Geruch im Cockpit Germanwings-Zwischenfall bleibt ungeklärt

Was genau passierte, als im Dezember 2010 ein Germanwings-Flug nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammte? Beiden Piloten war beim Landeanflug in Köln-Bonn durch einen Geruch schlecht geworden - doch warum, das kann auch ein neuer Untersuchungsbericht nicht sagen.

Ein Airbus A319 von Germanwings (im November 2011): Keine Quelle für Gerüche gefunden
DPA

Ein Airbus A319 von Germanwings (im November 2011): Keine Quelle für Gerüche gefunden


Braunschweig - Es müssen dramatische Minuten gewesen sein, an jenem 19. Dezember 2010 im Cockpit der Germanwings-Abendmaschine von Wien nach Köln-Bonn. Beim Landeanflug bemerkten die Piloten "einen seltsamen, stark ausgeprägten, unangenehmen Geruch", den sie später als "eine Mischung aus verbrannt und elektrisch Riechendem" beschrieben. Dem Copiloten wurde nach eigenen Worten "kotzübel", Arme und Beine fühlten sich taub an. Der Kapitän bemerkte ein starkes Kribbeln in Händen und Füßen - und dass ihm "im wahrsten Sinne des Wortes die Sinne schwanden".

So ist es in einem Bericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung nachzulesen, der am Donnerstag veröffentlicht wurde. Und auch, wie es der Besatzung dennoch gelang, die Maschine mit 149 Menschen an Bord zu landen. Das Problem: Auch nach eingehender Untersuchung ist nicht klar, was das Problem ausgelöst hat - und beide Piloten in der Notsituation zur Sauerstoffmaske greifen ließ.

"Es hat ein heftiges Ereignis gegeben, das steht außer Frage. Seine Entstehung konnte aber nicht ermittelt werden", sagte Untersuchungsführer Johann Reuß. Technische Ursachen könnten ausgeschlossen werden. Konkret heißt das, es gab:

Ein medizinisches Gutachten kommt zu dem Schluss, dass es bei den Piloten keine Hinweise auf eine mögliche Vergiftung gab. Mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen durch giftige Dämpfe in Flugzeugen, zuweilen unter dem Begriff Aerotoxisches Syndrom zusammengefasst, sorgen immer wieder für Diskussionen. Wissenschaftlich dingfest machen lässt sich das Phänomen allerdings nicht so recht.

"Massive Sorge und Angst"

"Die Piloten haben sich mit dem Aufsetzen der Masken richtig verhalten. Der Anflug und die Landung waren stabil", so Reuß. Die Ermittler sind der Auffassung, dass "physiologische und psychologische Wirkungen der Gerüche auf beide Besatzungsmitglieder" zu der Situation beigetragen haben könnten: "Möglicherweise wurde der Geruch als Signal der Bedrohung aufgefasst, wodurch eine massive Sorge und Angst ausgelöst werden konnte", heißt es in dem Bericht.

Die Pilotenvereinigung Cockpit übte Kritik an dem Untersuchungsdokument. Das Papier sei "widersprüchlich" und "tendenziös", erklärte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Markus Tressel, der sich seit Jahren mit dem Fall befasst, beklagte handwerkliche Fehler: "Wir fordern hier weitere Aufklärung. Gerade erst habe ich wieder eine kleine Anfrage bei der Bundesregierung eingereicht. Auch zu diesem Bericht wird es ein parlamentarisches Nachspiel geben."

Die Untersuchungen der Braunschweiger Experten hatten erst ein Jahr nach dem Zwischenfall begonnen. Daraus seien Konsequenzen gezogen worden, erklärte Untersuchungsführer Reuß. Mitarbeiter seien nachgeschult und eine Checkliste überarbeitet worden.

An Bord des betroffenen Airbus A319-132 hatte es im Mai 2008 nach dem Start im irischen Dublin übrigens schon einmal Geruchsprobleme gegeben. Auch hier hatten sich die Piloten entschieden, ihre Sauerstoffmasken aufzusetzen und eine Luftnotlage zu erklären. Bei späteren Tests, auch bei Airbus in Toulouse, konnte ebenfalls keine Ursache gefunden werden.

chs/dpa

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insgesamt 11 Beiträge
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frankstroehlein 05.12.2013
1. Heisst konkret...
...wir haben null Ahnung und gehen davon aus, dass die Herrschaften sich das nur eingebildet haben. Muss wohl erst noch ein paarmal vorkommen, um eine ausreichende Datenbasis zu haben.
laermgegner 05.12.2013
2. Kennen wir schön
Auch für Fluglärm gibt es noch nicht ausreichende Erklärungen in Gutachterform, dass er krank machen kann ! Also bleibt der alte Satz, ich schreibe ein Gutachten, für den, der es bezahlt. Die B 787 hat ein anderes Luftansaugsystem- warum wohl.
zufriedener_single 05.12.2013
3. Angst? Beide Piloten?
Das ist ein Witz, oder? Sicher haben auch Piloten Angst. Aber die sollten hinreichen psychisch belastbar sein und entsprechend reagieren können. Haben sie ja mit O2 auch getan. Die Pilotenausbildung ist doch etwas anspruchsvoller als ein LKW-Führerschein oder eine Befähigung einen ICE zu fahren.
tx-berg 05.12.2013
4. Aussage der Piloten (u.a.):
...als "eine Mischung aus verbrannt und elektrisch Riechendem" beschrieben. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass professionelle Techniker keine Ursache gefunden haben. Bei den etlichen Kilometern von zum Teil (durch Starkstrom) hoch belasteten Kabeln, Kontakten und Aggregaten, sollte kein angeschmortes Kabel, o.ä. gefunden worden sein?!?! Ich wittere Vertuschung, die vom Hersteller mit entsprechender Macht inszeniert, bzw. entwickelt werden.
thomhein 05.12.2013
5. Luftprobe nehmen
gebt den Piloten eine leere Tupperdose mit. Bei schlechter Luft einfach Deckel drauf. Nach der Landung können die Schadstoffe untersucht werden.
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