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Fusion: Atomverschmelzung im Kleinexperiment

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Kalte Kernfusion Was wurde eigentlich aus Herrn Rossis Wunderreaktor?

Der italienische Tüftler Andrea Rossi behauptet, er habe einen Mini-Fusionsreaktor entwickelt. Wissenschaftler prüften die Anlage - und waren beeindruckt. Doch viele Forscher halten Rossis Reaktor für einen Fake. Konnte er die Zweifel ausräumen?

Energie ohne Ende, erzeugt ohne Treibhausgasemissionen, ohne radioaktive Abfälle, unabhängig von Wind und Wetter und dazu noch spottbillig: Dieser Traum wird schon bald Wirklichkeit, wenn man dem italienischen Tüftler Andrea Rossi Glauben schenken möchte. Der 64-Jährige gibt an, einen Reaktor entwickelt zu haben, der durch die Verschmelzung von Atomkernen Energie produziert. Und das ganz im Alleingang, ohne Unterstützung durch etablierte Forschungsinstitute.

Genie oder Scharlatan? Für Wissenschaftler namhafter Einrichtungen wie dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik oder dem Schweizer Paul-Scherrer-Institut liegt die Antwort auf der Hand: Rossis Fusionsreaktor ist ein Hirngespinst. Sein Konzept verstoße nämlich gegen die Grundgesetze der Physik.

Um die Zweifel zu zerstreuen, hat Rossi seine Anlage im vergangenen Jahr einigen handverlesenen Wissenschaftlern - unter anderem vom Royal Institute of Technology in Stockholm und der Universität Bologna - vorgeführt. Die zeigten sich durchaus beeindruckt. Eine Manipulation hielten sie für sehr unwahrscheinlich. Sie forderten Rossi aber auf, den Testlauf für sie zu wiederholen.

Keine Kernfusion ohne Gammastrahlen

Dem ist der italienische Autodidakt jetzt nachgekommen. Und wieder fällt das Urteil der Forschergruppe positiv aus: In einem Bericht heißt es , die Anlage habe während des 32-tägigen Testlaufs mit nur einem Gramm des aus Nickel, Wasserstoff und Lithium bestehenden Fusionsmaterials netto insgesamt circa 1,6 Megawattstunden Wärmeenergie erzeugt. Die Ergebnisse des Versuchs zeigten, dass Rossis Reaktor jede andere bekannte konventionelle Energiequelle aussteche.

Zudem stellten die Wissenschaftler fest, dass sich die atomare Zusammensetzung des Nickels und des Lithiums im Reaktor verändert habe. So hätten sich die Nickel-Isotope Ni-58, Ni-60, Ni-61 und Ni-64 fast vollständig in Ni-62 verwandelt. Das wäre ein starker Hinweis darauf, dass in der Reaktorkammer von der Größe einer Salami tatsächlich eine Kernfusion stattgefunden hat.

Seltsam nur, dass die Beobachter bei diesem Vorgang keinerlei Gammastrahlung  gemessen haben - wie es den Gesetzen der Physik zufolge eigentlich hätte der Fall sein müssen. Für Stephan Pomp, Professor für Kernphysik an der Universität im schwedischen Uppsala, ist dies Beweis dafür, dass bei dem Testlauf etwas faul war. "Die behauptete Isotopenveränderung ist in dieser Weise - also ohne Abgabe von Gammastrahlung und mit einer praktisch hundertprozentigen Umwandlung in genau ein Nickelisotop - unmöglich", sagt Pomp.

Rossi war am Testlauf beteiligt

Wie lässt sich die Veränderung in der atomaren Zusammensetzung dann erklären? Pomp hegt den Verdacht, dass die Wissenschaftler schlichtweg hereingelegt worden sein könnten. Aus ihrem Bericht geht hervor, dass Rossi daran beteiligt war, das Fusionsmaterial in die Anlage zu geben und nach dem Testlauf wieder zu entnehmen. Dabei war nur ein einziges Mitglied der Forschergruppe zugegen, wie sich aus dem Report schließen lässt. Hat Rossi das Material unbemerkt ausgetauscht? Nickel- und Lithium-Isotope der Art, wie sie sich nach dem Test im Reaktor befanden, können ganz bequem in Onlineshops erworben werden.

Rossi bestreitet allerdings vehement, hier seine Finger im Spiel gehabt zu haben. "Ich war nur anwesend, um einzugreifen, falls technische Probleme auftreten. Was aber nicht der Fall war", erklärt er.

Das Ausbleiben der elektromagnetischen Strahlung ist jedoch längst nicht die einzige Ungereimtheit. Das Fusionsmaterial muss dauerhaft elektrisch aufgeheizt werden. Den Stromverbrauch der Heizung konnten die Wissenschaftler jedoch erst nach dem ersten Hauptschalter messen. Theoretisch wäre es möglich gewesen, den Schalter so zu manipulieren, dass die Messgeräte zu geringe Werte anzeigen. Ob bei der angeblichen Kernfusion tatsächlich mehr Energie entsteht als über die Heizung hineingesteckt wird, konnte somit nicht mit letzter Gewissheit geklärt werden.

"Erinnert sehr an Zaubertricks"

Karl Lackner, Professor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, weist zudem darauf hin, dass für eine Reaktion der Atomkerne deren elektrostatische Abstoßung überwunden werden müsse. Dafür sei eine Temperatur von hundert Millionen Grad und mehr notwendig. In Rossis Reaktor soll die Fusion aber bei nur rund 1.400 Grad stattgefunden haben. Dass keine Strahlung gemessen wurde, findet auch er verdächtig. "Ich glaube die Geschichte nicht", sagt der Fusionsforscher. "Die Methode von Herrn Rossi erinnert sehr an Zaubertricks."

Rossi könnte alle Vorwürfe entkräften, indem er einen Testlauf zulässt, der wissenschaftlichen Standards entspricht. Dazu würde gehören, dass er sich ganz vom Versuch fernhält. Doch das hat er nicht vor. "Wir werden keine weiteren öffentlichen Tests mit Prototypen durchführen", erklärt Rossi. Stattdessen fokussiere man sich jetzt auf die industrielle Produktion der Anlagen.

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