Greenpeace-Recherche Dokumente entlarven Willkür bei Gorleben-Wahl

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2. Teil: Handschriftlich ergänzte Tabelle


Die erste Suche nach einem deutschen Atomlager war bereits Ende der sechziger Jahre gescheitert, als sich unter anderem die Bürger im ostfriesischen Bunde und dem schleswig-holsteinischen Oldenswort gegen eine Nukleardeponie stark machten. Auf der Suche nach einem Standort für ein Entsorgungszentrum hatte das Bonner Forschungsministerium dann zwischen 1972 und 1975 systematisch Salzstöcke untersuchen lassen - andere Formationen wie etwa in Ton oder Granit spielten keine Rolle.

Den Job übernahmen die Geologen Gerd Lüttig und Rudolf Wagner im Auftrag der Kernbrennstoff-Wiederaufbereitungsgesellschaft (Kewa). Geologische Fragen waren dabei nur ein Teil des Kriterienkataloges. Stattdessen ging es nicht zuletzt darum, dass für das Nuklearstädtchen genug Fläche zur Verfügung stand - möglichst weitab von anderen Wirtschaftszweigen wie Landwirtschaft oder Tourismus. So lange die Anlage genug Platz hatte und niemanden störte, war alles gut, so das Credo.

Gorleben fand sich nicht im abschließenden Kewa-Bericht. Die Experten waren nämlich bei ihren Analysen auf das wasserlösliche Mineral Carnallit gestoßen. Die Gefahr, dass Teile des Gesteins ausgewaschen werden könnten, war eine denkbar schlechte Voraussetzung für die Standsicherheit des geplanten Bergwerkes. Außerdem liege das Gebiet in einer "Ferienzone". Stattdessen blieben drei andere Standorte in Niedersachsen übrig: Börger/Wahn im Emsland, Lichtenhorst im Lichtenmoor und Lutterloh in der Lüneburger Heide. An allen drei Standorten gab es aber Proteste gegen die geologischen Erkundungen.

Im Juni 1976 beauftragte das niedersächsische Sozialministerium den TÜV Hannover, eine Stellungnahme zu schreiben. Die Experten machten sich in Niedersachsen und Schleswig-Holstein auf die delikate Suche. Sieger des Wettbewerbs wurde schließlich das schleswig-holsteinische Örtchen Nieby bei Flensburg, wo der Salzstock allerdings nicht direkt unter dem Standort des Entsorgungszentrums gelegen hätte. Auch in dem TÜV-Bericht taucht Gorleben zunächst nicht auf.

Erst in einer handschriftlichen Ergänzung findet sich der Name des Ortes wieder: Auf Seite 50 des Gutachtens ist die entscheidende Wertungstabelle um zwei zusätzliche Spalten erweitert: Gorleben und Mariaglück. Per Post ging die veränderte Tabelle vom niedersächsischen Sozial- an den Wirtschaftsminister.

Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) erhielt die TÜV-Unterlagen ("vertraulich") zum Jahreswechsel 1976/77. Bereits zuvor hatte er sich vom Bund das Recht erbeten, einen eigenen Vorschlag in der Endlagerfrage zu machen. Doch drei Minister aus Bonn machten sich auf den Weg an die Leine, um Druck in der Endlagerfrage zu machen: Neben SPD-Mann Matthöfer kamen auch dessen Kabinettskollegen Werner Maihofer (Innenminister, FDP) und Hans Friderichs (Wirtschaftsminister, FDP). Schließlich ließ man Albrecht gewähren. Der Landesvater durfte Bonn einen Vorschlag machen.

Am 16. November erkundigte sich Albrecht noch brieflich beim Bonner Wirtschaftsminister Hans Friedrichs, "ob die Entsorgung der Kernkraftwerke in der Bundesrepublik nicht in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten vorgenommen werden kann" - ohne Erfolg.

Bereits im August 1976 hatte die Niedersächsische Landesregierung die sogenannte Interministerielle Arbeitsgruppe "Entsorgungszentrum" (Imak) eingesetzt. Deren Mitglieder sollten mit Unterstützung des Landesamtes für Bodenforschung und des Oberbergamtes im Land nach dem passenden Standort fahnden. Wichtigstes Kriterium war wieder die Raumordnung: Die Fläche über dem zur Lagerung vorgesehenen Salzstock musste mit zwölf Quadratkilometern groß genug sein. Geologische Kriterien machten wiederum nur einen Bruchteil der Gesamtnote aus.

Im Dezember 1976 beauftragte das Wirtschaftsministerium in Hannover die Interministerielle Arbeitsgruppe, dazu innerhalb von fünf Tagen eine Kabinettsvorlage zu erarbeiten - "streng vertraulich".

insgesamt 101 Beiträge
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Emil Ule, 13.04.2010
1. Ist es nicht wunderbar....
... dass wir nun endlich eine Physikerin als Bundeskanzlerin haben? Endlich ein Frau, die von der Sache was verteht und den Irrsinn zu den Akten legen kann. Hach, was bin ich froh...
Vex 13.04.2010
2. ....
Man sollte Politiker bei dieser Frage einfach komplett entmachten denn sie haben ihr Unvermögen schon oft genug bewiesen. Es kann doch einfach die Strahlenschutzbehörde übernehmen oder eine neue unabhängige Organisation gegründet werden. Solange Politiker entscheiden wird die Endlagerung in Deutschland nicht sicherer oder sonst irgendwie besser.
genugistgenug 13.04.2010
3. Umweltministerin
Zitat von sysopGeologen rieten ab, die Politik entschied anders: Warum wurde ausgerechnet Gorleben als Nuklear-Müllhalde ausgewählt? Von Greenpeace veröffentlichte Dokumente zeigen, wie Fachleute immer wieder übergangen wurden - von Vertretern fast aller Parteien. SPIEGEL ONLINE hat das Material analysiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,688299,00.html
Warum, das lässt sich erahnen: Der Vermerk aus dem Jahr 1996 prognostiziert nämlich auch die Größe der Flüssigkeitsblase, mitten im geplanten Atommülllager. Es geht um bis zu einer Million Kubikmeter Salzlauge. Zitatende Aus http://de.wikipedia.org/wiki/Angela_Merkel Von 1991 bis 1994 war Merkel Bundesministerin für Frauen und Jugend und von 1994 bis 1998 als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Kabinett Kohl...... Was für ein Glück dass eine Person wie dieses Merkel heute nichts mehr zu sagen hat ;-)
Querspass 13.04.2010
4. Mich interessiert mal,
Zitat von sysopGeologen rieten ab, die Politik entschied anders: Warum wurde ausgerechnet Gorleben als Nuklear-Müllhalde ausgewählt? Von Greenpeace veröffentlichte Dokumente zeigen, wie Fachleute immer wieder übergangen wurden - von Vertretern fast aller Parteien. SPIEGEL ONLINE hat das Material analysiert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,688299,00.html
welche Parteien, die Fachleute nicht übergangen haben und trotzdem die Sauerei nicht öffentlich gemacht haben.
tomtomtomtomtom 13.04.2010
5. was nicht sein darf...
... kann auch nicht sein. Die unlösbare Endlagerproblematik ist und bleibt ein Killerargument für die Kernenergie. Man braucht kein einziges Gutachten. Gesunder Menschenverstand reicht aus, um zu erkennen, daß der Wunsch nach geologischer Stabilität über 10.000 Jahre unerfüllbar ist. Unsere Kindeskinder werden uns noch verfluchen.
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