Manipulation durch Mausklicks Wie Bots fürs Klima kämpfen

Klicks bestimmen im Internet über Sichtbarkeit. Ein Künstlerduo nutzt das System aus und schickt Bots für den Klimaschutz los. Hier erklären Tega Brain und Sam Lavigne, was sie damit bezwecken wollen.
Ein Interview von Viola Kiel
Klicks beeinflussen die mediale Berichterstattung, sagen die Künstler Tega Brain und Sam Lavigne

Klicks beeinflussen die mediale Berichterstattung, sagen die Künstler Tega Brain und Sam Lavigne

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Tega Brain and Sam Lavigne

Bekommt die Klimakrise die mediale Aufmerksamkeit, die sie verdient? Nein, finden die australische Künstlerin Tega Brain  und ihr US-Kollege Sam Lavigne . Gemeinsam haben sie ein Instrument entwickelt, das der Klimaberichterstattung im Netz zu mehr Sichtbarkeit verhelfen soll: den »Synthetic Messenger« . Im Zoom-Gespräch mit dem SPIEGEL erklären sie, welche Idee dahintersteckt.

SPIEGEL: Sie haben ein digitales Kunstprojekt veröffentlicht: Man kann 100 Bots dabei zusehen, wie sie die Werbeanzeigen in Artikeln zur Klimakrise anklicken. Warum?

Tega Brain: Als Künstler, die sich in ihrer Arbeit mit Computersystemen beschäftigen, denken wir viel über Wege nach, wie man einem Publikum den Zugang zu Technologien ermöglichen kann, die nicht zu sehen und schwierig zu verstehen sind.

Foto: Tega Brain und Sam Lavigne

Die Australierin Tega Brain, 38, arbeitet als Künstlerin und »environmental engineer«, wie sie es nennt. Ihre Arbeit dreht sich um Ökologie, aber auch um Daten und ihren Einfluss auf die Welt. Tega Brain unterrichtet als Assistant Professor an der New York University  zu digitalen Medien.

Sam Lavigne ist ebenfalls 38 Jahre alt, Künstler und Programmierer. Der US-Amerikaner lehrt zurzeit an der School of Design and Creative Technologies der University of Texas  in Austin.

Die Arbeiten der beiden wurden bereits in vielen großen Ausstellungen gezeigt, unter anderem im Whitney Museum in New York und im Berliner Haus der Kulturen.

Sam Lavigne: Wir wollten zeigen, wie automatisiertes Verhalten online aussehen kann, und wir wollten es entmystifizieren. Wir haben die Bots so gestaltet, dass man sie in einem Zoom-Call sehen und erleben kann, wir haben sie sogar mit Händen und Stimmen ausgestattet. Das ist natürlich nicht notwendig, damit der Mechanismus funktioniert, aber es macht die Bot-Aktivität sichtbarer.

SPIEGEL: Um welchen Mechanismus geht es?

Sam Lavigne: Hinter der Frage, worüber berichtet wird und worüber nicht, steht ja eine ökonomische Logik. Ein Artikel, der viele Klicks erzeugt, ist ein wertvollerer Werbeplatz. Jeder unserer Bots ruft deshalb Artikel auf, in denen über die Klimakrise berichtet wird. Er verbringt Zeit auf der Seite und scrollt ein bisschen herum, und klickt dann auf jedes Werbebanner in einem Artikel. Diese Signale von Interaktion beeinflussen Entscheidungen in Nachrichtenredaktionen.

»Wenn du das Narrativ kontrollierst, kannst du auch den CO₂-Kreislauf kontrollieren.«

Tega Brain

Tega Brain: Große Teile unserer Arbeit drehen sich darum, wie Medien von algorithmischen Prozessen bestimmt werden. Dieses Projekt konzentriert sich auf die Klimaberichterstattung. Das Narrativ, also die Art, wie über die Klimakrise geschrieben wird, wurde lange durch die Industrie für fossile Brennstoffe geprägt und geformt, sie hat Fehlinformationen gestreut und den Klimawandel geleugnet. Die Verantwortlichen in diesen Industrien verstehen: Wenn du das Narrativ kontrollierst, kannst du auch den CO₂-Kreislauf kontrollieren. Das wollen wir zeigen.

Kann ein Algorithmus Machtstrukturen aushebeln?

Sam Lavigne: Dafür nutzen wir Werkzeuge, die normalerweise die Mächtigen verwenden, um die eigene Macht und ihren Einfluss zu erhalten – Dinge wie algorithmische, datengetriebene Prozesse. Man kann dieselben Werkzeuge aber auch einsetzen, um Machtstrukturen umzukehren.

Tega Brain: …oder sie wenigstens zu untergraben.

