Hans Rosling Der Regisseur der Zahlen

Hans Rosling hat eine Mission: Der Professor für Internationale Gesundheit will das Weltbild der Menschen verändern. "Zeit Wissen"-Autorin Claudia Wüstenhagen beschreibt, wie der Schwede Statistiken als rasante Bühnenshow inszeniert - und sich dabei auch schon mal in Gefahr bringt.
Einkommen und HIV-Infektionsraten: Wie Grafiken Zusammenhänge sichtbar machen

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Foto: Gapminder

Der Professor aus Schweden ist am Ende seines Vortrags angekommen, als er plötzlich sein rot-weiß kariertes Hemd aufknöpft. Ein schwarzer Artistenanzug mit goldenem Glitzeraufdruck kommt zum Vorschein. Das Trikot ist so knapp geschnitten, dass die Brustwarzen herausgucken. "Das scheinbar Unmögliche ist möglich ", sagt Hans Rosling verheißungsvoll. Wenige Augenblicke später legt er seinen Kopf in den Nacken und lässt die Klinge eines langen Bajonetts bis zum Griff in seiner Kehle verschwinden.

Von einem Vortrag über Statistik hatten die Zuschauer der TED-Konferenz (Technology, Entertainment, Design) 2007 in Kalifornien sicher etwas anderes erwartet. Rosling war gekommen, um Daten zur Gesundheit der Weltbevölkerung zu präsentieren. Allerdings sind Auftritte auf der TED immer etwas Besonderes. Jedes Jahr treffen sich hier Wissenschaftsund Technologiegenies, Kreative und Politiker, um Ideen zu diskutieren, die die Welt verändern sollen. Visionäre wie Bill Gates oder Nicholas Negroponte treten hier auf. Al Gore kommt regelmäßig, um zum Kampf gegen den Klimawandel aufzurufen.

Auch Hans Rosling hat eine Mission. Der Professor für Internationale Gesundheit vom Karolinska-Institut in Stockholm will nicht die Welt verändern, aber den Blick, den die Menschen auf sie haben. Er will, dass sie ihre Vorurteile ablegen. Etwa jenes, dass die Welt sich simpel in arme Entwicklungsländer und reiche Industriestaaten unterteilen ließe. Viele Entwicklungsländer hätten längst große Fortschritte gemacht, sagt der Mediziner. Und er inszeniert seine Botschaft - "Das scheinbar Unmögliche ist möglich" - gern so dramatisch, dass die Zuschauer sie nicht so schnell vergessen.

Berühmt durch Zahlen-Präsentationen

Seine Präsentationen haben den 61-Jährigen berühmt gemacht. Rosling wird zu Konferenzen in aller Welt eingeladen, auf der TED ist er Stammgast. "Er ist einer der originellsten, unterhaltsamsten und damit wirksamsten akademischen Lehrer und Wissenschaftler ", sagt Detlev Ganten, Vorsitzender des Stiftungsrates der Charité und Präsident des World Health Summit in Berlin, wo der Schwede kürzlich auftrat. Das Magazin Foreign Policy bezeichnete Roslings Statistikvorträge als "mind-blowing" und wählte ihn zu einem der "100 Top Global Thinkers of 2009". "Pionierarbeit " nennt der Gesundheitsökonom Christopher Murray von der University of Washington Roslings Leistung.

Auch wenn der Professor kein Schwert schluckt, sind seine Präsentationen eine Show. Mithilfe einer Grafiksoftware, die er mit seinem Sohn entwickelt hat, erweckt er Statistiken auf der Leinwand zum Leben. Es sind Animationen, die an Trickfilme erinnern. Die Länder der Welt führen darin eine Choreografie auf. "Wenn man das Weltbild von Menschen verändern will, braucht man mehr als Informationen", sagt Rosling. Man braucht auch eine gute Technik und die richtige Persönlichkeit. Hans Rosling hat all das.

Evidenzbasierte brutale Vereinfachung" nennt er seine Methode. In seinem Büro im Karolinska-Institut führt er sie vor: Auf einem Monitor erscheinen farbige Kreise in einem Diagramm, es geht um Lebenserwartung und Kinderzahl. Jeder Kreis steht für ein Land, seine Größe für die Anzahl der Bewohner. In der linken oberen Ecke hat sich eine Wolke aus Kreisen gebildet, die Industrieländer. Hier haben die Menschen ein langes Leben und wenige Kinder. Hier gibt es "pillow talks", sagt Rosling. Die Ehepaare reden im Schlafzimmer. Er flüstert: "Lass uns nur zwei Kinder bekommen, dafür können wir ihnen Schuhe kaufen und sie auf eine Schule schicken, wir können ihnen eine Gitarre schenken und eines Tages Urlaub am Strand machen." In der rechten unteren Ecke gibt es eine zweite Wolke, die Entwicklungsländer. Hier bekommen die Menschen viele Kinder und sterben jung. Hier werden keine Träume im Schlafzimmer entworfen. So simpel ist die Welt - im Jahr 1950.

