Innovationen zum Klimaschutz Rettung durch Technik

Anstatt des Handels mit wirkungsarmen CO2-Ausgleichszertifikaten muss eine harte CO2-Steuer her. Deren Einnahmen sollten konsequent in technische Innovationen zur Energieversorgung gesteckt werden. Ideen dafür gibt es genug.

Visualisierung einer Offshore-Höhenwindkraftanlage: Bis zu 800 Meter hoch
SkySails

Visualisierung einer Offshore-Höhenwindkraftanlage: Bis zu 800 Meter hoch

Eine Kolumne von


"CO2-Ausgleichszertifikate sind wie die nachsichtigste Kreditkarte der Welt: Die Käufer bekommen alle Vorteile sofort, es dauert aber ein Jahrhundert, bis die Schulden vollständig zurückgezahlt sind."

Lisa Song, Autorin eines Rechercheprojekts über CO2-Credits für ProPublica

Manchmal könnte man das Gefühl bekommen, es ist ohnehin zu spät. Als ob der Absturz sicher kommt.

Aber das stimmt nicht. Es gibt haufenweise hervorragende Ideen für eine schönere, CO2-neutrale Energieversorgung. Ideen für eine bessere Welt mit stromerzeugenden Drachen, Energiespeichern aus Vulkangestein und CO2-verschlingenden Nutzpflanzen.

Ablasshandel ist ein Schmu, damals wie heute

Die Methoden aber, mit denen die Menschheit im Augenblick versucht, ihren CO2-Ausstoß zu begrenzen, reichen bei Weitem nicht aus. Sie sind ineffizient, löchrig und werden rücksichtslos zum Geldmachen ausgenutzt.

Dazu kommt, dass die Ablassscheine, die Regierungen, Privatleute oder Firmen sich bei CO2-Ausgleichsprojekten kaufen können, offenbar oft nicht viel wert sind. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls die Journalistin Lisa Song, die sich für die gemeinnützige Journalismusstiftung ProPublica intensiv mit all den Aufforstungs- und Waldschutzprogrammen beschäftigt hat, in die das Geld aus den Ablassscheinen fließt.

Lauter ungedeckte Schecks

Der Deal "Ihr lasst eure Wälder stehen, und wir geben euch dafür Geld", scheint nicht so recht zu funktionieren. Zudem dauert es, siehe Eingangszitat, extrem lange, bis in Bäumen gebundenes CO2 tatsächlich einen messbaren Einfluss auf die Atmosphäre hat. Viele CO2-Credits sind schlicht ungedeckte Schecks. Oft machen politische Veränderungen die Deals im Nachhinein obsolet oder auch Krieg.

Die Industrienationen wollen den Ausgleich ihrer Klimasünder armen, oft instabilen und manchmal von Korruption gebeutelten Schwellen- und Entwicklungsländern überlassen, im Austausch für Säcke voller Geld - was sollte da schon schiefgehen? Natürlich ist es essenziell, dass die Wälder der Erde besser geschützt werden, aber das muss man anders angehen.

Alles tun, um nicht selbst handeln zu müssen

All das ist symptomatisch für die Art, wie die Industrienationen mit ihrem selbst gemachten Klimaproblem umgehen: Sie versuchen es zu ignorieren, wegzudrücken, abzuschieben. Alles, um selbst nicht durchgreifend handeln zu müssen. Deshalb ist eine substanzielle CO2-Steuer der eindeutig bessere Weg, endlich zu einer klimaneutralen Energieversorgung zu kommen: CO2-Strom muss so teuer werden, wie er in Wahrheit längst ist. Wir müssen nicht die Zivilisation anhalten - wir müssen nur ihre Energieversorgung umstellen.

Jetzt zu den Ideen

Und jetzt kommen wir zu den guten Nachrichten: Viele kluge Menschen rund um den Globus sind dabei, hervorragende Ideen zu entwickeln, wie man Energie klimaneutral erzeugen und speichern kann. Ein paar gute Vorschläge, das CO2 aus der Atmosphäre zu holen, gibt es auch, aber die können höchstens eine Ergänzung sein.

Ein paar Beispiele, völlig ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder die Behauptung, dass das jetzt wirklich die Lösung sei:

  • Mehrere Unternehmen und Konsortien entwickeln derzeit Windkraftanlagen, die auf großen Flugdrachen oder Flugzeugen basieren, die an Stahlseilen auf bis zu 800 Meter Höhe aufsteigen. Das Modell des deutschen Projekts Skysails Power zum Beispiel, das immerhin vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird, kann man sogar auf hoher See betreiben, wo das Wasser für herkömmliche Windturbinen zu tief ist. Und es gibt diverse Konkurrenten, manche sind für die Stationierung an Land gedacht, andere lassen sich auf Fahrzeugen montieren. Das Prinzip ist immer ähnlich: Stahlseile drehen eine Turbine, beim Einholen wird so manövriert, dass viel weniger Energie verbraucht wird, als beim Ausrollen erzeugt werden kann. Das ist effizient und günstig.
  • Siliziumbasierte Fotovoltaik-Module konvertieren nur etwa 17 bis 19 Prozent des auftreffenden Sonnenlichts in elektrische Energie. Spitzen-Panels mit einer Effizienz von 40 Prozent, wie sie etwa in der Raumfahrt verwendet werden, sind um den Faktor 300 teurer. Ein Schweizer Start-up zum Beispiel baut jetzt Module, die immerhin auf eine Effizienz von 29 Prozent kommen, aber nicht viel teurer sind als herkömmliche. Man könnte diese Technik sogar mit herkömmlicher Siliziumtechnik kombinieren und so Module schaffen, die auch in wolkigen Regionen noch Strom liefern.
  • Auch für intelligente Speicherlösungen gibt es faszinierende Ideen: Im Hamburger Hafen zum Beispiel steht jetzt eine Anlage, in der Energie in einem Silo voller Vulkangestein gespeichert wird: Ein Riesenfön erhitzt die Steine auf 750 Grad. Wenn Energie gebraucht wird, wird mit dieser Hitze Wasserdampf erzeugt, der einen Generator antreibt. Eine optisch spektakuläre, völlig andere Lösung hat das Unternehmen EnergyVault im Angebot: Kräne ziehen riesige Betonklötze auf Lego-artig aussehende Türme hinauf, wenn gerade zu viel Energie da ist. Wenn Strom gebraucht wird, werden die Klötze abgelassen und drehen dabei Turbinen. Die Klötze lassen sich sogar aus Bauschutt herstellen. Eigenen Angaben zufolge steht das Unternehmen in Verhandlungen mit potenziellen Käufern für 1200 Türme.
  • Am Ende müssen Energiequellen, Speicher und Verbraucher natürlich sinnvoll, flexibel und intelligent miteinander vernetzt werden - und auch daran arbeiten auch hierzulande diverse Einrichtungen - meine eigene Hochschule eingeschlossen.
  • Weil es aber trotz allem nötig sein wird, das bereits jetzt überschüssige CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen, sind auch Ideen in dieser Richtung dringend notwendig und willkommen. Die Biologin Joanne Chory zum Beispiel arbeitet mit ihrem Team an Nutzpflanzen, die dickere, tiefere Wurzeln bilden sollen, die eine etwa in Korkeichen vorkommende Substanz namens Suberin (Wikipedia) enthalten. Solche Pflanzen könnten viel mehr CO2 aufnehmen, wenn sie wachsen und würden es anschließend im Boden lassen. Sie könnten einen gewaltigen Beitrag dazu leisten, CO2 aus der Atmosphäre zu holen, und gleichzeitig die Menschheit mit Nahrung versorgen.

Wie gesagt: lauter gute Ideen. Wir könnten auf diesem Weg schon viel weiter sein, wenn wir mehr Geld in die Erforschung entsprechender Technologien gesteckt hätten, statt in lebenserhaltende Maßnahmen für die deutsche Kohlebranche.

Es ist aber eben nicht zu spät. Wenn wir endlich anfangen damit, werden andere Nationen folgen. Denn wenn die Anfangsinvestitionen einmal getätigt sind, gibt es keine günstigere Energiequelle als Sonne und Wind.

Es wird dabei nur sehr wenige Verlierer geben: Die Branchen nämlich, die bis heute gigantische Gewinne mit der Förderung von Roh-CO2 erwirtschaften.

Kennen Sie noch weitere gute Ideen für klimaneutrale Energie? Ich freue mich über jeden Hinweis in den Kommentaren.



