Höchste Strahlungswerte in Fukushima Behörden sperren Bereich des AKW-Geländes

An einem Lüftungsschacht im japanischen Katastrophen-AKW Fukushima hat Betreiber Tepco Strahlungswerte gemessen, die für Menschen in kürzester Zeit tödlich wären. Der Teil des Geländes wurde gesperrt - laut der Betreibergesellschaft kam niemand zu Schaden.

Lüftungsschacht in Fukushima: Bereich mit extrem hoher Radioaktivität entdeckt
REUTERS/TEPCO

Lüftungsschacht in Fukushima: Bereich mit extrem hoher Radioaktivität entdeckt


Mehrere Monate nach dem verheerenden Erdbeben und dem darauf folgenden Tsunami misst Betreiber Tepco an einer Stelle am havarierten Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi extrem hohe Strahlungswerte. Tepco teilte am Dienstag mit, in einem Lüftungsschacht seien mehr als zehn Sievert gemessen worden. Bereits am Vortag waren am Boden des Schachts ähnlich hohe Werte festgestellt worden. Die japanischen Behörden haben den betroffenen Bereich nun gesperrt.

Der bisherige Höchstwert war am 3. Juni im Inneren des zerstörten Reaktors 1 gemessen worden, er betrug damals zwischen drei und vier Sievert pro Stunde.

Zehn Sievert pro Stunde gelten als lebensgefährlich; nach wenigen Sekunden erleiden Menschen schwere gesundheitliche Schäden, die zum Tod führen können. Die tatsächlichen Werte könnten sogar noch deutlich höher liegen, weil die von Tepco eingesetzten Messgeräte nur Radioaktivität von bis zu zehn Sievert darstellen können.

Den Angaben zufolge kam aber niemand zu Schaden. Zudem sei kein weiterer Anstieg der Strahlung zu verzeichnen, was darauf schließen ließe, dass es kein Leck gebe, teilte Tepco mit. Die Strahlenwerte machen jedoch das große Gesundheitsrisiko deutlich, dem die Tepco-Angestellten bei den Aufräumarbeiten an dem havarierten Atomkraftwerk ausgesetzt sind.

Ungeachtet der Gefahr bekräftigte Betreiber Tepco aber sein Ziel, die Reaktoren bis Januar zu stabilisieren. Die hohen Strahlenwerte würden die Arbeiten nicht behindern. Dagegen warnten Wissenschaftler den Konzern, er dürfe das Einhalten der Frist nicht über den Schutz seiner Einsatzkräfte stellen.

Das Atomkraftwerk war am 11. März von einem Erdbeben und einem anschließenden Tsunami schwer beschädigt worden. Seit der Atomkatastrophe im März geht auch in der japanischen Bevölkerung die Angst vor radioaktiv verseuchten Lebensmitteln um. Bei verschiedenen Produkten wurde bereits überhöhte Strahlung festgestellt. In mindestens 14 Präfekturen im Nordosten soll nun noch vor der Ernte untersucht werden, ob im dort angebauten Reis die Menge an radioaktivem Cäsium die Grenzwerte überschreitet.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

wbr/Reuters/dapd

insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
No_Name 02.08.2011
1. -
Zitat von sysopAn einem Lüftungsschacht im japanischen Katastrophen-AKW Fukushima hat Betreiber Tepco Strahlungswerte gemessen, die für Menschen in kürzester Zeit*tödlich wären. Der Teil des Geländes wurde gesperrt - laut der Betreibergesellschaft kam niemand zu Schaden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,777991,00.html
Und weiter gehts, eine neue Runde, eine neue Fahrt! Mal sehen welche schönen Überraschungen das AKW den Ingenieuren noch bereitet. Aber man hat ja Alles unter Kontrolle ;)
mortyrium, 02.08.2011
2. .
Die nächsten Meldungen erklären dann geradezu, dass man sich geirrt habe, aber kein Grund zur Sorge besteht. Man könnte glatt eine 100-seitige Liste mit diesen Euphemismen machen: TEPCO erfindet sicher immer neue!
jasteri 02.08.2011
3. Strahlung >10Sv/h
Wenn die TEPCO Meßgeräte keine Strahlung größer 10 Sievert pro Stunde messen können, wie kann dann die Aussage getroffen werden, dass kein weiterer Anstieg der Werte zu verzeichnen ist?
archontoilet 02.08.2011
4. Hotspots
Zitat von jasteriWenn die TEPCO Meßgeräte keine Strahlung größer 10 Sievert pro Stunde messen können, wie kann dann die Aussage getroffen werden, dass kein weiterer Anstieg der Werte zu verzeichnen ist?
Kein Anstieg der Werte bezieht sich natürlich nicht auf die Gesamtsituation, nicht auf einige Hotspots. Aber es ist ja sowieso in Mode, sich auf jede schlechte Nachricht zu stürzen und nicht über die Gesamtsituation zu schreiben ...
fiutare 02.08.2011
5. Angst
Wann kommt der erste Beitrag über German Angst? Ach so, ich vergaß: Atomstrom ist wichtig und sicher und unverzichtbar.....
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