Rosling startet die Animation, er lässt die Jahre vergehen, die Kreise fliegen über den Bildschirm wie Luftballons. Die meisten driften nach links oben. "Eine neue Welt entsteht", sagt er. Eine Welt mit Schlafzimmergesprächen. Fast überall leben die Menschen jetzt in kleineren Familien - und länger. In Iran etwa kriegen die Frauen nur noch zwei statt sieben Kinder, und die Menschen leben im Schnitt 71 Jahre statt 42. "Die Leute nennen mich oft einen Optimisten", sagt Rosling, "das mag ich gar nicht." Darüber kann er sich sogar richtig aufregen. Er sei nicht optimistisch, er zeige doch nur Fakten - "the bloody facts", sagt er etwas schrill und haut mit der Hand auf den Tisch.

Zwei Jahrzehnte Forschung in Afrika

Rosling hat zwei Jahrzehnte lang in Afrika geforscht, er weiß, dass es Länder mit großen Problemen gibt. Aber es ärgert ihn, wenn die Leute nicht sehen, dass vieles besser wird. So wie die Studenten, die Anfang der neunziger Jahre seine erste Vorlesung in Global Health besuchten. Das verkrustete Weltbild der jungen Leute entsetzte Rosling. Sie sprachen ständig von "uns" und "denen" und meinten damit die westliche Welt und die "Dritte Welt". Sie konnten sich nicht vorstellen, dass etwa die Kindersterblichkeit in Sri Lanka nur halb so hoch war wie in der Türkei. In einem Test schnitten die Studenten so schlecht ab, dass er später einmal sagte, Schimpansen hätten es besser gekonnt. Heute nimmt er es mit Humor: "Es ist sehr leicht, Professor für Global Health zu sein." Die Leute wüssten so wenig. "Es ist, als würde man Licht in einen dunklen Tunnel bringen."

Der Professor brauchte allerdings mehr als eine Lampe. Er musste seinen Studenten die Fakten anschaulich vorführen. Rosling zeichnete Diagramme, doch das reichte nicht. Die Länder mussten sich bewegen und ihre Größe verändern können. Roslings Sohn Ola entwickelte schließlich das Programm, das sein Vater brauchte. Sie nannten es Trendalyzer, gründeten die Stiftung Gapminder und feilten jahrelang abends an den Präsentationen.

Herausforderungen reizen Rosling. Als junger, politisch engagierter Medizinstudent organisierte er 1967 ein Treffen mit Eduardo Mondlane, dem Anführer der Befreiungsfront Mosambiks. Dieser wollte das Land aus der Kolonialherrschaft Portugals führen. "Er war der Nelson Mandela von Mosambik", sagt Rosling. "An einem einzigen Abend hat er mein Leben verändert." Mondlane fragte ihn, ob er nach seinem Studium in Mosambik arbeiten würde, wenn sein Land bis dahin die Unabhängigkeit errungen hätte. "Ich gab ihm die Hand darauf", sagt Rosling.

Mondlane starb wenig später bei einem Briefbombenanschlag, aber sein Land wurde 1975 tatsächlich unabhängig, wie er vorausgesagt hatte. "Und ich hielt mein Wort", sagt Rosling. Zwei Jahre lang arbeite er als Kreisarzt für den öffentlichen Gesundheitsdienst eines Bezirks in Nordmosambik. Anfangs war er für 360.000 Menschen verantwortlich, allein. In Schweden wären für so viele Einwohner 800 Ärzte zuständig gewesen. Rosling begann Vergleiche zu ziehen. In Mosambik war die Kindersterblichkeit 100-mal höher als in Schweden. "Damals wurde mir klar, dass Nullen einen großen Unterschied machen."

Wie Rosling mit Statistiken auf Krankheiten aufmerksam macht - und erstaunliche Ergebnisse erzielt

Eines Tages wurde er auf eine Krankheit aufmerksam, die in keinem Lehrbuch stand: Die Beine seiner Patienten waren sonderbar verkrampft und gelähmt. Rosling fand heraus, dass Unterernährung und eine Vergiftung durch Maniokwurzeln die Ursachen waren. Maniok enthält Zyanverbindungen, man muss es daher lange kochen. Doch die Menschen in Mosambik waren hungrig, sie aßen die Wurzeln zu früh.

