Umweltschutz Was wurde aus dem Glühbirnen-Verbot?

Das Verbot der Glühbirne wurde 2009 als Untergang der Industriekultur bejammert. Inzwischen sind viele Alternativen auf dem Markt. Aber wurde der erwünschte Umwelteffekt auch erreicht?
Birnen mit Glühfäden waren über rund 130 Jahre ein Symbol des technologischen Fortschritts: Inzwischen haben sie in Europa ausgedient

Birnen mit Glühfäden waren über rund 130 Jahre ein Symbol des technologischen Fortschritts: Inzwischen haben sie in Europa ausgedient

Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpa

Am 1. September 2009 kam das Aus für die gute alte Glühbirne, wie wir sie seit Ende des 19. Jahrhunderts kannten - und in Deutschland herrschte Weltuntergangsstimmung. Die Hiobsbotschaften in den Medien überschlugen sich: Die damals als Ersatz in Umlauf gebrachten Energiesparlampen könnten Krebs auslösen, Diabetes, Osteoporose - fast alle Zivilisationskrankheiten sah man heraufziehen. Zumindest in der Entsorgung und im Bruchfall entpuppte sich der vermeintliche Öko-Ersatz tatsächlich als problematisch: Die Lampen enthielten giftiges Quecksilber.

Außerdem, so die Kritiker damals, schieße die EU doch mit "Kanonen auf Spatzen", denn Beleuchtung verbrauche gerade mal 1,5 Prozent des Stroms in Europa. Die Verbraucher wehrten sich mit Hamsterkäufen alter Glühbirnen gegen vermeintliche Gefahren, fahles Licht und die Bevormundung aus Brüssel.

Doch die EU setzte ihren Plan unbeirrt um. Das Glühlampenverbot war nur einer von zahlreichen Beschlüssen , die darauf zielten, den Stromverbrauch zu senken - es ging darum, gesetzte Klimaschutzziele zu erreichen. Tatsächlich ist die Glühbirne extrem ineffizient: Sie wandelt nur fünf Prozent der Energie in Licht um. Der Rest verpufft als Wärme.

Ungeliebte Alternative: Das Licht von Gas-Energiesparbirnen gefällt vielen Menschen nicht. Ältere und preiswerte enthalten zudem toxisches Quecksilber

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Foto: Tim Brakemeier/ dpa

Ihr Verbot, versprachen die Experten, werde nahezu 40 Terawattstunden Strom einsparen - das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch Rumäniens. Absolut werde der Stromverbrauch trotz steigender Lichtnachfrage um 16 Terrawattstunden sinken. Umgerechnet zehn 800-Megawatt-Kraftwerke könne man so abstellen, und etwa 15 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 werde man weniger in die Atmosphäre blasen.

Heute ist der Handel in Europa praktisch glühlampenfrei. Was aber wurde aus dem Versprechen, mit Energiesparlampen den Lichtenergieverbrauch um 30 Prozent zu senken?

"Das ist soweit eingetreten - und wird auch noch weitergehen", sagt Ines Oehme vom Umweltbundesamt. Denn die Umstellung sei noch lange nicht beendet: Erst 2020 werde das volle, jährliche "Einsparpotenzial" erreicht. Der Energieverbrauch für Beleuchtung sinke seit 2009, analog zum schrittweisen Ausstieg aus Glühbirne und verbrauchsstarken Halogenlampen.

Kompromiss auf Zeit: Wärmeres Licht und eine bessere Lichtausbeute bieten auch Halogenlampen (links). Sie sind aber nicht gut genug: Die verbrauchsstärkeren Halogenlampen sind bereits verboten.

Kompromiss auf Zeit: Wärmeres Licht und eine bessere Lichtausbeute bieten auch Halogenlampen (links). Sie sind aber nicht gut genug: Die verbrauchsstärkeren Halogenlampen sind bereits verboten.

Foto: Patrik Stollarz/ Getty Images

Für Deutschland liegen dazu konkrete Zahlen und Prognosen vor - und belegen den sinkenden Stromverbrauch bei der Haushaltsbeleuchtung. Von 2008 bis 2015 ist er absolut um rund ein Viertel von 12,2 Terawattstunden auf 9,3 Terawattstunden zurückgegangen. Damit hat Deutschland seinen Beitrag von umgerechnet etwa 3,5 Terawattstunden zum europäischen Sparziel - insgesamt circa 16 Terawattstunden - schon fast erfüllt. Bis 2020 fehlt nur noch rund eine halbe Terawattstunde.

