Rafael Grossi Atomenergiebehörde hält Klimaziele nur mit Kernkraft für umsetzbar

Dass der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde für die Kernkraft wirbt, ist vielleicht nicht überraschend. Doch Rafael Grossi verweist auf den Klimaschutz - und kritisiert den deutschen Atomausstieg.
Atomkraftwerke Isar I und Isar II: Einer der beiden Meiler ist bereits stillgelegt und wird zurückgebaut, der andere muss spätestens Ende 2022 stillgelegt werden.

Atomkraftwerke Isar I und Isar II: Einer der beiden Meiler ist bereits stillgelegt und wird zurückgebaut, der andere muss spätestens Ende 2022 stillgelegt werden. 

Foto: Martin Siepmann / imagebroker / imago images

Ohne Atomkraft kein wirksamer Klimaschutz. Das ist, etwas verkürzt, die Botschaft von Rafael Grossi. Der Argentinier ist seit rund einem Jahr Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien - und gerade zu politischen Gesprächen in Berlin. Vorab hat er daher einige Interviews gegeben. Grossis Organisation kümmert sich unter anderem um den Kampf gegen die Verbreitung von Atomwaffen, indem sie zum Beispiel den Atomwaffensperrvertrag und das Atomabkommen mit Iran überwacht. Bei seinem Besuch in Deutschland spricht Grossi aber auch über die aus seiner Sicht wichtige Rolle der Atomkraft beim Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel.

Eine seiner Botschaften: Das für 2022 beschlossene Ende der Kernenergie in Deutschland ist zwar politisch legitim, aber in Bezug auf das Klima und das Zwei-Grad-Ziel nicht wissenschaftlich begründbar. "Die wissenschaftliche Tatsache ist, dass Atomkraftwerke einen extrem geringen Kohlendioxid-Ausstoß verursachen", sagte Grossi der Deutschen Presseagentur. Es sei Fakt, dass ein Drittel der sauberen Energie aus nuklearen Quellen stamme. Unter Berufung auf den Weltklimarat (IPCC) und die Internationale Energieagentur (IEA) sagte Grossi: "Jeder Weg zur Erreichung der im Pariser Abkommen festgelegten Zwei-Grad-Schwelle ist ohne Atomkraft nahezu unmöglich."

"Atomkraft ist Teil der Lösung", so Grossis Mantra. Dass der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde für Kernkraft wirbt, ist vielleicht nicht überraschend. Aber womöglich lohnt es sich, ihm zuzuhören. Kernreaktoren, so argumentiert er, böten eine stabile Stromversorgung, die weniger konstanten erneuerbaren Strom aus Wind, Wasser oder Sonne unterstützen könne. "Ohne Kernenergie würde sich der CO2-Ausstoß vervielfachen", sagte Grossi der "FAZ" .  

Entsorgungsfrage nach wie vor weitgehend ungelöst

Atomkritische Klimaschützer monieren jedoch, dass ein Ausbau der Atomkraft im Namen des Klimaschutzes teuer und ineffizient sei. "Wir müssen bereits Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral sein. So schnell lassen sich nicht einmal genügend Reaktoren bauen, um diejenigen AKW zu ersetzen, deren Laufzeit vor 2050 zu Ende geht", kritisierte etwa Paul Dorfman vom University College London vor einiger Zeit im SPIEGEL .

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Dorfmann ist Vorsitzender der Nuclear Consulting Group, einer internationalen Gruppe von Experten und Aktivisten, die sich mit Fragen der Kernenergie und der Strahlenmedizin, der Weiterverbreitung von Atomwaffen und der Nachhaltigkeit von Energiesystemen beschäftigen.

Auch der Weltklimarat hat sich mit einer möglichen Rolle der Atomkraft beim Klimaschutz befasst. Die Experten des Gremiums hatten bereits 2014 klargestellt, dass sich die Welt von Öl, Gas und Kohle verabschieden muss - und stattdessen CO2-arme Technologien zur Stromerzeugung braucht. Dazu zählte der IPCC neben Wind, Solar, Wasser und Biomasse ausdrücklich auch den Atomstrom. Der Rat stellte in diesem Zusammenhang aber auch fest, dass größere Anstrengungen erforderlich sind, um die nukleare Sicherheit, die Entsorgung nuklearer Abfälle und andere Risiken anzugehen.

Finnland gilt als bisher einziges Land, das ein Atomendlager baut. Auch Schweden habe einen Standort kürzlich genehmigt, so Grossi. "Wir haben ein Problem verschoben, bis es unmöglich ist, es nicht anzugehen". Der Widerstand der Menschen, solches Material in ihrer Nähe zu wissen, sei verständlich, sagte er. "Die Leute bevorzugen eine Lösung, die sie nicht in die Nähe von Abfall bringt." In Deutschland läuft derzeit ein langfristiger Prozess , bei dem der Standort für ein Endlager gefunden werden soll. In einem ersten Schritt wurden 90 im Prinzip geeignete Gebiete identifiziert.

Der deutsche Atomausstieg sei in Konsequenz und Tempo weltweit praktisch einzigartig und ein echter Sonderweg, so Grossi. Nur wenige Länder hätten sich für einen Ausstieg entschieden. Andere strebten eine Reduzierung der Atomkraft an, aber keinen Ausstieg. Ansonsten gebe es einen bemerkenswerten Trend zum Atomausbau - sei es in China, Russland, Indien, Südafrika, Türkei, Bangladesch, Vietnam, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Argentinien oder Brasilien, so der IAEA-Chef. Allerdings war etwa der letzte Weltstatusbericht zur Atomenergie, einer jährlich erscheinenden Analyse zur Lage der Branche, zu dem Schluss gekommen, dass die Bedeutung der Atomkraft weltweit sinkt.

Dennoch halten diverse Länder der Technologie die Treue. So setzt auch Japan weiter auf die Atomkraft. Das Land hat gerade angekündigt, bis 2050 klimaneutral werden zu wollen, also den Ausstoß an Treibhausgasen in der Summe bis dahin auf null zu bringen. In seiner Ankündigung dazu sagte der neue Premier Yoshihide Suga, AKW sollten dafür neben erneuerbaren Energien auch eine Rolle spielen. Sicherheit habe dabei Priorität.

chs/dpa
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