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Iran: Angst vor der Bombe der Mullahs

Foto: AP/ Boeing

Iranisches Atomprogramm Israels Kalkül für den Krieg

Israel kommt einem Angriff auf Iran offenbar immer näher. Die Regierung in Jerusalem drängt zum Handeln, bevor Teheran seine Urananlagen sicher unter die Erde verstaut hat. Der Westen ist alarmiert, fürchtet einen Flächenbrand in Nahost. Fünf Gründe, warum Jerusalem all diese Warnungen ignorieren könnte.

Die Argumentation der israelischen Regierung für einen Angriff auf Irans Atomanlagen lässt sich derzeit in drei Worten zusammenfassen: jetzt oder nie. Glaubt man Israels Verteidigungsminister Ehud Barak, wird Iran in wenigen Monaten die "Zone der Immunität" erreichen: Das Atomprogramm der Mullahs sei dann gegen Luftangriffe weitgehend geschützt. Immer wieder hat die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betont, dass die nukleare Bewaffnung Irans eine "existentielle Bedrohung" für Israel sei und deshalb verhindert werden müsse, notfalls um jeden Preis.

Der Streit um Iran hat einen tiefen Graben zwischen Israel und den USA gerissen. Während Washington weiter auf Sanktionen gegen Iran setzt, sieht Jerusalem die Zeit für einen erfolgreichen Militärschlag davonrennen. "Wer 'später' sagt, könnte am Ende herausfinden, dass 'später' zu spät ist", sagte Barak.

Derzeit verdichten sich die Signale, dass Jerusalem tatsächlich den Alleingang wagen könnte. "Dieses Mal scheinen es die Israelis wirklich ernst zu meinen", sagte ein europäischer Diplomat dem Magazin "The Atlantic". Im Westen grassiert die Furcht vor den Folgen eines israelischen Angriffs auf iranische Nuklearanlagen: Teheran könnte zu einem heftigen Gegenschlag ausholen, überall auf der Welt Terroranschläge veranlassen, die Hisbollah auf Israel hetzen und am Ende den ganzen Nahen Osten in Brand setzen.

Allerdings: Israel könnte das für einen akzeptablen Preis halten, wie eine wachsende Zahl von Beobachtern glaubt. Dafür sprechen derzeit mehrere Gründe:

Der Zeitdruck

Seit Anfang des Jahres ist bekannt, dass Iran damit begonnen hat, die Anlagen zur Anreicherung von Uran unter die Erde zu verlegen - so tief, dass sie selbst mit den größten und schwersten Bomben nicht mehr zu erreichen wären. Die Anlage in Fordo soll 80 bis 90 Meter unter der Erde sein. Das Hauptargument Israels lautet: Hat Iran erst einen ausreichend großen Teil seines Atomprogramms in solchen Anlagen vergraben, wären die Mullahs auf dem Weg zur Bombe kaum noch zu stoppen.

Selbst der neueste Bunkerknacker im US-Arsenal, der fast 14 Tonnen schwere "Massive Ordnance Penetrator" (MOP), könnte einer 80 bis 90 Meter tief vergrabenen Anlage kaum gefährlich werden. Laut öffentlich zugänglichen Informationen soll der MOP 60 Meter Stahlbeton durchschlagen oder 40 Meter tief in hartes Felsgestein eindringen können, ehe er explodiert. Doch diese Werte seien "verdächtig hoch", schreibt etwa der Rüstungsexperte John Pike auf Globalsecurity.org: Bei diesen Angaben handle es sich womöglich um Fuß und nicht um Meter. Wäre das wahr, könnte der MOP weniger als 20 Meter Stahlbeton durchdringen.

Zwar hat der US-Kongress erst vor wenigen Tagen 81 Millionen Dollar freigegeben, um den MOP noch leistungsfähiger zu machen. Doch selbst wenn es gelänge, die Bombe so zu modifizieren, dass sie noch einige Meter tiefer reichte: Iran könnte seine Nuklearanlagen künftig einfach noch ein Stück tiefer vergraben. Irgendwann zieht dann die Physik einen Schlussstrich, denn die Durchschlagskraft einer Bombe hängt von drei Faktoren ab: ihrem Gewicht, ihrer Geschwindigkeit und ihrer Härte.

Beim Gewicht ist derzeit die Grenze erreicht: Die derzeit vorhandenen US-Langstreckenbomber können noch größere Lasten als den MOP kaum tragen. So musste schon der B-2-Bomber eigens umgerüstet werden, um die Riesenwaffe an Bord nehmen zu können. Auch bei der Geschwindigkeit ist irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht, da der Luftwiderstand exponentiell zum Tempo steigt.

Und schließlich wäre da noch die Widerstandskraft der Geschosshülle: Selbst die stärksten Materialien würden sich verformen oder sogar schmelzen bei Aufschlaggeschwindigkeiten von mehr als einigen Kilometern pro Sekunde", argumentierte der Physiker Robert Nelson schon vor Jahren in einer von der Federation of American Scientists (FAS) veröffentlichten Studie. Darin ging es in erster Linie um den Einsatz taktischer Atombomben gegen Bunker. Doch selbst sie könnten tief genug vergrabene Anlagen womöglich nicht zerstören, argumentierte Nelson.

Als Lösung kursiert derzeit der Ansatz, zwei MOPs in Folge auf dieselbe Stelle zu werfen - in der Hoffnung, dass die zweite Bombe möglichst genau das Loch der ersten trifft. Ob das aber bisher erfolgreich versucht wurde - geschweige denn im Ernstfall funktionieren würde - ist unbekannt.

