Interview mit Ingenieur Manfred Curbach "Die große Frage ist, wie heiß der Stein wurde"

Die Schäden an Notre-Dame sind gewaltig: Der Dachstuhl ist zerstört, ein Turm eingestürzt, das Gestein war stundenlang enormer Hitze ausgesetzt. Wie baut man das alles wieder auf?

3-D-Bild von Notre-Dame: "Die Hitze ist ein Problem"
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3-D-Bild von Notre-Dame: "Die Hitze ist ein Problem"

Ein Interview von


Die ganze Nacht hindurch haben Feuerwehrleute um die Kathedrale von Notre-Dame gekämpft, nun ist der Brand endlich gelöscht. Das Ausmaß der Schäden ist bislang nicht absehbar. Präsident Emmanuel Macron versprach trotzdem bereits: "Notre Dame wird wieder aufgebaut."

Aber: Wie schwierig und langwierig ist es, ein so altes riesiges Gebäude wieder herzurichten?

In Deutschland standen Architekten, Kunsthistoriker, Statiker und Bauerarbeiter in den Neunzigerjahren vor einer ähnlichen Herausforderung. Sie wollten die Dresdner Frauenkirche nach der Zerstörung restaurieren. Der Prachtbau des Barocks war nach den Luftangriffen auf Dresden im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt und am Vormittag des 15. Februar 1945 in sich zusammengebrochen.

Was haben die Fachleute dabei gelernt? Und wie geht es jetzt mit Notre-Dame weiter? Fragen an Manfred Curbach.

Zur Person
  • Ulrich van Stipriaan
    Manfred Curbach ist Professor für Massivbau an der TU Dresden und war Mitglied im Bauausschuss der Dresdner Frauenkirche. Er hat maßgeblich zur Entwicklung von Carbonbeton beigetragen und ist Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Curbach, wie baut man eine mehr als 800 Jahre alte Kirche wie Notre-Dame wieder auf?

Manfred Curbach: Das hängt stark davon ab, wie schwer die Schäden am Gemäuer sind. Die Frauenkirche in Dresden wurde im zweiten Weltkrieg ebenfalls durch Feuer zerstört. Damals hat es 26 Stunden im Innenraum gebrannt. Die Natursteine, aus denen die Frauenkirche und auch der Großteil von Notre-Dame aufgebaut sind, halten dem Feuer an sich gut stand. Nur die beim Brand entstehende Hitze ist ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Curbach: Die hohen Temperaturen dringen nur langsam in das Gestein vor. Es wird außen also extrem heiß und bleibt vergleichsweise kühl im Inneren. Durch diese Temperaturunterschiede entsteht Spannung in den Steinen, Teile können herausplatzen oder der ganze Stein zerspringt. In der Frauenkirche sind dadurch ganze Pfeiler eingestürzt.

SPIEGEL ONLINE: Und in Notre-Dame?

Curbach: Das wissen wir noch nicht. Dort hat das Feuer vor allem im Dachstuhl gewütet. Der besteht aus Holz, liegt aber auf dem Gemäuer auf. Einige Schwachstellen am Gewölbe sind wohl bereits entdeckt worden. Die große Frage dabei ist, wie heiß der Stein wurde. Wenn einfach nur etwas Material abgeplatzt ist, lässt sich das recht leicht ausbessern. Auch einzelne Steine kann man austauschen, wenn sie beschädigt sind. Zunächst muss aber untersucht werden, wie stabil das Gebäude an sich noch steht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Bilder gesehen. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass das Feuer die gesamte Kathedrale destabilisiert hat?

Curbach: Da die Feuerwehr schnell vor Ort war, ist der Schaden am Gemäuer mit großer Sicherheit nicht so dramatisch wie bei der Frauenkirche. Wahrscheinlich ist die Stabilität grundsätzlich erhalten geblieben. Die Seitenbögen an der Kathedrale, die die Lasten von Wänden und Dach abfangen, scheinen unbeschädigt zu sein. Das ist ein gutes Zeichen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lässt sich das Dach wieder herrichten?

Curbach : Wichtig sind gute Pläne. Von Notre-Dame gibt es ein 3D-Modell. Das wird den Wiederaufbau deutlich vereinfachen, weil man genau weiß, wie die Balken vor dem Brand angeordnet waren. Es wird trotzdem eine große Aufgabe, denn gotische Gebäude sind sehr filigran und haben sehr viele feine Elemente. Notre-Dame ist ein perfektes Beispiel für diese Bauweise, auch der beim Brand eingestürzte Turm.

Am 11. April 2019 nahmen Arbeiter eine Statue vom nun eingestürzten Turm der Kathedrale
Philippe Wojazer/ REUTERS

Am 11. April 2019 nahmen Arbeiter eine Statue vom nun eingestürzten Turm der Kathedrale

SPIEGEL ONLINE: Wird man nach dem Brand in Notre-Dame erneut Holz in den Dachstuhl bauen?

Curbach: Davon gehe ich aus. Die meisten anderen Materialien wären wahrscheinlich zu schwer. Die Baumeister der Gotik haben die Stabilität ihrer Gebäude zwar nicht berechnet, so wie wir es heute tun. Sie hatten aber große Erfahrung und wussten, welche Materialien sie auf welche Art kombinieren können, um Standsicherheit zu gewährleisten. Entscheiden sich die Verantwortlichen für ein Alternativmaterial, muss es also zumindest ähnliche Eigenschaften haben wie Holz.

SPIEGEL ONLINE: Und das Dach selbst?

Curbach: Ob hier wieder Blei zum Einsatz kommen wird, lässt sich schwer sagen. Das hängt davon ab, ob sich die Denkmalschützer durchsetzen und alles absolut originalgetreu wieder hergerichtet werden soll, oder ob Abweichungen akzeptabel sind. Falls moderne Materialien akzeptiert werden, könnte man auch eine zeitgemäße Dämmung mit Folien und Matten einbauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert der Prozess des Neuaufbaus?

Curbach: Zumindest die bürokratischen Hürden sind in dem Fall wohl vergleichsweise gering, denn die Kathedrale hat für Paris eine sehr große Bedeutung und bislang sind sich alle einig, dass der Schaden behoben werden soll. Notre-Dame ist aber ein riesiges Gebäude.

Als wir damals die Frauenkirche wieder aufgebaut haben, hat das fast genauso lang gedauert wie der Originalbau, obwohl wir Kräne und moderne Technik zur Verfügung hatten. Gut, die Bauzeit für Notre-Dame lag bei mehr als hundert Jahren. So lange wird es wohl nicht dauern. Aber es steckt einiges an Logistik und Planung in einem solchen Projekt. Der Dachstuhl war ein Kunstwerk. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern, vielleicht sogar mehr als ein Jahrzehnt.

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