Sekunde wäre eine technische Nutzung der Tiefenwärme sinnvoll gewesen. Tatsächlich wurden aber durchschnittlich nur sechs und ab und zu höchstens zwölf Liter gefördert. Zu wenig, um eine dauerhafte Energieversorgung mit Erdwärme zu gewährleisten.

Letzte Hoffnung Gas

Allerdings bleibt den Stadtwerken und den Bürgern von St. Gallen, die den Großteil der bisherigen Kosten tragen, ein kleiner Trost. Denn während der Tiefenbohrung stießen die Ingenieure auch auf Erdgas, das während einer Testphase im vergangenen Jahr an der Oberfläche des Geländes abgefackelt wurde. Dessen Nutzung will die Stadt nun möglicherweise weiterverfolgen. Eine Einspeisung direkt in das lokale Gasnetz gilt als machbar. So könnte sich die teure Bohrung doch noch teilweise lohnen. Denn nach aktueller Schätzung könnte genug Erdgas gewonnen werden, um die ganze Stadt während eines durchschnittlichen Herbstmonats zu versorgen. Doch unklar bleibt, wie groß das angezapfte Reservoir tatsächlich ist.

Bevor sich St. Gallen entschließt, das Gas zu nutzen, was weitere sieben Millionen Franken (etwa 5,7 Millionen Euro) Investitionen erfordern würde, stehen noch einige Tests aus. Mitte des Jahres wird mit einer Entscheidung des Stadtrats auf möglichst breiter Datenbasis gerechnet. Falls die Abgeordneten gegen eine Gasförderung votieren, bleibt nur der Abbau des gesamten Pilotprojekts. Für die Geothermie-Branche könnte sich St. Gallen als ein herber Rückschlag erweisen. So ist es wahrscheinlich, dass es in Zukunft noch schwieriger wird, Investoren für diese eigentlich sehr elegante und weitestgehend klimaneutrale Form der Energieversorgung zu gewinnen.

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