Nicht-militärische Maßnahmen haben versagt

Die Alternativen zu einem militärischen Eingreifen haben aus Sicht Israels nicht funktioniert. Seit vielen Jahren versucht der Westen erfolglos, Teheran mit politischem Druck, der Androhung wirtschaftlicher Sanktionen oder dem Versprechen von Investitionen von seinen nuklearen Ambitionen abzubringen. Der Konsens westlicher Geheimdienste lautet derzeit, dass Teheran die Entscheidung für den Bau der Atombombe zwar noch nicht gefällt hat, aber alle dafür notwendigen Technologien entwickelt - um dann möglichst schnell in der Lage zu sein, den letzten Schritt zu gehen.

Zwar haben die jüngsten Sanktionen des Westens der iranischen Wirtschaft erheblich geschadet. Doch offiziell gibt sich die Regierung in Teheran unbeeindruckt - Präsident Ahmadinedschad kündigte vergangene Woche sogar neue Fortschritte des Atomprogramms an. Und solange sich große Staaten wie Russland, China und Indien beharrlich weigern, sich an den internationalen Sanktionen gegen Iran zu beteiligen, dürfte deren Wirkung letztlich begrenzt bleiben. Sie würden vermutlich nicht einmal den Zeitplan der Iraner beeinflussen, wie es kürzlich auf der Politik-Website Foreign Policy hieß. Auch die israelischen Attentate auf iranische Atomwissenschaftler konnten das Fortschreiten des Nuklearprogramms bestenfalls verlangsamen.

Irans Bombe droht den Nahen Osten zu destabilisieren

Ein nuklear bewaffneter Iran würde die Gefahr eines Atomkriegs im Nahen Osten deutlich steigern. Experten wie etwa der US-Abrüstungsdiplomat Richard Burt rechnen damit, dass in diesem Fall eine Reihe weiterer Staaten in der Region sich ebenfalls die Bombe zulegen würden - etwa die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten.

Die Entfernungen zwischen den verfeindeten Staaten sind, anders als im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, äußerst kurz. Es gäbe im Falle eines Angriffs so gut wie keine Vorwarnzeit, und es bestünde immer die Gefahr von Missverständnissen: Eine Hotline zwischen den Regierungen, so wie es sie im Kalten Krieg zwischen Ost und West gab, existiert nicht zwischen Jerusalem und Teheran.

Zudem wäre das nukleare Arsenal Irans zunächst klein, das von Israel steht auf engem Raum - beide könnten womöglich schon vom ersten Schlag des Gegners komplett vernichtet werden. Die sogenannte Zweitschlagskapazität, von zentraler Bedeutung für das Funktionieren einer gegenseitigen nuklearen Abschreckung, könnte deshalb aus Sicht Irans oder Israels kaum gegeben sein. Zwar könnten die Israelis im Falle eines iranischen Angriffs auf einen Gegenschlag durch die USA hoffen - ob ihnen das aber genügt, darf angesichts der Historie bezweifelt werden. Die Folge wäre vermutlich, dass beide Seiten stets den Finger am Abzug haben.

Eskalation käme Israel entgegen

Die potentielle Folge eines israelischen Militärschlags - ein Flächenbrand im Nahen Osten mit vielen Toten und verheerenden wirtschaftlichen Folgen - wird oft als bester Grund gegen eine solche Aktion Israels genannt. Doch inzwischen glauben immer mehr Beobachter, dass dies ein Trugschluss sein könnte. Eine Eskalation liege sogar im Interesse der Israelis: Sie hätten dann einen Grund, nicht nur die Atomanlagen Irans, sondern auch seine Industrie, seine Energieversorgung und seine Kommunikationsnetze anzugreifen. Wenn Iran obendrein noch seine Drohung wahr machte, die Öllieferungen durch die Straße von Hormus zu unterbinden, würde das auch noch die USA in den Krieg zwingen.

Zudem habe Iran nur begrenzte Optionen für einen Gegenschlag, schrieb etwa der US-Nuklearsicherheitsexperte Matthew Kroenig im US-Magazin "Foreign Affairs". Die Hisbollah und die Hamas, die Israel theoretisch angreifen könnten, hätten derzeit kaum Interesse an einem erneuten Krieg mit Israel, zumal ihnen Syrien als Basis gerade wegzubrechen drohe. Auch die ballistischen Raketen Irans und seine Marine seien keine besonders großen Bedrohungen für die US-Streitkräfte. Kroenig, der bis Juli 2011 Sonderberater des damaligen US-Verteidigungsministers Robert Gates war, hält einen Angriff auf Iran deshalb für "das kleinste aller Übel".

Israel hat gute Erfahrungen mit Luftangriffen auf Atomreaktoren

Ermutigt könnte sich die israelische Regierung durch die Erfolge der Vergangenheit fühlen: 1981 zerstörte die israelische Luftwaffe mit einem Überraschungsangriff den irakischen Kernreaktor Osirak. 2007 griffen israelische Kampfjets die syrische Militäranlage al-Kibar an. Eine offizielle Stellungnahme Jerusalems zu der Attacke gibt es bis heute nicht, laut einer Untersuchung der internationalen Atomenergiebehörde IAEA handelte es sich um einen Atomreaktor.

Beide Angriffe blieben weitgehend ohne nachteilige Folgen für Israel: Weder Irak noch Syrien wagten einen militärischen oder terroristischen Gegenschlag.

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