Konzertsaal-Design Schuhkartons bieten besten Orchesterklang

Viele Liebhaber klassischer Musik bevorzugen rechtwinklige Konzerthallen in der Form eines Schuhkartons. Bei Messungen in zehn Sälen haben Forscher nun herausgefunden, dass diese Vorliebe gute Gründe hat.

Jukka Pätynen

Hamburg - Konzerthäuser gibt es in zwei unterschiedlichen Formen: rechteckig wie etwa beim Wiener Musikverein oder terrassenförmig oval wie in der Berliner Philharmonie oder dem Leipziger Gewandhaus. Schuhschachtel oder Weinberg werden die beiden Saal-Designs salopp genannt.

Viele Klassik-Liebhaber bevorzugen die rechteckige Schuhschachtel. Einen möglichen Grund dafür nennt nun eine Studie von Jukka Pätynen und seinen Kollegen von der Aalto-Universität im finnischen Espoo: Der Widerhall der Seitenwände hebe die hohen Töne und Obertöne bei lauten Musikpassagen besonders hervor, so dass die Musik dynamischer klinge. Ihre Messungen und Berechnungen legen die Forscher in den "Proceedings of the National Akademy of Sciences" dar.

"Eines der ergreifendsten kulturellen Erlebnisse ist es, Livemusik von einem Sinfonie-Orchester zu hören, das sich von einer leisen Passage zu einem monumentalen Fortissimo steigert", schreiben die Wissenschaftler. Wie intensiv das Erlebnis sei, hänge nicht nur vom Können der Musiker ab, sondern natürlich auch von der Akustik des Raums.

Die Forschergruppe untersuchte zehn europäische Konzertsäle, darunter sieben in Deutschland. Fünf der Säle hatten eine Schuhkartonform:

  • Concertgebouw Amsterdam
  • Konzerthaus Berlin
  • Herkulessaal München
  • Wiener Musikverein
  • Stadthalle Wuppertal.

Die übrigen fünf hatten andere Formen:

  • Berliner Philharmonie
  • Kölner Philharmonie
  • Gasteig München
  • Beethovensaal Stuttgart
  • Palais des Beaux-Arts Brüssel.

Für die Messungen des Klangspektrums verwendete das Team um Pätynen Kopfmodelle mit Mikrofonen an rechtem und linkem Ohr - diese Modelle wurden nacheinander an fünf Stellen im Saal aufgestellt, um die Akustik zu messen.

Auf der Bühne platzierten die Forscher Lautsprecher, die wie Orchestermusiker verteilt waren. Die Lautsprecher waren kalibriert, so dass sie in jedem Konzertsaal denselben Klang und dieselbe Lautstärke erzeugten. Als Referenzmusik dienten 20 Takte aus Anton Bruckners Sinfonie Nummer 9.

Unterschiede zwischen den Konzertsälen ergaben sich vor allem bei den hohen Schallfrequenzen, sie machten bis zu fünf Dezibel aus. Zum Vergleich: Die meisten Menschen bemerken bereits einen Lautstärkeunterschied von einem Dezibel. Je weiter die Kopfmodelle von der Bühne entfernt platziert waren, desto deutlicher war der Effekt. Als Quelle der Verstärkung hoher Frequenzen machte das Forscherteam die Seitenwände aus, die den direkten Klang von der Bühne innerhalb von 100 Millisekunden um reflektierte Schallwellen ergänzten.

Pätynen und seine Kollegen sehen ihre Ergebnisse im Einklang mit den Vorlieben von Klassik-Fans: Ehrwürdige historische Konzertsäle in Schuhkartonform wie der Wiener Musikverein, das Konzerthaus Berlin oder das Concertgebouw in Amsterdam seien deshalb so erfolgreich, weil ihre Form den dynamischen Umfang des sinfonischen Klangs vergrößere.

hda/dpa



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
tadamtadam 04.03.2014
1. ...
... es ist ziemlicher quatsch vom "besten" orchesterklang zu sprechen. ob der weinberg oder der schuhkarton ideal ist, hängt maßgeblich davon ab, welche musik gespielt wird. es gibt werke, die in einem weinberg besser zur geltung kommen als im schuhkarton und umgekehrt.
DonCarlos 04.03.2014
2. Kammermusik?
Zitat von sysopJukka PätynenViele Liebhaber klassischer Musik bevorzugen rechtwinklige Konzerthallen in der Form eines Schuhkartons. Bei Messungen in zehn Sälen haben Forscher nun herausgefunden, dass diese Vorliebe gute Gründe hat. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/konzertsaele-schuhkartons-bieten-besten-orchesterklang-a-956823.html
Hallenbadakustik, Duschtenor,... Dann als Quelle Lautsprecher? Es ist bekannt das kleinere Räume sind lauter und das mit den frühen Reflexionen ist keine neue Entdeckung sondern seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten bekannt. http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChe_Reflexionen Und wenn man wirklich aussagekräftige Messungen machen möchte, dann nimmt man nicht Bruckner sondern Pistole - Dirac-Impuls.
sachverstand 04.03.2014
3. Ach Gottchen -
so einfach ist es nicht. Die Hörsamkeit in Konzertsälen ist seit Generationen Gegenstand intensiver Untersuchungen, und die Zahl der einschlägigen Literatur ist Legion. Die Sachzusammenhänge sind komplex. Vor diesem Hintergrund erlaube ich mir über die neuen Erkenntnisse der "Forscher" ein ziemlich müdes Lächeln...
GoBenn 04.03.2014
4.
Oh. Oh. Wird man die Elphi noch umbauen müssen?
A.Lias 04.03.2014
5. Die paar hundert Millionen...
Zitat von GoBennOh. Oh. Wird man die Elphi noch umbauen müssen?
... Kostensteigerung machen dann auch nichts mehr, wenn's dem besseren Gesamteindruck dienen würde. Ernsthaft: ich habe von Anfang an nicht nachvollziehen können, warum das Orchester entgegen aller Hörgewohnheiten in der Mitte in einem runden Raum sitzen muss. Nicht nur gibt das einen Klangbrei, sondern diejenigen, die in dem Kreissegment sitzen, die das Blech vor sich und die Streicher ganz am anderen Ende haben, werden von den Streichern nichts hören. Außerdem: sind die ganzen Juristen bei der Hamburger CDU, die das damals durchgewunken haben, alle im Examen durchgefallen - oder warum hat keiner je auf wasserdichten Verträgen bestanden? Oder ist da etwa Geld geflossen?
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