"Das Glühlampen-Aus ist eine Erfolgsgeschichte", bilanziert Oehme darum. Denn endlich sinke der Energieverbrauch in diesem Bereich tatsächlich. Und das, obwohl mehr Haushalte Jahr für Jahr mehr Beleuchtung bräuchten. "Allerdings hätten die Einsparungen noch größer sein können, wenn die Deutschen schneller auf wirklich energiesparende Lampen wie LED umgestiegen wären."

Was nach dem September 2016 noch verkauft werden darf, entscheidet die Effizienzklasse des Leuchtmittels. Auch die meisten Halogenlampen werden verschwinden, für manche gilt eine "Gnadenfrist" bis 2018

Was nach dem September 2016 noch verkauft werden darf, entscheidet die Effizienzklasse des Leuchtmittels. Auch die meisten Halogenlampen werden verschwinden, für manche gilt eine "Gnadenfrist" bis 2018

Foto: SPIEGEL ONLINE

Birnen-Boom in Deutschland

Denn die Aversionen der Deutschen gegen die Energiesparlampen waren groß, Klimaschutz hin oder her. Während sich einige der europäischen Nachbarn klaglos von den Glühfadenlampen verabschiedeten, gab es einen wahren Birnen-Boom in Deutschland. Der deutsche Einzelhandel meldete Spitzenumsätze: So wurden in der ersten Hälfte des Jahres 2009 fast zehn Millionen Glühbirnen mehr verkauft als im Vorjahreszeitraum. Und auch nach dem 1. September 2009 durften die Läden ihren Vorrat an Glühlampen noch abverkaufen. Die riesigen Lagerbestände werden teilweise noch heute illegal verkauft.

Auch Halogenlampen, auf die viele Deutsche zuerst auswichen, halfen der Strombilanz wenig. Sie erzeugen wie Glühlampen mehr Hitze als Licht und sparen nur rund 30 Prozent Energie. Die verbrauchsstärkeren Halogenlampen sind bereits verboten, und die letzten Halogenlampen dürfen nur dank einer Gnadenfrist noch bis September 2018 produziert werden. "Man wollte den LED-Lampen auch mehr Zeit zur Entwicklung geben", sagt Oehme.

LED: die Energiesparlampe der Zukunft

Denn die LED, Licht emittierende Dioden, setzen sich nun flächendeckend durch. Sie gelten heute als die Energiesparlampe der Zukunft. LEDs sind in ihrer Leistungsbilanz billig und massentauglich geworden - und sie sind extrem effizient: Viele Modelle sparen mindestens 70 Prozent Strom gegenüber den alten Glühbirnen - und dürfen daher auch gesetzlich als "Energiesparlampe" bezeichnet werden.

Das preisgekrönte Zukunftsmodell: Birne, next Generation - mit LED-Fäden. Teurer, aber auch "eleganter", weil sie nostalgische Gefühle bedient

Das preisgekrönte Zukunftsmodell: Birne, next Generation - mit LED-Fäden. Teurer, aber auch "eleganter", weil sie nostalgische Gefühle bedient

Foto: Vosla

Anders als die "Kompaktleuchtstofflampen" enthalten LEDs kein Quecksilber, müssen nicht aufwendig entsorgt werden, können beliebig oft an- und ausgeschaltet werden, das Licht ist sofort da. Nur an dem Lichtton muss noch gefeilt werden: "Warmweiß" will der Verbraucher für seine Wohnung, nicht metallisch-kalt wie bisher.

Aber auch das ist auf dem Weg: Der Bundespreis ecodesign ging 2014 an eine glühlampen-weich strahlende LED-Lampe . An ihrem birnenförmigen Design kann man die Sehnsucht der Deutschen nach der alten Glühbirne ablesen. Inzwischen bieten etliche Marken solche Lampen an, man findet sie schon als Sonderangebot beim Discounter. Dagegen hat die quecksilberhaltige Energiesparlampe auf dem Markt heute keine Chance mehr.

Alles gut also? Leider nicht. Denn statt zu sinken, steigt der Stromverbrauch der Privathaushalte insgesamt. Schuld sind unsere vielen Handys, Computer, iPads, Flachbildschirme und Playstations: Sie verbrauchen heute allein in Deutschland rund ein Drittel mehr als 2008 - ein Anstieg um geschätzt rund acht Terawattstunden. Deutlich mehr als die eingesparten drei Terawattstunden bei der Beleuchtung.

Daran ändert auch die bessere Effizienz der Geräte nichts - es sind einfach zu viele. Oehmes Fazit: "Das Stromsparen bei der Beleuchtung ist zwar auf gutem Weg. Der Blick aufs Ganze zeigt aber: Mit effizienten Geräten allein erreichen wir unsere Klimaschutzziele nicht. Wir müssen bewusster konsumieren - und das heißt auch weniger."

Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
Foto: LAURENT REBOURS/ AP

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