Munition im Meer vor Helgoland Forscher untersuchen Weltkriegswrack auf gefährliche Stoffe

In der Nordsee liegen Millionen Tonnen von Kampfstoffen aus den Weltkriegen. Forscher nehmen nun Proben von einem Wrack bei Helgoland. Dabei spielen Muscheln eine besondere Rolle.
Mit dem Forschungsschiff »Heincke« reisen Wissenschaftler von Bremerhaven aus zum Wrack der »SMS Mainz«

Mit dem Forschungsschiff »Heincke« reisen Wissenschaftler von Bremerhaven aus zum Wrack der »SMS Mainz«

Foto: Annica Müllenberg / dpa

Mit Munition aus dem Weltkrieg haben die Helgoländer keine guten Erfahrungen gemacht. Im April 1947 brachten die Briten auf der deutschen Hochseeinsel Tausende Tonnen Granaten und Sprengstoff zur Explosion – vieles davon hatte in unterirdischen Militäranlagen der Wehrmacht gelegen. Damals galt der »Big Bang« als die größte nichtnukleare Sprengung der Weltgeschichte.

Wie der Zustand der Altmunition ist, der noch immer um die Insel verteilt im Meer liegt, will ein Forscherteam unter der Leitung des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) nun herausfinden. Dabei geht es nicht nur um die Gefahr durch Explosionen, sondern auch um die Umwelt. Ziel der Expedition, zu der am Donnerstag von Bremerhaven aus zehn Wissenschaftler aufbrechen, ist der Marinekreuzer »SMS Mainz«. Er war 1914 im Ersten Weltkrieg westlich von Helgoland von britischen Kriegsschiffen versenkt worden.

Am Wrack wollen die Forscher zum einen Proben nehmen, um die möglichen Gefahren zu analysieren, die von den alten Kampfmitteln ausgehen. Dazu sollen in der Tiefe Miesmuscheln ausgesetzt werden. In drei Monaten werden die Tiere wieder eingesammelt und auf toxikologische Substanzen untersucht. So soll geprüft werden, ob krebserregende Stoffe wie TNT und seine Abbauprodukte in dem Untersuchungsgebiet nachweisbar sind.

Nach Schätzungen der Umweltbundesamtes (Uba)  liegen in der deutschen Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen Munition aus Weltkriegszeiten. Rund 5000 Tonnen chemische Kampfstoffe wurden allein im Zweiten Weltkrieg durch Militäroperationen oder danach durch Verklappung versenkt, der größte Teil davon in der Ostsee. Aber auch im Helgoländer Loch in der Nordsee verschwanden Dutzende Tonnen chemische Munition.

Marinekreuzer »SMS Mainz«: 1914 westlich von Helgoland versenkt

Marinekreuzer »SMS Mainz«: 1914 westlich von Helgoland versenkt

Foto: Arthur Renard / Naval History and Heritage Command

Durch Meeresströmungen und Grundschleppfischerei landeten Minen und Bomben auch an Orten, wo sie eigentlich nie hinsollten. Das macht es schwierig, sie heute wiederzufinden. Beim Bau von neuen Pipelines oder Offshore-Windparks stoßen Unternehmen nicht selten auf solche Kampfmittel.

Lebertumore bei Plattfischen

Unter Wasser beginnen die Metalle der Munitionskörper von Bomben, Minen und Granaten zu rosten, und die Spreng- und Kampfmittel werden ins Meer freigesetzt. Die Liste der chemischen Schadstoffverbindungen ist lang. Insbesondere TNT wird als gefährlich eingestuft, da durch das Mittel giftige und krebserzeugende sowie erbgutverändernde Stoffe ins Wasser gelangen. Zusätzlich werden Schwermetalle wie Quecksilber freigesetzt. Die Stoffe könnten von Fischen und Muscheln aufgenommen werden und so in den Nahrungskreislauf gelangen.

Das Thünen-Institut für Fischereiökologie hat beispielsweise den Plattfisch Kliesche untersucht, der am Meeresboden in der Kieler Bucht lebt, einem Gebiet, in dem Tausende Tonnen konventioneller Munition liegen. Bei 25 Prozent der Exemplare fanden die Forscher Lebertumore. In unbelasteten Gebieten liegt die Quote dagegen bei nur fünf Prozent.

Insgesamt ist über die Auswirkungen der Altlasten auf die Meeresorganismen und letztlich auch auf den Menschen bisher wenig bekannt. Antworten auf solche Fragen soll nun das »North Sea Wrecks«-Projekt unter der Leitung des Schifffahrtsmuseums geben. Dazu ist auch eine Ausstellung geplant, die ab August erste Ergebnisse präsentiert.

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit alter Weltkriegsmunition beschäftigt auch die Politik. Ende vergangenen Jahres hatten die Grünen und die FDP angekündigt, sich für ein Bergungsprogramm der Bundesregierung einzusetzen. Die Bundestagsfraktionen beider Parteien wollen dazu einen gemeinsamen Antrag stellen. Die Munition im Meer sei ein seit Jahrzehnten von der Bundesregierung ignoriertes Umwelt- und Sicherheitsproblem, hatte Steffi Lemke, die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünenfraktion, gesagt.

Für die Bergung könnten zunächst Sonartechnik und Magnetsonden eingesetzt werden, die den Kriegsschrott aufspüren. Möglicherweise helfen dann Roboter.

joe/dpa