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20. Juni 2013, 08:32 Uhr

Khmer-Imperium

Laser-Scans zeigen versunkene Stadt bei Angkor Wat

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Archäologen haben Angkor Wat mit Laser-Scannern überflogen. Die Bilder zeigen nicht nur, dass die berühmte Tempelstadt viermal größer war als bisher bekannt. Sie enthüllen auch eine noch ältere, legendäre Königsstadt, die im Dschungel verschollen war.

Die Tempel von Angkor Wat in Kambodscha sind eine der größten Touristenmagneten Asiens. Zwar sind die mehr als 800 Jahre alten, beeindruckenden Bauwerke gut erforscht. Doch wo lebten die Menschen dieser Tempelstadt? Wo standen ihre Häuser? Wo lagen die Paläste ihrer Könige? Wo führten ihre Straßen lang, und wo bauten sie den Reis an, um die Stadt zu ernähren? Tempel können schließlich ohne Menschen nicht existieren - die Götter brauchen Verehrer, keine leeren Gebäude.

Dass alles außer den Tempeln in Angkor Wat verschwunden ist, liegt daran, dass es aus extrem vergänglichem Material gebaut war. Während die Tempel seit einem knappen Jahrtausend stehen, zerfiel der Rest der Stadt. Was am Ende von einem Haus blieb, war nicht mehr als ein kleiner Haufen Lehm.

Im dichten Regenwald sind diese vielen kleinen Hügel für einen Menschen mit bloßem Auge kaum auszumachen. Auch aus einem Flugzeug sind sie unter dem Blätterdach unsichtbar. Doch mit einer Technologie namens Lidar (Light detection and ranging) konnte ein internationales Forscherteam die ehemalige Lehmstadt wieder sichtbar machen - und förderte dabei sensationelle Entdeckungen zutage.

Angkor Wat viermal größer als bisher angenommen

Lidar sendet aus der Höhe Lichtimpulse zu Boden. Die unterschiedlichen Bodenstrukturen werfen sie unterschiedlich zurück - und so wird sichtbar, was unter der Blätterdecke verborgen liegt. In Deutschland und Europa wurden auf diese Art bereits spektakuläre Entdeckungen möglich. In Angkor Wat montierten die Forscher um Damian Evans von der University of Sydney und Jean-Baptiste Chevance von der Londoner Archaeology and Development Foundation das Lasergerät unter einen Hubschrauber und überflogen so das gesamte Gebiet.

Das Ergebnis: Um die Tempel herum lag eine riesige Stadt. Die Häuser waren in einem Raster angeordnet, ähnlich aufgeräumt wie New York. Jeder Block war vom nächsten durch eine Straße oder einen Kanal getrennt und verfügte sowohl über ein höhergelegenes Wohnareal als auch über eine Vertiefung - vermutlich ein Wasserreservoir. Und Angkor Wat war riesig: Das Stadtzentrum erstreckte sich nicht nur wie bislang angenommen über neun Quadratkilometer. Es war mit 35 Quadratkilometern fast viermal so groß, wie die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten.

Doch die Forscher fanden nicht nur die Stadt zum Tempel sowie ein gut strukturiertes Hinterland. Im Norden von Angkor Wat entdeckten sie noch einmal eine ganz eigene Stadt mit Tempeln, Häusern und Straßen. Sie vermuten, dass es sich bei den Ruinen um Mahendraparvata handelt - die verschollene Stadt des ersten Königs der Khmer, Jayavarman II.

Verschollenes Mahendraparvata entdeckt

"Schon vor der Untersuchung mit Lidar gab es eine Reihe von Hinweisen", erklärt Chevance. "Einige Inschriften zum Beispiel sind bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert bekannt. Und auch unsere archäologische Arbeit in der Region wies in den vergangenen sechs Jahren deutlich in diese Richtung."

Im Jahr 802, also mehr als 300 Jahre vor dem Bau Angkor Wats - so berichten die alten Inschriften im Tempel Ak Yum in Angkor - wurde Jayavarman II. auf einem Hügel zum ersten Herrscher der Khmer gekrönt. "Die Architektur stammt aus dem neunten Jahrhundert", bestätigt Roland Fletcher, Direktor des Greater Angkor Project. Die Texte berichteten, dass zu dieser Zeit ein Herrscher auf dem Hügel Phnom Kulen in einer Siedlung mit dem Namen Mahendraparvata lebte. "Und da es sonst keinen Ort gibt, an dem das gewesen sein könnte, scheint uns die Annahme gerechtfertigt, dass es sich bei der gefundenen Stadt in der Tat um Mahendraparvata handelt."

Am Ende bewährte sich keine der Städte. Denn auch den Grund für den Untergang fanden die Wissenschaftler unter dem Dach des Regenwalds: Die Khmer wirtschafteten nicht nachhaltig. Je größer die Stadt wurde, desto größer wurde der Nahrungsbedarf. Doch der Regen für die Reisfelder im Umland fiel nur unregelmäßig. Immer größer mussten die Ingenieure der Khmer die Wasserreservoire bauen, immer länger wurden die Transportwege. Und immer schwieriger wurde es, dieses empfindliche System instand zu halten. Um die Stadt zu vergrößern, rodeten die Khmer außerdem immer mehr Wald - und verschärften so den Zwang zur intensiven Bewässerung.

Das ging gut, solange die Dürren nicht zu lange dauerten. Im 14. und 15. Jahrhundert aber dörrte eine Reihe von extrem langen Trockenperioden das Land aus. "In den Lidar-Daten sehen wir zum ersten Mal, wie verheerend die Erosion der Kanäle wirklich war", so Fletcher. Die Landschaft war damals bereits zu kaputt, um sie erfolgreich bewässern zu können - die Ingenieure gaben auf. Die Zukunft gehörte den Städten entlang der Flussläufe. Die Menschen zogen weg, die alten Tempel von Angkor Wat blieben leer.

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