Christian Stöcker

Impfgegner Donald Trump, Kämpfer gegen die Vernunft

Wohl keine medizinische Innovation hat mehr Leben gerettet als Impfungen - und doch lehnen viele Menschen sie ab. Große Sympathie für diese Gruppe hat der gefährlichste Feind der Wissenschaft, Donald Trump.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: Evan Vucci/ AP

Impfgegner, darüber können Ärzte und Wissenschaftsjournalisten erstaunliche Geschichten erzählen, sind oft eigentümliche Leute. Sie sind hochmotiviert, wohl durch das Gefühl, im Besitz der Wahrheit zu sein, die der sogenannte Mainstream nicht akzeptieren will. Evidenz für diese These werden Sie übrigens schon Minuten nach dem Erscheinen dieser Kolumne im Forum unter dem Artikel finden.

Impfgegner haben eigene Zeitschriften, es gibt in Deutschland sogenannte impfkritische Elternstammtische, ja sogar "impfkritische Symposien". Und immer noch "Masernpartys". Impfgegner halten sich für David, Goliath sind die Pharmaindustrie, die "Schulmedizin" und ihre Verteidiger. Zum Beispiel die deutschen Kinderärzte, die sich wünschen, dass bestimmte Impfungen verpflichtend gemacht werden .

Hohe Überlappung mit Verschwörungstheoretikern

Goliath ist in dieser Geschichte aber der Gute. Tatsächlich haben vermutlich wenige Innovationen der Menschheit so viel Gutes gebracht wie Impfungen. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist nur der Zugang zu sauberem Wasser ein noch wichtigerer Schutz vor Infektionskrankheiten, als Impfungen  es sind. Allein die Masernimpfung hat seit 2000 geschätzt 17,1 Millionen Leben gerettet .

Der weltweit lautstärkste Impfgegner ist Andrew Wakefield. Er hat 1998 mit einer heute vollständig diskreditierten Studie die Behauptung in die Welt gesetzt, es gebe einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. Arzt ist Wakefield schon längst nicht mehr, er verlor seine Approbation. Dafür agiert er heute als eine Art selbstständiger Unternehmer in Sachen "Impfkritik". Sein sogenannter Dokumentarfilm "Vaxxed " läuft derzeit tatsächlich in einigen deutschen Kinos. Obwohl auch darin die falsche Behauptung wiederholt wird, Impfungen riefen Autismus hervor.

Ein "peer review"-Journal, ganz für sich allein

Wakefield ist einer der Helden der Impfgegnerbewegung in den USA, die dort noch weit extremer ist. Verschwörungstheorien über Impfungen sind dort Teil eines Potpourris von absurden Thesen darüber, was auf der Welt angeblich wirklich vor sich geht: Barack Obama ist kein US-Bürger, der 11. September 2001 war eine Inszenierung der geheimen Weltverschwörung, der Klimawandel ist ein Hoax.

Der wohl berühmteste Exponent dieser Verschwörungstheoretiker ist ein Mann namens Mike Adams, der sich selbst "Health Ranger" nennt und ein kleines Medienimperium auf den Ängsten all jener gebaut hat, die sich ständig belogen fühlen. Seine zentrale Plattform nennt sich "Natural News". Aktuell kann man dort zum Beispiel lesen, das Pariser Klimaabkommen sei "Genozid an Pflanzen, Wäldern und dem Leben auf unserem Planeten".

Der Präsident, die Spritze und das autistische Kind

Es überrascht kaum, dass Adams auch ein großer Fan von Donald Trump ist. Und die Sympathien gehen in beide Richtungen: Donald Trump, der Verschwörungstheoretiker-in-Chief, gehört selbst zu den Impfskeptikern. 2014 behauptete er in einem Tweet , viele Kinder entwickelten nach einer Impfung Autismus.

Noch in der Endphase des Wahlkampfes widmete Trump einer Abordnung von Impfgegnern - darunter der überführte Scharlatan Wakefield - 45 Minuten seiner Zeit . Wiederholt hat Trump in Interviews behauptet, eine "Autismus-Epidemie" überrolle die USA. Den Impfgegner Robert F. Kennedy Junior will er angeblich zum Leiter einer "Impfsicherheitskommission " machen.

Rebellion gegen die Ratio

Das passt in das furchteinflößende Bild von Trump, das mit dem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen noch einmal schärfer wurde: Im Zweifel vertraut der Präsident nicht dem wissenschaftlichen Konsens , sondern denen, die diesen Konsens Lüge nennen. Der mächtigste Mann der Welt rebelliert gegen die Ratio, wann immer sich die Gelegenheit bietet.

Tatsächlich haben Impfungen die Menschheit von grauenvollen Erkrankungen nahezu befreit - in Fall der Pocken sogar komplett. Das funktioniert aber nur dann, wenn man so flächendeckend impft, dass die entsprechenden Erreger irgendwann aussterben. In den USA waren auch die Masern ausgerottet, so schien es jedenfalls. Doch dann kamen sie wieder, weil, "Impfkritik" sei Dank, eben doch zu viele Menschen nicht geimpft waren. Jedes tausendste Kind, das in Deutschland an Masern erkrankt, stirbt, daran, sagt das Robert-Koch-Institut .

Genauso wenig Privatsache wie betrunken Autofahren

Es gibt Kinder, die dürfen aufgrund chronischer Krankheiten nicht geimpft werden. Diese Kinder wären vor dem Risiko, an Masern zu erkranken, geschützt, wenn alle anderen geimpft würden. Das nennt man Herdenimmunität. Impfkritiker und die vermutlich noch zahlreicheren Impfskeptiker sind aber der Meinung, dass es eine Privatsache sei, ob man sich und seine Kinder impfen lässt. Genau das ist falsch.

Mit dem gleichen Recht könnte man behaupten, es sei Privatsache, wenn man betrunken Auto fährt. Wer aber voll am Steuer sitzt, gefährdet eben auch andere. Für absichtlich nicht Geimpfte gilt das Gleiche.

In Italien wurde vor einigen Wochen eine allgemeine Impfpflicht für Kinder eingeführt. Nicht geimpfte Kinder bis sechs Jahren dürfen nicht in Kitas oder Vorschulen, sind sie über sechs und noch nicht geimpft, drohen den Eltern Bußgelder. Italien reagierte damit auf eine Masernepidemie, schon bis Mitte Mai gab es dort 2400 Erkrankungen. Zum Vergleich: In Deutschland gab es 2016 326 registrierte Fälle, 2015 waren es durch einen Ausbruch in Berlin insgesamt 2464 .

Impfgegner warnen im Zusammenhang mit der Impfpflicht vor "Körperverletzung" und "Denunziantentum". Ich dagegen halte Impfungen für einen Akt der Solidarität mit den Schwächsten. Der David Mensch hat schon Goliaths wie Kinderlähmung, Pocken und Diphterie fast oder ganz besiegt. Warum sollte das mit Erkrankungen wie den Masern nicht auch gelingen?