insgesamt 217 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Fuxx81 16.06.2019
1. Neue Ideen
Neue Ideen haben es traditionell schwer im konservativen Deutschland. Wenn mal jemand eine hat, wird sie in der Regel so lange totgeredt, bis irgednwann die Amerikaner oder Chinesen damit Geld verdienen. Aber hey, wir haben den Dieselmotor, der wird auch in 300 Jahren noch unverzichtbar für die Weltwirtschaft sein /sarcasmus
Mehrleser 16.06.2019
2. Jenga und Windspiele als Lösung?
Ob Stapeltürme im Jenga-Stil oder Windspiele wirklich die Lösung für die Energieversorgung einer Industrienation sind, möchte ich einmal in Zweifel ziehen. Andere SPON-Vorschläge, wie die Verwendung der Akkus von eAutos als nächtliche Stromversorgung sind auch nicht besser. Zustimmung aber im Grundsatz, daß wir (neue) technische Lösungen für die Energieerzeugung, den Energietransport und die Energiespeicherung brauchen! Und dafür müssen ein paar Milliarden in die Hand genommen werden. Aber ob CO2-Steuer, oder einheitliche Mehrwertsteuer oder was für eine Finanzquelle auch immer, diese Lösungen müssen in der Fläche und in einem großen Umfang gebaut werden. Und der Staat muss in die Lage versetzt werden, dies auch gegen lokale Partikularinteressen durchzusetzen. Das ist der Schlüsselfaktor! Wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen, dann kann nicht immer Rücksicht auf Feldhamster, Fledermäuse oder besorgte Anwohner genommen werden. Denn eine Lösung, die alles leistet und niemanden belastet wird es nicht geben.
mwinkl02 16.06.2019
3. Vom Gewinn zum Kostenparadigma
Absolut richtig! Das Wichtigste bei der CO2 Besteuerung ist, dass die Erlöse tatsächlich für Investitionen in Vermeidungstechnologien verwendet wird. Das kostet zusätzlich zu existierenden Steuern und Umlagen 1-4% der Kaufkraft. Ich hoffe die Akzeptanz dieser gewaltigen Kosten ist grösser wenn es sich um akzeptierte Ausstiegsskosten und nicht mehr um Gewinne für Investoren (EEG-Umlage) handelt.
Johann Dumont 16.06.2019
4. wir haben versagt - verpasste Chancen
eine verpasste Chance - Herr Gabriel und Frau Merkel haben es sabotiert - in ganz Europa hätten wir einen Boom ganz ohne arbeits- und perspektivlose Jugendliche. Aus sich selbst heraus finanziert mit vielen neuen Ausbildungsplätzen - mehr Privateigentum - viel besserer Infrastruktur und viele zufriedene junge Familien. Mit viel Geld haben wir die Grundsteine gelegt für sehr gute Photovoltaik, die besten Windräder, Wärmepumpe, preiswerter beliebig skalierbare Stromspeicher, revolutionäre elektronische Bausteine für die Leistungselektronik und vieles mehr. Durch das Abwürgen der Energiewende zugunsten wenige Oligopolisten hat Frau Merkel mit ihrem hilfswilligen Herrn Gabriel ein die Welt veränderndes Model der Energieversorgung verhindert. Alles kann durch das eingesparte Gas, Öl und Kohle finanziert werden. Es ist nicht nur der Verkehr - allein die Heizungen verschlingen bei uns weit mehr Energie. Wir haben auch solar betriebene Klimaanlagen - über Röhrenkollektoren mit heißem Wasser ab 80 Grad betrieben Absorptionskälteanlagen - ohne Kompressor. Wir haben Redox Flow Batterien und andere chemische Batterien wie etwa Natronlaugenspeicher etc. etc. Schon Schremp und Piech haben die damals fortschrittlichste Batteriefabrik der Welt geschlossen - möglicherweise weil Katar und andere Ölverkäufer maßgeblich sowohl an VW als auch an Daimler beteiligt waren. Eine Welt die innerhalb von zwei Jahren nur noch die Hälfte des jetzigen Verbrauchs von Gas, Öl und Kohle hätte wäre eine andere. Wir hätte als Beispiel dafür dienen können - jetzt macht es China unter wesentlich schlechteren Bedingungen. Nicht nur unsere Automanager - die ja nur Erfüllungsgehilfen sind - auch unsere Politiker haben durch mangelnde Weitsicht die Welt schlechter gemacht als sie sein müsste.
EMU 16.06.2019
5. CO2-Zerfifikate funktionieren
Letztendlich sind handelbare Zertifikate der effizienteste Weg, CO2 zu verringern. Es darf halt nur nicht von irgendwelchen ignoranten Politikern gemanagt werden, die die Dinger erfinden, um gewählt zu werden, und dann nach der Wahl komplett sabotieren, indem sie sie dann ihrer jeweiligen Lieblingsindustrie einfach in beliebiger Menge zuschanzen. Also, liebe Politiker, geht einfach mal aus dem Weg und lasst die Leute ran, die schon seit Jahrhunderten mit Zertifikaten jeder Art handeln, den Bankern. Dann ist das nämlich ganz einfach: Die EU beschließt z.B., wieviel CO2 im Jahr 2020 ausgestoßen werden darf. Dann gibt's pro Tonne ein Zertifikat, die werden am Jahresanfang versteigert, oder Quartalsweise, oder am Anfang, wenn noch keiner weiss wie's geht, täglich und ab da wird der Handel freigegeben. Der Privatanwender wird bürokratietechnisch davon praktisch nicht berührt, weil bei Kohle, Heizöl, Gas und Kraftstoff die Zertifikate anfallen, wenn sie die Raffinerien und Bergwerke verlassen (oder eine EU-Grenze passieren), bzw. sobald bei der Herstellung klar ist, dass der Kram nicht für die chemische Industrie sondern zur Verbrennung gedacht ist. Das wirkt sich dann völlig automatisch auf z.B. den Strompreis aus Kohlekraftwerken oder die Preise an der Tankstelle aus. Ende vom Lied: Die Firmen, die mit dem CO2 den meisten Mehrwert schaffen, können sich die Zertifikate am ehesten leisten, die anderen werden schleunigst versuchen, ihre Effizienz so zu erhöhen, dass sie weniger brauchen. Funktionierende Marktwirtschaft halt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.