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SPIEGEL

Jörg Blech

Ärzte Droht Kindern mit ADHS eine falsche Behandlung?

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit der Deutschen. In ihren Leitlinien schreibt sie vor, wie bestimmte Krankheiten zu behandeln sind. Dieser vermeintliche Goldstandard soll die Patienten vor sinnlosen Operationen und überflüssigen Medikamenten schützen. Leider gibt es Grund zur Annahme, dass das nicht immer funktioniert.

Damit es keine heimlichen Einflussnahmen gibt, sollen all jene Leitlinienautoren, die als Berater für profitorientierte Medizinunternehmen arbeiten, ihre bezahlten Nebentätigkeiten offenlegen. »Es ist das Anliegen der AWMF, die notwendige Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pharmaindustrie so zu strukturieren, dass sie transparent ist.«

So weit die hehren Absichten. Die Realität sieht ein wenig anders aus, wie sich am Beispiel von ADHS und der Gabe von Methylphenidat, also zum Beispiel Ritalin, zeigt. Im Leitlinienreport »ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter« steht: »Die Interessenkonflikterklärungen aller Mitwirkenden sind im Leitlinien-Sekretariat hinterlegt und können nach schriftlicher Anfrage eingesehen werden.«

Auf eine Anfrage des SPIEGEL verweigerte Leitlinienkoordinator Tobias Banascheski drei Wochen lang die Einsicht – und schob dann eine neue Bedingung nach: Eine Preisgabe der Interessenkonflikte sei an die »Zustimmung der Beteiligten gekoppelt«, die noch eingeholt werden und offenbar gar nicht gewährt werden müsse. Mit anderen Worten: Die von der AWMF versprochene Transparenz gibt es ohne Weiteres gar nicht.

Bestimmte Fachjournale dagegen erlauben keine Tricks. Weil Banaschewski darin einige Aufsätze veröffentlicht hat, durfte er seine Nebentätigkeiten im Sinne der Industrie nicht verschweigen. Und so erfährt man doch noch, wem etwa der Leitlinienkoordinator als Berater oder Redner zu Diensten ist: den pharmazeutischen Firmen Medice, Takeda/Shire und Lilly. Allesamt Hersteller von ADHS-Medikamenten.

Herzlich

Ihr Jörg Blech

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Störche können sehr gut sehen, bis zu 500 Kilometer am Stück fliegen und Spitzengeschwindigkeiten von 100 km/h erreichen. Aber wussten Sie auch, dass Meister Adebar  eine großartige Nase hat?

  • Das Gekleckse mancher moderner Künstler ist nicht jedermanns Sache. Der Anblick steinzeitlicher Malereien und Skulpturen , die derzeit in einer Ausstellung in Oldenburg zu sehen sind, ist dagegen geradezu eine Wohltat.

  • Bloß keine vierte Welle! Meine Kollegin Heike Le Ker hat recherchiert, was am besten hilft, um dieses Horrorszenario zu verhindern.

  • Die römischen Herrscher Alexandrias ließen im Jahr 38 zu, dass die Juden der ägyptischen Stadt von ihren Mitbürgern in Gettos gesperrt, gefoltert und ermordet wurden. Es war der erste Pogrom der Geschichte.

  • Der Tasmanische Teufel war selbst vom Aussterben bedroht, jetzt ist das gefährliche Beuteltier drauf und dran, einer anderen Spezies den Garaus zu machen.

  • Die Himmelsscheibe von Nebra , die derzeit mal wieder in einer fulminanten Ausstellung in Halle gefeiert wird, gilt als einer der wichtigsten Funde der deutschen Geschichte. Wer wissen will, was es wirklich mit dem Kultobjekt auf sich hat, sollte den Ausführungen des Landesarchäologen Harald Meller lauschen.

Quiz*

1. Forscher haben herausgefunden, dass Störche ähnlich wie Hunde etwas ganz Bestimmtes auch noch aus mehr als 20 Kilometern Entfernung riechen können, wenn der Wind richtig steht – worum handelt es sich dabei?

a: Um ihren Nachwuchs
b: Um frisch gemähtes Gras
c: Um Aas

2. Während der Steinzeit schnitzten Menschen überall in Europa völlig unabhängig voneinander immer wieder die gleiche Figur. Welche?

a: Einen Menschen mit Löwenkopf
b: Eine Frau mit großen Brüsten
c: Einen Säbelzahntiger

3. Auf der kleinen australischen Insel »Maria Island« sind in den vergangenen Monaten Tausende Pinguine gestorben; die Population steht nun kurz vor dem Aussterben. Was wurde den Vögeln zum Verhängnis?

a: Plastik, das sie gefressen hatten.
b: Eine rätselhafte Variante des Coronavirus
c: Angriffe durch den Tasmanischen Teufel

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

Foto: Aleksandra Kossowska / Alamy / mauritius images

Für zu Hause ist die Blume nicht geeignet, die hier von Besuchern des botanischen Gartens der Universität Warschau fotografiert wird. Der Blütengigant trägt den Namen Titanenwurz, ist aber auch als »Corpse Flower« (»Leichenblume«) bekannt, weil er Insekten mit Aasgestank zur Bestäubung anlockt. Die mächtigsten Blütenstände können mehr als drei Meter hoch werden, doch die stinkende Pracht währt nur kurz: Die auf Sumatra heimische Pflanze blüht höchstens alle zwei Jahre und dann immer nur für ein bis zwei Tage.

Fußnote

35 Libellenarten in Deutschland konnten ihre Verbreitung während des Zeitraumes von 1980 bis 2016 ausweiten. Das sei knapp die Hälfte aller bekannten heimischen Arten, teilt das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung nach Auswertung regionaler Datenbanken mit. Das Vorkommen von weiteren 20 Arten blieb stabil, bei 22 wurde ein Rückgang festgestellt. Zuwächse gab es vor allem bei wärmeliebenden Arten und bei solchen, die an Fließgewässern leben. Die Studienautoren führen die Entwicklung vor allem auf den Klimawandel zurück.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1. b. Bei Versuchen in Süddeutschland zeigte sich, dass Störche gezielt eine frisch gemähte Wiese anflogen, die etwa 25 Kilometer entfernt war.
2. b. Über einen Zeitraum von etwa 20.000 Jahren entstanden während der Steinzeit zahlreiche Skulpturen von großbrüstigen Frauen, die womöglich Fruchtbarkeitsgöttinnen darstellen sollten.
3. c. Es waren Tasmanische Teufel, besonders angriffslustige Beuteltiere, die den Pinguinen zum Opfer wurden. Bisher starben etwa 6000 Vögel.