Guerilla-Krieg in Afghanistan US-Soldaten hoffen auf Hightech-Granatwerfer

Die US-Armee führt einen zermürbenden Kleinkrieg gegen die Taliban, der kaum zu gewinnen scheint. Ein neuartige Waffe soll den Amerikanern jetzt einen entscheidenden Vorteil bringen: Sie verschießt Granaten, bei denen der Explosionszeitpunkt programmiert wird.

U.S. Army

Es war ein Feuergefecht, das für die Koalitionsstreitkräfte glimpflich ausging. Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf haben bei einem Gefecht im Osten Afghanistans am Dienstag nach eigenen Angaben mindestens 20 Kämpfer der radikal-islamischen Taliban getötet. Wie die Nato-geführten Truppen in Kabul mitteilten, hatten Aufständische in der Provinz Kunar eine Militärpatrouille angegriffen. Die Soldaten hätten das Feuer erwidert und Luftunterstützung angefordert. "Nach ersten Berichten wurden etwa 20 Aufständische getötet", so die Isaf.

Es war auch ein Feuergefecht, das typisch war für die Gefechtslage in dem Land. Wenn die Taliban angreifen, setzen sie auf eine Guerilla-Taktik. Oft bringen sie die Isaf-Truppen dabei erfolgreich in Bedrängnis, so dass diese schließlich Luftunterstützung anfordern müssen. Häufig kommen bei diesen Angriffen Zivilisten ums Leben.

Eine neue Hightech-Waffe soll für die Koalitionskräfte jetzt die Wende im Guerilla-Krieg bringen. Nach Jahren der Forschung wird ein Gewehr mit der Bezeichnung XM-25 an US-Einheiten in Afghanistan ausgegeben.

Die Waffe ist im Grunde ein Hightech-Granatwerfer. Die Projektile des Kalibers 25 Millimeter besitzen nicht nur unterschiedliche Sprengköpfe, sondern auch eine Elektronik. Sie berechnet, wie weit die Granate geflogen ist, und bringt sie an einem zuvor berechneten Zeitpunkt in der Luft zur Explosion. Ein Gegner, der sich hinter einer Wand, in einem Graben oder Sandsäcken verschanzt, bekommt einen Regen tödlicher Metallsplitter ab.

Der Schütze visiert sein Ziel per Laser an und misst auf diese Weise die Entfernung, die drahtlos zur Elektronik im Inneren der Granate gesendet wird. Wird die Granate abgefeuert, erhält sie durch die spiralförmigen Züge im Lauf der Waffe einen Drall. So wird das Geschoss nicht nur im Flug stabilisiert - die Elektronik kann anhand der Zahl der Umdrehungen auch die zurückgelegte Strecke ermitteln und so den Explosionszeitpunkt genau berechnen. Noch auf eine Distanz von 500 Metern sollen präzise Treffer möglich sein, die maximale Reichweite soll 1000 Meter betragen.

Die US-Streitkräfte versp

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Hightech-Waffe: Programmierte Granaten
rechen sich viel vom XM-25 im Kampf gegen die Taliban. Denn die wagen nur selten die offene Konfrontation mit den überlegen ausgerüsteten westlichen Truppen. Stattdessen attackieren sie meist aus dem Hinterhalt, aus gut geschützten Positionen und auf große Entfernung. In derartigen Situationen bleibt den Alliierten oft nur, Artillerie- oder Luftunterstützung anzufordern - was nicht selten zu lange dauert und eben auch zivile Opfer fordert.

Forschung seit den neunziger Jahren

Das XM-25 soll das nun ändern. "Mit diesem Waffensystem nehmen wir dem Feind für immer seine Deckung", sagte Projektleiter Christopher Lehner dem US-Sender "Fox News". Es verändere die Spielregeln des Kriegsgeschehens derart, dass neue Taktiken entstehen würden. "Das einzige, was der Feind noch tun kann, ist wegzulaufen."

Die US-Streitkräfte lassen bereits seit den neunziger Jahren an einem Granatgewehr forschen, das in der Luft explodierende Projektile verschießt. Auf diese Weise kam etwa das XM-29 zustande, auch bekannt als OICW ("Objective Individual Combat Weapon"). Das monströse Gerät, das aus einem 20-Millimeter-Granatwerfer und einem darunter installierten Sturmgewehr bestand, hat es niemals über die Testphase hinaus geschafft.

Übrig geblieben ist das XM-25: ein halbautomatischer Granatwerfer mit Vier-Schuss-Magazin und ohne zusätzliches Gewehr, dafür aber mit dem größeren Kaliber 25 Millimeter. Die Geschosse verfügen außer ihrer Elektronik auch über zwei Sprengköpfe. Dadurch haben sie laut Lehner eine größere Sprengkraft als die seit Jahrzehnten eingesetzten 40-Millimeter-Granaten.

Allerdings hat die neue Waffe ihren Preis: Unterschiedlichen Berichten zufolge soll ein XM-25 zwischen 25.000 und 35.000 US-Dollar kosten. Dennoch könnte die US-Armee unter dem Strich viel Geld sparen: Wenn Soldaten Artillerie- oder Luftunterstützung anfordern, kann die dabei verschossene Munition ein Vielfaches eines XM-25 kosten.

Dank des Hightech-Faktors müsse man nach Meinung der Verantwortlichen auch keine Angst davor haben, dass das XM-25 in feindliche Hände fallen könnte: Die Taliban hätten keinen Zugang zur hoch spezialisierten Munition, den Batterien und anderen wichtigen Komponenten, ohne die das XM-25 wertlos sei. Zur Massenwaffe dürfte der Granatwerfer allerdings so schnell nicht werden. Derzeit sollen nur einige wenige Exemplare an Spezialisten verteilt werden. Ab 2011 sollen dann laut Lehner mindestens 12.500 XM-25 angeschafft werden.

Die USA sind nicht das einzige Land, das seine Soldaten mit einem solchen Granatwerfer ausrüsten will. Auch Südkorea hat eine solche Waffe entwickelt - und es dabei offenbar sogar geschafft, Granatwerfer und Sturmgewehr miteinander zu verschmelzen. Die Waffe mit der Bezeichnung K-11, entwickelt vom Mischkonzern Daewoo, wird seit diesem Jahr an Militäreinheiten verteilt.

mbe



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