Foto:

SPIEGEL

Kurt Stukenberg

Klimaschutz Das Kohle-Paradox

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nicht auch noch ausgerechnet ein Kohlekraftwerk! Das war mein erster Gedanke, als im Jahr 2015 die Anlage Moorburg in meiner Heimatstadt Hamburg ans Netz ging. Wir Städter sind mit Lärm, Autoabgasen und der Abwesenheit weitläufiger eigener Gärten ja schon genug gebeutelt. Da brauche ich nicht noch einen Klimakiller in der Nachbarschaft. Als letzte Woche bekannt wurde, dass Moorburg frühzeitig abgeschaltet wird, hätte das für mich ein Grund zur Freude sein müssen. Eigentlich.

Schon Mitte nächsten Jahres will der Betreiber Vattenfall die nagelneue Anlage, die die Hansestadt eigentlich jahrzehntelang versorgen sollte, vom Netz nehmen. Der Betrieb der zwei 800-Megawatt-Blöcke rechne sich nicht mehr, so der Konzern.

Hamburgs grüner Umweltsenator Jens Kerstan sieht in der Ankündigung einen "Riesenfortschritt für den Klimaschutz". Nur, ist das wirklich so?

Der Fall Moorburg zeigt, dass wettbewerbsfähige erneuerbare Energien und gestiegene Preise für Emissionszertifikate die Kohlekraft immer unattraktiver machen. Wenn Energiekonzerne ihre schmutzigen Anlagen deshalb still­legen, ist das prinzipiell eine gute Nachricht. Das Problem dabei: Stellt Moorburg wirklich den Betrieb ein, könnte das die Lebensdauer ausgerechnet von älteren, weniger effizienten und damit klimaschädlicheren Kraftwerken verlängern.

Denn Deutschland organisiert das schrittweise Ende der Steinkohle über Auktionen: Die Bundesregierung lobt Prämien für Betreiber aus, die Kohlekraftwerke vom Netz nehmen – doch nicht derjenige erhält den Zuschlag, der den klimaschädlichsten Meiler stilllegen will, sondern derjenige, der die geringste Entschädigung für die Abschaltung verlangt. Erst nach 2026 werden die verbliebenen Kraftwerke nach Alter gestaffelt zwangsabgeschaltet.

Foto: Jose Giribas/ SZ Photo

Noch liefern 51 Steinkohlekraftwerke Strom, darunter mehr als ein Dutzend betagte Anlagen, die bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren ans Netz gingen.

Wenn sich nun die anderen Stromkonzerne den Ruhestand ihrer Kohleblöcke mit höheren Summen vergolden lassen wollen als Vattenfall, geht Moorburg schon 2021 vom Netz, während Uraltmeiler bis mindestens 2026 die Atmosphäre belasten. Das wäre kein "Riesenfortschritt für den Klimaschutz", sondern das Gegenteil.

DER SPIEGEL 38/2020

Der unfruchtbare Mann

Vom Kampf gegen eine unterschätzte Volkskrankheit

Zur Ausgabe

Herzlich

Ihr

Kurt Stukenberg

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Unsere Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Ungezählte Tier- und Pflanzenarten verschwinden durch den Einfluss des Menschen von unserem Planeten – jetzt beweist eine britische Studie , dass menschliche Mühen diesen Prozess auch bremsen können: Knapp 50 Vogel- und Säugetierarten wären heute ohne Artenschutzprogramme ausgestorben, darunter Zwergschwein, Luchs und Kalifornischer Kondor.

  • Wenn ich groß bin, werde ich Frosch: US-Ökologen haben bei 542 Arten den Zusammenhang zwischen der Größe von Kaulquappen und den Fröschen untersucht , zu denen diese nach der Metamorphose werden. Ergebnis: Längst nicht alle großen Froscharten gehen aus großen Kaulquappen hervor, und auch kleine Kaulquappen können umgekehrt große Frösche werden.

  • Lebenswerk vollendet: 1981 findet der Student Dan Luoma  auf Orcas Island in Washington ein paar Trüffel. Fast vier Jahrzehnte schlummert die noch unbekannte Art in der Sammlung der Oregon State Universtiy, 2020 dann wird sie dank neuer molekularbiologischer Methoden als neue Art ausgewiesen und nach ihrem Entdecker benannt. Soeben erschien die wissenschaftliche Arbeit über "Tuber luomae" in einer Fachzeitschrift .

  • Neue Nahrung für die Sorge vieler Eltern über den Medienkonsum ihrer Sprösslinge liefert eine australische Langzeitstudie . Zwei Stunden TV-Konsum pro Tag, haben die Autoren herausgefunden, kann bei Kindern zu Wissenslücken beim Lesen und Rechnen im Umfang eines Drittelschuljahrs führen.

  • Alltagsmasken bremsen die Ausbreitung des Coronavirus, darüber sind sich Fachleute inzwischen einig. Meine Kollegin Irene Berres geht der Frage nach, ob das Tragen der Masken auch eine Immunität bei Menschen befördert, die dank der Schutzmaßnahme zwar mit dem Virus in Kontakt kommen, aber nicht schwer erkranken.

  • Was taugt der neue Elektroroller des Start-ups Unu? Mein Kollege Emil Nefzger stellt "die neue E-Klasse" vor.

Quiz*

1. Wie viele Arme hat ein Kalmar?

2. Was ist das Subfornikalorgan?

3. Wie weit ist der Mond von der Erde entfernt?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Philippe Weber / uwpix.ch

Wie eine Seifenblase schien das Objekt im Mittelmeer vor der italienischen Insel Giglio zu schweben. Erst nach dem Auftauchen wurde dem Unterwasserfotografen Philippe Weber bewusst, was ihm da vor die Kamera geraten war. Bei dem bizarren Ballon, erklärten ihm Meeresbiologen, habe es sich wohl um den gallertigen Eierball ­eines Kalmars gehandelt, aus dem bald Tausende Babytintenfische schlüpfen könnten.

Fußnote  

10 Prozent mehr Transferleistungen innerhalb einer Gesellschaft könnten die Sterberate ihrer Mitglieder um durchschnittlich 15 Prozent senken. Das haben Wissenschaftler vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung anhand einer Analyse von 34 Ländern errechnet. Wenn viel geteilt werde, sei der soziale Zusammenhalt größer, was das Wohlbefinden aller steigere und zugleich sicherstelle, dass Schwächere Unterstützung erhielten. Ob die Zuwendungen vom Staat kommen oder Geld innerhalb von Familien weitergegeben wird, spielt dabei keine Rolle.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Kalmare haben zehn Arme, acht kürzere und zwei lange .
2. Das Subfornikalorgan ist eine Hirnstruktur, die das Durstgefühl regelt .
3. 384.400 Kilometer

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.