Sam Lavigne: Wir behaupten nicht, dass wir mit diesem Projekt irgendein Problem gelöst haben. Es ist ein Experiment und eine Provokation. Wenn wir an die wirklich existenziellen Probleme denken, vor die uns die Klimakrise stellt, sollten wir jedes Mittel nutzen, das uns zur Verfügung steht.

SPIEGEL: Der Einsatz von Bots ist aber alles andere als unproblematisch.

Sam Lavigne: Stimmt. Wenn automatisierte Programme auf Werbeanzeigen klicken, gilt das als Klickbetrug. Weil es keine »authentischen« Klicks von echten Menschen sind. Normalerweise profitiert bei diesen Prozessen aber derjenige, der das automatisierte Programm betreibt. Mit dem »Synthetic Messenger« zielen wir hingegen darauf ab, dass Nachrichtenredaktionen einen finanziellen Vorteil haben, die über die Klimakrise berichten.

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Tega Brain: Viele haben uns gewarnt, dass die Bots sofort blockiert werden würden. Weil viele Websites Codes verwenden, um automatisierte Programme zu erkennen. Aber es sieht nicht danach aus, dass das wirklich passiert. Es gibt also keinen Weg, um sicher festzustellen, ob Klicks als echte Klicks gewertet werden. Diese Systeme sind eine Blackbox.

SPIEGEL: Die Bots suchen Texte mithilfe von Stichwörtern, aber sie werten die Artikel nicht inhaltlich aus. Wie haben Sie sichergestellt, dass keine Texte aufgerufen werden, in denen die Klimakrise geleugnet oder verharmlost wird?

Sam Lavigne: Wir haben eine Liste mit Websites erstellt, die dafür bekannt sind, die Klimakrise zu verharmlosen oder zu leugnen. Für diese Seiten haben wir den Bots den Zutritt verboten.

Tega Brain: Wir haben zum Beispiel alle Medien gelistet, die Rupert Murdoch gehören. Die Methode mit einer Sperrliste ist allerdings ein bisschen plump. Wir wissen, dass auch die »New York Times« gelegentlich Artikel veröffentlicht, die die Krise verharmlosen, vermeintlich, um eine ausgewogene Berichterstattung zu garantieren.

SPIEGEL: Auf der Website , die Sie für das Botnet gebaut haben, steht ein Wert zur CO-Konzentration. Wieso?

Tega Brain: Das ist die aktuelle Kohlenstoffdioxidkonzentration in der Atmosphäre. Wir sind aktuell bei 417 parts per million und die CO₂-Konzentration steigt von Jahr zu Jahr weiter an. Diese Zahl hat mit den Bots nichts zu tun, ist für mich aber Teil der konzeptionellen Provokation dieses Projekts. Ich wollte einen Anstoß geben: Wie könnte Klimabewusstsein strategisch verstärkt werden?

So skizzieren Tega Brain und Sam Lavigne den Kohlenstoffkreislauf. Auch Medien spielen in diesem System eine Rolle.

So skizzieren Tega Brain und Sam Lavigne den Kohlenstoffkreislauf. Auch Medien spielen in diesem System eine Rolle.

Foto: Tega Brain and Sam Lavigne

SPIEGEL: Was sollte in den Medien konkret passieren?

Tega Brain: Wenn die Medien in den vergangenen Jahrzehnten den Leugnern der Klimakrise nicht so viel Platz gegeben hätten, wären wir heute nicht an dem Punkt, an dem wir sind. Weil eine stärkere politische Motivation da gewesen wäre, die Entscheidungen zu treffen, die dringend getroffen werden müssen. Medien können das Klima nicht auf direktem Weg beeinflussen, und das behaupte ich auch nicht. Aber das Narrativ spielt eine Rolle. Die Medien können gestalten, wie groß der Druck auf die Politik ist.

SPIEGEL: Was ist das größte Problem in der Klimakommunikation?

Sam Lavigne: Dass nicht mit der rational notwendigen Dringlichkeit berichtet wird.

Tega Brain: Und die Art, wie berichtet wird. Es gibt einen klaren Fokus auf das individuelle Verhalten und den individuellen Fußabdruck. Einzelpersonen wird empfohlen, keine Milch mehr zu trinken und einen Komposthaufen anzulegen. Stell deinen Lifestyle um und recycle deinen Müll! Und die Industrie wird gar nicht weiter überprüft und zur Verantwortung gezogen. Klar sollten wir auch diese individuellen Veränderungen vorantreiben. Aber solange die Industrie ihren Scheiß nicht in Ordnung bringt, haben wir alle ein Riesenproblem.

Noch bis zum 11. Juni um Mitternacht kann man dem »Synthetic Messenger« auf Zoom live  zusehen. Danach wollen Tega Brain und Sam Lavigne Videoaufzeichnungen bereitstellen und das Programm als Open-Source-Software veröffentlichen.