Suche nach Absturzursache Die letzten Minuten von Flug PS752

Was wir bisher über den Absturz der Boeing-Maschine in Iran wissen, welche technischen Details für einen Abschuss sprechen und vor welchen Aufgaben die Flugunfallermittler jetzt stehen. Ein Überblick.
Abgestürzte Boeing 737-800 UR-PSR: Es gibt viele Details, die für direkte Gewalteinwirkung sprechen

Abgestürzte Boeing 737-800 UR-PSR: Es gibt viele Details, die für direkte Gewalteinwirkung sprechen

Foto: Oleg Belyakov/ AP

Kurz nach sechs Uhr Ortszeit rollte die Maschine vom Typ Boeing 737-800 in der iranischen Hauptstadt Teheran zum Start. 176 Menschen waren an Bord von Flug PS752 - und zunächst verlief alles wie gewohnt: Das ukrainische Flugzeug hob ab, das Fahrwerk fuhr ein; die Flugzeit nach Kiew sollte drei Stunden und 42 Minuten betragen.

Wie jedes moderne Flugzeug versendete der sogenannte ADS-B-Transponder der 737 einen kontinuierlichen Datenstrom mit Informationen etwa zum Kurs, der augenblicklichen Flughöhe und Geschwindigkeit. Dieser wird von anderen Flugzeugen und der Flugsicherung verwendet, aber auch von Tracking-Diensten wie der Internetseite Flightradar24.

Aus deren Daten geht hervor, dass Flug PS752 ganz normal begann. Die Maschine erreichte eine Höhe von 500 Meter über Grund, 800 Meter, 1000 Meter. Doch dann, nach kaum sechs Minuten in der Luft, bei einer Geschwindigkeit von über 500 Stundenkilometern und einer Höhe von rund 1400 Metern, hörte der Transponder von dem einen auf den anderen Moment auf, Informationen zu senden. Die Maschine verschwand von den Bildschirmen der Flugsicherung.

Ein plötzliches Ereignis verwandelt die Maschine in einen Feuerball

Was war passiert? Bisher weiß das niemand, aber es ist offenkundig, dass sich an Bord der Maschine in jenem Augenblick eine Katastrophe ereignet hat. Die Piloten setzten keinen Notruf ab - vielleicht weil das fragliche plötzliche Ereignis nicht nur den Transponder, sondern auch die Kommunikationsapparatur der Maschine zerstört hatte.

Was dann geschah, ist bekannt, weil es zufällig von Menschen am Boden gefilmt worden war. Das Flugzeug brannte lichterloh, es drehte ab nach rechts, möglicherweise versuchten die Piloten, zum Flughafen zurückzukehren. Kaum ein, zwei Minuten nach dem Ende der Transponder-Übertragung schlug die Maschine auf dem Boden auf, sie explodierte in einem Feuerball.

Laut Medienberichten häufen sich Hinweise, dass die Boeing 737, die auf ihrem Flug von Teheran nach Kiew am Mittwoch abgestürzt war, von einer Rakete getroffen wurde. US-Geheimdienste haben laut CBS News die Signale eines eingeschalteten Radars einer Flugabwehrrakete aufgefangen. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Demnach entdeckten US-Satelliten auch zwei Starts von Boden-Luft-Raketen, die kurz vor der Explosion des Flugzeugs erfolgten. Raketenteile seien in der Nähe der Absturzstelle gefunden worden.

Wie der "Guardian" berichtet, sei das Flugzeug versehentlich von einer iranischen Flugabwehrrakete abgeschossen worden und beruft sich auf britische Geheimdienstmitarbeiter, die entsprechende Berichte des US-Geheimdienstes eingesehen hätten.

Die Flugschreiber sind geborgen, aber angeblich beschädigt

Die Ursachenforschung dauert an. Iranische Behörden hatten sich schon Stunden nach dem Crash darauf festgelegt, dass ein technischer Defekt die Absturzursache sei. Die Maschine habe einen Triebwerksausfall erlitten, hieß es zunächst. Doch ein solcher kann das plötzliche Geschehen nicht hinreichend erklären. Moderne Jets können sogar viele Stunden mit nur einem Triebwerk fliegen. Auch ein Feuer an Bord oder einem Triebwerk entwickelt sich nicht so schnell so gravierend, dass eine Maschine innerhalb von Augenblicken abstürzt.