"Man kann die Tiefe von Armut nur begreifen, wenn man sie erlebt", sagt Rosling. Fast klingt es, als wolle er eine traurige Geschichte des Elends erzählen. Aber das liegt ihm fern. Die Menschen seien viel zu emotional, wenn es um Armut gehe. "Ich habe stattdessen angefangen zu zählen." Rosling wurde Wissenschaftler, er erforschte die Krankheit, die heute als Konzo bekannt ist, und berichtete mit Kollegen in Fachmagazinen darüber. "Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Dinge zu beschreiben", sagt er. Jemand musste sich ja um die Fakten kümmern.

Damit möglichst viele Leute von diesen Fakten erfahren, veröffentlicht seine Stiftung auf ihrer Internetseite gapminder.org  zahlreiche Statistiken. Per Mausklick kann man hier die Ballons fliegen lassen, etwa um zu sehen, wie sich die HIV-Infektionsraten oder die Lebenserwartung und das Einkommen weltweit entwickelt haben. Man kann sogar einzelne Länder gegeneinander antreten lassen. Die farbigen Kreise verschieben sich dann zu Würmern, die um die Wette kriechen. Rosling nutzt diese Funktion gern, um zu zeigen, dass Bangladesch und Ägypten die Kindersterblichkeit in den vergangenen Jahren schneller gesenkt haben, als Schweden es je geschafft hat.

Abschätziger Blick vom Google-Gründer

Trendalyzer hat dem Professor Ruhm und seinem Sohn einen Job gebracht. Schon nach Roslings erstem Auftritt bei der TED 2006 sprangen die Zuschauer auf die Bühne, um ihm zu gratulieren. Auch Google-Gründer Larry Page kam. "Er sah mich an", Rosling ahmt einen abschätzigen Blick nach, "und fragte: Wer hat den Code geschrieben? Ihm war klar, dass ich es nicht gewesen sein konnte." Heute arbeitet Roslings Sohn bei Google in San Francisco. Der Konzern kaufte 2007 die Trendalyzer-Software und entwickelt sie weiter. Roslings Stiftung darf sie kostenlos nutzen. Zurzeit entwirft er Unterrichtsmaterialien für Lehrer.

Populär hat ihn aber vor allem eines gemacht: Er weiß, wie man Geschichten erzählt. Besonders auf der Bühne. "Ich bin der Mexikaner in meiner Familie", sagt er dann, um zu erklären, dass Schweden mit seinem Geburtsjahr dieselbe Lebenserwartung haben wie heute geborene Mexikaner. Wenn er Länder gegeneinander antreten lässt, kommentiert er wie beim Autorennen: "Der rote Toyota hat einen schlechten Start, aber der braune Volvo kommt gut weg. Dann kommt der Krieg, und der Toyota gerät von der Fahrbahn, aber dann holt er auf, und jetzt überholt er den Volvo!" So hört es sich an, wenn Rosling Japan und Schweden miteinander vergleicht.

In seiner Studentenzeit versuchte er sich als Schauspieler. Doch die kleine Theatertruppe warf ihn bald raus, weil er nur sich selbst spielen konnte. "Als Schauspieler habe ich versagt, aber ich bin ein guter Professor." Und ein guter Entertainer.

Rosling ruft die Internetseite der TED auf. Das Video seines jüngsten Auftritts gehört an diesem Tag zu den beliebtesten. Er vergleicht, wie oft die einzelnen Videos per E-Mail verschickt wurden. "Shashi hat mich heute überholt", ruft er und klickt auf das Video des indischen Politikers Shashi Thadoor. "Aber ich habe Gordon Brown geschlagen!"

"Die gewisse Skurrilität seines Auftretens macht ihn liebenswert und unvergesslich", sagt Detlev Ganten. Spricht man Rosling auf die Nummer mit dem Bajonett an, zieht er einen blau-gelben Aufnäher aus der Jacketttasche: das Abzeichen der Internationalen Schwertschlucker-Vereinigung. Er trägt es immer bei sich. "Aber nur in der Tasche", sagt Rosling, "ich bin ein bisschen bescheiden." Dann ruft er den englischen Wikipedia-Eintrag zu Schwertschlucken auf. Ausgerechnet von ihm hat dort jemand ein Foto platziert. Es zeigt Roslings Showeinlage auf der TED.

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