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09. Oktober 2012, 18:53 Uhr

US-Studie

Iran könnte in wenigen Wochen Material für Atombombe besitzen

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Iran könnte schon bald genug Material für eine Atombombe produzieren. Wie lange das Mullah-Regime dann noch für eine Waffe bräuchte, wisse niemand, warnt ein US-Institut. Deshalb müsse man Teheran davon abhalten, noch mehr Spaltmaterial zu gewinnen.

Wie lange dauert es noch, bis Iran genügend Uran für eine Atomwaffe besitzt? Nur noch wenige Monate, vielleicht sogar nur Wochen, glaubt die israelische Regierung - und bringt deshalb immer wieder einen präventiven Militärschlag ins Spiel. Andere Beteiligte, wie etwa die US-Regierung, sehen dagegen noch genügend Zeit für eine diplomatische Lösung.

Ein neuer Bericht eines einflussreichen US-Instituts legt nun nahe, dass tatsächlich noch Raum für Verhandlungen existiert - aber dass die Zeit knapp wird. Wie das Institute for Science and International Studies (Isis) in seinem Report schreibt, könnte Iran schon innerhalb der kommenden zwei bis vier Monate genügend waffenfähiges Uran zum Bau einer Atombombe produziert haben. Die drei Autoren verstehen darunter eine Menge von 25 Kilogramm Uran, das zu mindestens 90 Prozent angereichert ist.

Dieses Ergebnis scheint auf den ersten Blick jenen in die Hände zu spielen, die in düsteren Farben die Gefahr eines nuklear bewaffneten Irans an die Wand malen und harte Maßnahmen bis hin zu Angriffen auf Teherans Atomanlagen fordern. Doch die Isis-Experten betonen, dass der Weg zur iranischen Bombe noch weiter sein könnte, als es den Anschein hat.

Denn zum einen versuche der Bericht nur vorherzusagen, wann Iran das Spaltmaterial für eine Bombe besitzen könnte - nicht aber, wie lange anschließend der Bau einer funktionierenden Waffe dauere. In diesem Fall stünde das Land vor "neuen technischen Herausforderungen", heißt es in dem Report: "Iran würde viele weitere Monate brauchen, um eine nukleares Gerät zu bauen, das für einen unterirdischen Test taugen würde." Noch länger würde es dauern, einen Sprengkopf zu entwickeln und ihn so kompakt zu gestalten, dass er auf eine Rakete passt.

Rechnung mit vielen Unbekannten

Zum anderen basiert die Berechnung, an deren Ende die zwei bis vier Monate stehen, auf zahlreichen Annahmen, die zum Teil nur wenig gesichert sind - etwa wie effizient die iranischen Anlagen zur Uran-Anreicherung arbeiten, wie schnell der Vorrat an niedrig angereichertem Uran (LEU) wachsen wird und wie viel waffenfähiges Material die Iraner haben wollen. Wollte das Land so schnell wie möglich genug Stoff für eine Bombe zusammenhaben, müsste es einen Großteil seines LEU-Vorrats verbrauchen. Wollte es Material für mehrere Waffen produzieren, wäre mehr Zeit notwendig.

Zudem halten es die Isis-Experten offenbar für unmöglich, dass Iran die Weltgemeinschaft damit überraschen könnte, genügend Uran für eine Atomwaffe auf 90 Prozent anzureichern. Ein solcher sogenannter Breakout "könnte der Internationalen Atomenergiebehörde und den USA nicht entgehen", heißt es. Die notwendigen Vorbereitungen würden lange genug dauern, um ein solches Unterfangen für Teheran enorm riskant zu machen. "Ein Breakout Irans innerhalb des nächsten Jahres ist deshalb unwahrscheinlich", bilanziert Isis.

Das gelte allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Israel keinen Militärschlag gegen Iran unternehme. Die Isis-Autoren reihen sich damit in die lange Liste jener Experten ein, die glauben, dass eine solche Aktion die Iraner nur für kurze Zeit bremsen und das Regime danach umso entschlossener nach der Bombe streben würde.

Die beste Strategie, Iran von Atomwaffen abzuhalten, sei deshalb zu verhindern, dass das Land ausreichende Mengen nuklearen Materials bekomme. Denn auch wenn es technisch schwierig sei, einen Sprengkopf zu bauen: Ein solches Vorhaben sei wesentlich schwieriger zu entdecken als die Anreicherung von Uran. Sollte Iran also eines Tages genug Spaltmaterial besitzen, würde die Welt womöglich erst von der Existenz einer vollständigen Waffe erfahren, "wenn Iran sie unterirdisch zündet oder ihre Existenz auf andere Art bekanntgibt".

mbe

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