Die Flugschreiber sind geborgen, allerdings sind sie nach iranischen Angaben beschädigt. Sie dürften den Unfallermittlern dennoch Informationen über den Zustand der Maschine, über Geräusche im Cockpit und die letzten Gespräche der Piloten geben. Für die Auswertung der Flugschreiber hat Iran nicht die nötigen Kapazitäten, andere Länder - vielleicht Russland, Frankreich oder Deutschland - könnten einspringen. Iran hat wegen der augenblicklichen politischen Spannungen ausgeschlossen, die USA um Assistenz zu bitten.

Nach dem Chicagoer Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt wird Iran die Ermittlungen federführend leiten. Nach den Regularien muss das Land Experten der Ukraine als Ursprungsland der abgestürzten Maschine und überdies der US-Untersuchungsbehörde NTSB als Produktionsland der betroffenen Boeing daran beteiligen. Wie das bei den derzeitigen politischen Verhältnissen gelingen kann, ist zweifelhaft. Weil zehn der toten Passagiere Schweden waren und 63 die kanadische Staatsbürgerschaft hatten, will Iran auch Experten aus diesen Ländern an der Untersuchung teilhaben lassen. Üblicherweise entsteht ein vorläufiger Bericht nach etwa 30 Tagen, der Abschlussbericht wird etwa zum Jahrestag des Unfalls vorgelegt.

Die Flugunfallermittler stehen vor einer schwierigen Aufgabe

Trotz der neuen Meldungen über Hinweise auf einen Abschuss, müssen die Flugunfallermittler vielfältige Szenarien prüfen. Noch immer ist auch ein technischer Defekt möglich. Ein Triebwerk könnte explodiert sein, seine mit hohem Tempo herumfliegenden Trümmerteile könnten die Außenhaut der Maschine und die Tanks durchlöchert haben. Das CFM-56-Triebwerk, das bei der 737 zum Einsatz kommt, gilt als anfällig für Materialermüdung, weshalb es seit einiger Zeit in regelmäßigen Abständen intensiv untersucht werden muss.

Es gibt allerdings Details, die für direkte Gewalteinwirkung sprechen: Fotos der Trümmer legen nahe, dass kleine, scharfkantige Metallteile den Rumpf perforiert haben - und zwar von außen nach innen. Das würde dafür sprechen, dass die Maschine von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden ist. Der Schaden, den eine solche anrichten würde, lässt sich überdies gut mit den übrigen Befunden in Einklang bringen - dem Feuer, dem plötzlichen Ausfall des Transponders und des Sprechfunks.

Die Ukraine hat bereits Dutzende Experten nach Teheran entsandt, die jetzt auf Genehmigung warten, die Wrackteile genauer zu studieren. Unter ihnen sind erfahrene Kräfte, die 2014 schon die Trümmer von Flug MH17 der Malaysia Airlines untersucht haben. Dieser Jet war von einer aus Russland stammenden Flugabwehrrakete vom Himmel geholt worden.

Im Internet kursieren seit dem ersten Bericht über den Absturz wilde Theorien: So gibt es Bilder eines Bauteils einer russischen Abwehrrakete vom Typ "Tor 9K331", das angeblich in der Nähe der Absturzstelle gefunden worden sei. (Mehr dazu, was über die angeblichen Raketenteile bekannt ist, lesen Sie hier.) Was davon stimmt, lässt sich gegenwärtig kaum beurteilen. Gegenüber der Flugsicherheitsplattform "Aviation Herald" hat der Chef der zuständigen iranischen Untersuchungsbehörde dementiert, dass ein solches Teil gefunden worden sei.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, 179 Menschen hätten sich an Bord des Flugs befunden, es waren jedoch 176 Personen. Wir haben den Fehler korrigiert.