Reaktionen auf Dresdner Kunstdiebstahl Das Museums-Dilemma

Der Einbruch ins Grüne Gewölbe zeigt ein grundsätzliches Problem von Museen. Offenheit und Sicherheit widersprechen sich - wie gehen die Häuser damit um?

Detail des polnischen Weißen Adler-Ordens - eines der in Dresden gestohlenen Kunstobjekte
Jürgen Karpinski/ Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Detail des polnischen Weißen Adler-Ordens - eines der in Dresden gestohlenen Kunstobjekte


Bisher habe er nachts immer gut schlafen können, versichert Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes. Es gab schließlich keinen Anlass, dem Sicherheitssystem seiner Einrichtung zu misstrauen. Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hielt die Maßnahmen für "ausgezeichnet und umfassend". "Nun sieht man, dass das nicht der Fall ist", sagt der CDU-Politiker zerknirscht.

Gitter, Sicherheitsglas und Überwachungskameras konnten die Diebe nicht aufhalten, die am Montagmorgen in die berühmte Schatzkammer im Residenzschloss der sächsischen Hauptstadt eindrangen.

Der Einbruch verstärkt die Sorgen von Museumsexperten nicht nur in Dresden. Hinzu kommt: die Täter gehen immer brutaler vor.

Im Video: Einbruch im Museum

Polizei Sachsen

"Museen sind öffentliche Institutionen", sagte Eckart Köhne, der Präsident des Deutschen Museumsbundes, der Museen und ihre Mitarbeiter vertritt. "Wir wollen öffentliche Häuser sein, die Besucherinnen und Besucher ansprechen möchten. Wir sind eben kein Banksafe." Und das bringe ein gewisses Risiko mit sich.

Jedes Museum muss zwischen Sicherheit und Attraktivität abwägen. Die berühmte "Mona Lisa" können Paris-Besucher beispielsweise nur in einer Hochsicherheitskammer hinter Panzerglas bewundern.

Viele Sicherheitssysteme funktionierten aus Sicht des Museumsexperten Köhne zuverlässig und würden regelmäßig überprüft, gerade wenn in anderen Häusern eingebrochen werde. Die Museumsträger arbeiteten eng mit den zuständigen Behörden zusammen. Allerdings, sagt Köhne, könne man ähnlich wie bei einem Eigenheim nicht alle zwei Jahre ein Update machen. "Wenn genug Brutalität und kriminelle Energie vorhanden sind, kommt es eben zu solchen Fällen."

"Da sind keine Trickdiebe unterwegs"

Tatsächlich brauchten die Einbrecher in Dresden offenbar ihre ganze Kraft, um zu den wertvollen Juwelen zu gelangen. Auf einem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie sie mehrmals mit einer Axt auf das Sicherheitsglas der Vitrine eindreschen, bis es schließlich zu Bruch geht. Zuvor hatten sie anscheinend das Gitter an einem der Fenster durchtrennt und die Stromzufuhr gekappt, indem sie einen Stromkasten unter einer Brücke anzündeten. Ob sie dadurch auch weitere Sicherheitsmaßnahmen ausschalteten, ist noch unklar.

"Es scheint so zu sein, dass Juwelen im Moment stark bedroht sind", sagt Köhne. "Da sind keine Trickdiebe unterwegs, sondern da wird mit roher Gewalt vorgegangen." Diese neue Art der Kriminalität bereitet Köhne Sorgen.

Fotostrecke

11  Bilder
Diebstahl in Dresden: Diese Schmuckstücke haben die Diebe entwendet

Dabei ist der Materialwert der in Dresden gestohlenen Juwelen gar nicht besonders hoch. Besonders macht die Stücke, dass sie aus einem vollständigen historischen Ensemble stammen, der Juwelengarnitur von Friedrich August II. Was genau gestohlen wurde, weiß jedoch selbst die Museumsleitung noch nicht. Klarheit könne erst eine vollständige Bestandsaufnahme bringen. Einige Objekte mussten die Täter offenbar zurücklassen, weil diese am Untergrund festgenäht waren. (Was die Diebe mit den Schmuckstücken anfangen könnten, lesen Sie hier.)

Die Sicherheitszentrale in Dresden ist stets mit zwei Wachleuten besetzt, sagte Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Diese hätten die Einbrecher auf ihren Monitoren in Echtzeit beobachtet und daraufhin den Notruf gewählt. Als die Polizei am Tatort eintraf, waren die Diebe jedoch schon verschwunden. Pro Jahr würden für Sicherheit acht Millionen Euro ausgegeben.

Die Mitarbeiter des Museums seien dazu angehalten, nicht selbst einzugreifen, sagt Ackermann. Menschenleben seien mehr wert als Exponate. Und die Wachleute seien ja keine ausgebildeten Einzelkämpfer, ergänzt Köhne.

Der Museumsverband hat bereits im vergangenen Jahr einen Arbeitskreis für Gebäudemanagement und Sicherheit gegründet, der helfen soll, Einbrüche künftig zu verhindern.

In Dresden steht das Sicherheitssystem nun auf dem Prüfstand. Eine Erfahrung, die zuvor bereits das Berliner Bode-Museum machen musste, aus dem 2017 eine 100-Kilo-Goldmünze gestohlen wurde - auch bekannt als "Big Maple Leaf". Damals funktionierte der Alarm am Fenster zur Umkleidekabine der Wachleute nicht. Zudem war das Sicherheitsglas Tage vorher gesplittert, eine Verankerung fehlte.

Die 20-köpfige Sonderkommission "Epaulette", die den Einbruch in Dresden aufklären soll, hat ein Hinweisportal eingerichtet, über das Zeugen verdächtiges Video- oder Bildmaterial hochladen können.

koe/dpa



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.