Zweifelhafte Erfindung Herr Rossi und sein Wunderreaktor

Fusionsreaktoren könnten nahezu unerschöpflich saubere Energie liefern. Eine solche Anlage will ein italienischer Tüftler nun in Heimarbeit entwickelt haben. Ein erster Test scheint die Erfindung von Andrea Rossi zu bestätigen, doch die Fachwelt bleibt skeptisch.
Reaktor in Heimarbeit: Andrea Rossi (2. von rechts) präsentiert seinen "E-Cat"

Reaktor in Heimarbeit: Andrea Rossi (2. von rechts) präsentiert seinen "E-Cat"

Foto: ROPI

Entweder wird der italienische Unternehmer Andrea Rossi eines Tages in einem Atemzug mit James Watt, Werner von Siemens und Nikola Tesla genannt werden - als genialer Tüftler, dem eine bahnbrechende Erfindung in der Energietechnik gelungen ist. Oder aber mit Emil Rupp - dem Berliner Physiker, der 1926 mit gefälschten Forschungsergebnissen einen der größten Wissenschaftsskandale des 20. Jahrhunderts auslöste.

Rossi will nicht weniger als die Energieversorgung revolutionieren: Der studierte Philosoph und Chemiker hat quasi in Heimarbeit einen Fusionsreaktor gebaut, der durch die Verschmelzung von Atomkernen große Mengen an Wärme erzeugen soll - und das sehr klimafreundlich, ohne Abgase oder radioaktive Strahlung und zu äußerst niedrigen Kosten.

Seit Jahrzehnten arbeiten renommierte Forschungsinstitute an der Kernfusion, viele Milliarden Euro sind in die Projekte geflossen - bislang nur mit kleinen Erfolgen. Und nun soll ausgerechnet einem Außenseiter fernab des Wissenschaftsbetriebs der große Durchbruch gelungen sein?

Andrea Rossi: Revolutionär oder Scharlatan?

Andrea Rossi: Revolutionär oder Scharlatan?

Foto: ROPI

Kritiker haben deshalb immer wieder gefordert, der 63-Jährige solle seinen Reaktor namens "E-Cat" einem unabhängigen Test stellen. Rossi hat dies lange Zeit verweigert. Zwar hat er die Anlage einigen Wissenschaftlern, Journalisten und Bloggern vorgeführt. Die durften das Gerät aber nur aus der Ferne begutachten.

Manipulation? "Sehr unwahrscheinlich!"

Schließlich hat Rossi einer unabhängigen Prüfung zugestimmt. Wissenschaftler der Universitäten Bologna und Uppsala sowie des Royal Institute of Technology in Stockholm durften an zwei mehrtägigen Testläufen im Dezember 2012 und im März 2013 teilnehmen und dabei eigene Messungen durchführen. Allerdings war es den Wissenschaftlern nicht möglich, das Innere des Reaktors unter die Lupe nehmen.

Der Abschlussbericht der Forschergruppe scheint Rossi zu bestätigen: "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Energie in deutlich größeren Mengen produziert wurde, als es mit jeder anderen konventionellen Quelle möglich gewesen wäre", heißt es dort.

Aber war die Prüfung wirklich unabhängig? "Wir halten es für sehr, sehr unwahrscheinlich, dass die Testläufe manipuliert worden sind", erklärt Hanno Essén vom Royal Institute of Technology in Stockholm. "Soweit wir das beurteilen können, gab es keinerlei Eingriffe, die unsere zentralen Ergebnisse hätten beeinflussen können."

Auch Bo Höistad von der Universität Uppsala ist überzeugt, dass beim Test alles mit rechten Dingen zuging. Dennoch fordert er, das Experiment unter strengeren Bedingungen zu wiederholen, da das Ergebnis so außergewöhnlich war. "Ich sehe in den Ergebnissen des Experiments vom März keinen belastbaren Beweis für das Funktionieren des 'E-Cat', aber einen starken Hinweis darauf", resümiert der Nuklearphysiker.

"Gehört in die Kategorie Scharlatanerie"

Was genau im Inneren von Rossis Reaktor passiert, weiß Höistad nicht - "außer dass ein chemischer Prozess offenbar ausgeschlossen werden kann". Rossi selber gibt lediglich an, dass dort Kerne von Nickel- und Wasserstoffatomen miteinander verschmelzen. Anders als beim Forschungsreaktor Iter geschieht dies bei niedrigen Temperaturen. Bei diesem Vorgang werde Wärme freigesetzt.

Iter-Reaktor mit Fusionsplasma: Anfang 2013 wurde das Kontroll- und Verwaltungszentrum in Betrieb genommen, bis zu den ersten Forschungsarbeiten dürften noch einige Jahre vergehen

Iter-Reaktor mit Fusionsplasma: Anfang 2013 wurde das Kontroll- und Verwaltungszentrum in Betrieb genommen, bis zu den ersten Forschungsarbeiten dürften noch einige Jahre vergehen

Foto: DPA/ ITER

Claude Petitjean vom Schweizer Paul Scherrer Institut bezweifelt das jedoch. "Ich halte es für ausgeschlossen, dass der Reaktor von Herrn Rossi auf Basis einer Kernfusion Energie erzeugt", erklärt Petitjean, der seit 30 Jahren zu diesem Thema forscht. Er verweist auf die sogenannte Coulomb-Barriere, die eine Fusion der Teilchen verhindert. Deshalb könne die Anlage gar nicht funktionieren, meint Petitjean.

Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik sehen das ähnlich. "Wenn die allgemein anerkannten Gesetze der Physik die Natur richtig beschreiben, dann ist in diesen Anlagen eine 'kalte Fusion' nicht möglich", erklärt die Sprecherin Isabella Milch. Deshalb gebe es am Institut niemanden, der sich mit den Anlagen Rossis vertieft beschäftigt hätte. Auch Ulrich Samm, Leiter der Kernfusionsforschung am Forschungszentrum Jülich, sieht keinen Grund, sich damit auseinanderzusetzen: "Was Herr Rossi macht, gehört in die Kategorie Scharlatanerie."

Reaktor kostet 1,5 Millionen Dollar

Dennoch bietet Rossi seinen Reaktor bereits zum Kauf an. Eine Ein-Megawatt-Anlage soll 1,5 Millionen Dollar kosten. Wie viele davon bereits ausgeliefert worden sind, wo sie stehen, wofür sie eingesetzt werden - dazu will sich der Italiener nicht äußern.

Wenn Rossis Reaktor tatsächlich zuverlässig Wärme erzeugen sollte, würde der Menschheitstraum von sauberer, günstiger und nahezu unerschöpflicher Energie wahr. Tut er das nicht, gebührt Rossi zumindest für eine andere Leistung Respekt: dafür, dass er die Öffentlichkeit und einige Wissenschaftler lange Zeit erfolgreich an der Nase herumgeführt hat.