Japan Unkontrollierte Kernspaltung in Fukushima befürchtet

Neue Probleme in Fukushima: In Reaktor 2 des japanischen AKW gebe es Anzeichen auf unkontrollierte Kernspaltung, teilte der Betreiber der Atomruine mit. Es handele sich aber um keine besonders kritische Situation, behauptet der Energiekonzern Tepco.
Strahlungsmessung in Fukushima Daiichi (August 2011): Neuer Vorfall gemeldet

Strahlungsmessung in Fukushima Daiichi (August 2011): Neuer Vorfall gemeldet

Foto: dapd/ TEPCO

Tokio - Aus dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist wieder ein besorgniserregender Vorfall gemeldet worden. Im Reaktor 2 wurden Hinweise auf eine unkontrollierte Kernspaltung entdeckt, gab das Betreiberunternehmen Tepco am Dienstag bekannt. Vorsorglich sei über eine Kühlwasserleitung Borsäure in die Anlage geleitet worden, um eine mögliche Kettenreaktion unter Kontrolle zu bringen.

Kernspaltung erfolgt normalerweise in kontrollierter Form in Atomreaktoren zur Energiegewinnung. Dafür wird ein geeignetes Isotop wie etwa Uran-235 mit Neutronen beschossen. Fängt das Uran ein Neutron ein, wird es instabil und zerfällt in zwei leichtere Kerne, wobei Energie in Form schneller Neutronen frei wird. Die Neutronenenergie wird zum Erhitzen von Wasser genutzt, um in Turbinen Strom zu erzeugen. Ein Teil der Neutronen wird gebremst, um weitere Atomkerne zu spalten. So entsteht eine Kettenreaktion. Die Spaltprodukte sind in der Regel radioaktiv.

Gerät ein Reaktor außer Kontrolle, ist die Kernspaltung nicht mehr steuerbar. Die freigesetzte Energie wird nicht mehr abgeleitet, Temperatur und Druck steigen. Die Nebenprodukte dieser atomaren Reaktion lassen sich nachweisen. Als "Gegenmittel" kann mit Borsäure versetztes Wasser verwendet werden. Die Säure verhindert, dass die bei der Kernspaltung freigesetzten Neutronen eine Kettenreaktion auslösen.

Untersuchung läuft

Drei der sechs Reaktoren der Anlage in Fukushima wurden durch das verheerende Erdbeben vom 11. März und den anschließenden Tsunami schwer beschädigt. Die Sorge über eine mögliche unkontrollierte Kernspaltung war durch das vermutete Auftreten der Gase Xenon 133 und Xenon 135 entstanden, Nebenprodukten einer atomaren Reaktion. Beide Substanzen haben eine kurze Halbwertzeit, so das eine mögliche Kernspaltung kürzlich erfolgt sein müsste.

Weder die Temperatur noch der Druck oder die radioaktive Konzentration im Reaktor aber seien laut Tepco angestiegen. "Wir haben bestätigt, dass der Reaktor stabil ist, und wir glauben nicht, dass dies (der Vorfall) einen Einfluss auf unsere künftige Arbeit haben wird", sagte Konzernsprecher Osamu Yokokura. Außerhalb des Kraftwerks sei bisher keine Radioaktivität festgestellt worden. Eine mögliche Kernspaltung werde auch nicht die Planung zur Stabilisierung des Reaktors beeinträchtigen.

Auch ein Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde, Hiroyuki Imari, sagte, man gehe nicht davon aus, dass es sich um ein größeres Problem handele. Derzeit laufe eine Untersuchung über die Ursache des Vorfalls.

Kernschmelze in drei Reaktoren

Das AKW Fukushima war durch ein verheerendes Erdbeben und einen anschließenden Tsunami am 11. März schwer beschädigt worden. Daraufhin hatte es dort eine Reihe schwerer Atomunfälle gegeben: In den Reaktoren 1, 2 und 3 kam es zu Kernschmelzen. Die Katastrophe in Fukushima gilt als der schwerste Atomunfall seit Tschernobyl im Jahr 1986.

Rund 20.000 Menschen starben durch Erdbeben und Tsunami oder wurden als vermisst gemeldet. Zehntausende Menschen mussten die verstrahlten Gebiete rund um das Kraftwerk verlassen. Die Stilllegung des schwer beschädigten Atomkraftwerks wird nach Einschätzung eines Expertengremiums mindestens 30 Jahre dauern. Das schrieben die Fachleute in dem Entwurf für einen Bericht, der zum Ende des Jahres vorgelegt werden soll.

Uno-Behörde erwartet weltweit mehr Atomenergie

Trotz der Nuklearkatastrophe in Fukushima erwartet die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass die Zahl der Kernkraftwerke in den nächsten Jahrzehnten stetig zunehmen wird. Zu den Ländern, die den Bau neuer Atommeiler erwägen, gehören die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt, China und Indien, berichtete IAEA-Direktor Yukiya Amano am Dienstagabend der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York.

Die IAEA solle aus der Katastrophe von Japan Lehren für den künftigen Umgang mit Notfällen ziehen, forderte der stellvertretende chinesische Uno-Delegierte Wang Min. Das durch das Unglück erschütterte Vertrauen in die Atomenergie müsse wiederhergestellt werden.

heb/boj/dpa/AFP/dapd