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Neues aus Altem: Wenn Müll zu Kleidung wird

Foto: Christian Charisius/ picture alliance / dpa

Kreatives Recycling Die Schöne und der Müll

Mäntel aus Tetrapacks, Kleider aus alten Postsäcken und ein kuscheliger Schal aus weggeworfenen Teddybären: Was andere achtlos ausmustern, sammelt Katell Gélébart auf, schenkt ihm Beachtung - und ein neues Leben.
Von Verena Lugert

Finistère, "Weltende", so heißt die Gegend in der Bretagne, aus der Katell Gélébart kommt. In Le Coquet kam sie zur Welt, am sturmumtosten Westzipfel Frankreichs, der weit in den Atlantik hineinreicht, dessen schroffe Küste und beißende Winde den Charakter der eigensinnigen Bretonen geprägt haben.

Katell Gélébart sieht wie eine Bilderbuch-Bretonin aus: schwarzes Haar, weiße Haut - als sei sie den "Nebeln von Avalon" entstiegen. Auch ihr Name - Katell - hat weit mehr mit dem englischen Kat oder Kate gemeinsam als mit einem französischen Cathérine. Und widerständig - das war sie ihr Leben lang, die 40-Jährige, die man nur übers Internet erwischt und nur übers Videotelefon, über Skype, zu Gesicht bekommt, weil sie wie ein Wirbelwind über die Kontinente fegt: Italien. Ukraine. Indien. Neuseeland. Mal hier ein paar Tage bleibt, dann dort Wochen.

Katell Gélébart ist Mülldesignerin, Künstlerin, Umweltaktivistin. Sie schafft Wunderschönes aus Dingen, die nicht mehr geliebt, nicht mehr gebraucht, nicht mehr gewollt werden. Sie schneidert Couture-Kostüme aus Schlafwagendecken der ukrainischen Eisenbahn. Ein Regencape aus Katzenfutterverpackungen, coole Bomberjacken aus knisternden Tüten, die vorher Barilla-Nudeln beherbergten. Sie macht aus Röntgenbildern Notizbücher, Schuhe aus alten Autoreifen.

Sie findet die Dinge (Gélébart sagt: "Die Dinge finden mich!"), sie berührt sie, spürt in sie hinein - und haucht ihnen neues Leben ein. Sie schafft aus Altem neue Gebrauchsgegenstände, die ihre Weltsicht transportieren. "Das Material ist die Botschaft!", sagt sie, Wählt sorgfältiger aus! Verwertet die Dinge wieder!

In Hamburg waren ihre Unikate kürzlich im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt, während ihr im Hamburger Schauspielhaus in einem Festakt der Kairos-Preis verliehen wurde - mit 75.000 Euro einer der höchstdotierten Kulturpreise Europas. "Katell Gélébarts künstlerisches Schaffen ist geprägt von Sensibilität gegenüber einer immer fragiler werdenden Umwelt", erklärte die Stiftung, und weiter: "Das Konzept der Wiederverwertung haben auch andere Designer für sich entdeckt, aber Katell Gélébart arbeitet schon lange und wegweisend mit dieser Methode."

Tatsächlich ist das Wiederverwerten in die DNA der Bretonin eingeschrieben, schon von jeher war man sparsam an der stürmischen Westküste Frankreichs, auch in Katells Familie warf man nichts weg. Alte Pullover trennte die Großmutter wieder auf und strickte etwas Neues aus der Wolle, Socken oder Mützen, einen Schal. Stoffreste oder alte Verpackungen hob man auf. Aus einer Kaffeedose bastelte Katell ein Bettchen für ihren Teddy, aus Neoprenresten eines ausgemusterten Tauchanzuges ihres Vaters nähte sie Schuhe für ihr Puppenkind. "Bei uns in der Familie war es so, dass jeder am Abend irgendwas in der Hand hielt, sich beschäftigte - mit Nähen oder Stricken oder Schnitzen", sagt sie.

Demonstrieren - immer ganz vorn, immer voller Wut

Als ihre Eltern sich scheiden lassen, zieht sie mit 18 hinaus in die Welt. Heuert als Au-Pair-Mädchen bei einer Familie in Amerika an. Das verläuft wenig glücklich, zu sehr steht ihr der eigene Dickkopf im Wege. Sie geht dann nach Paris, um Design zu studieren, wird an der Hochschule abgelehnt, schreibt sich für Kunstgeschichte ein. "Und für Dänisch!", sagt sie. "Mich haben die skandinavischen Länder interessiert. Die Sprache, die Kultur - und die Fortschrittlichkeit, mit der man dort versuchte, soziale Probleme zu lösen." Sie wird Mitglied bei Robin Wood, engagiert sich bei Greenpeace, demonstriert in Gorleben. Immer ganz vorn, immer voller Wut kämpft sie gegen die Zerstörung der Umwelt, die Verkrustungen, die Heuchelei. Sie heiratet einen russischen Umweltaktivisten, damit er ohne Probleme aus Russland ein- und ausreisen und sich in der EU frei bewegen kann. Macht ihren Master in Dänisch und Kunstgeschichte an der Sorbonne und an der École du Louvre in Paris.

Dann zieht es sie nach Indien, nach Poona ins Meditationszentrum - für sieben Jahre. Sie wird Sanyasi, also Schülerin des spirituellen Meisters Osho. Im Hinduismus bezeichnet Sanyasi einen Menschen, der der Welt entsagt hat und in völliger Besitzlosigkeit lebt. In Poona beginnt Katell zu meditieren. "Meditation ist eine bestimmte Form des Daseins und des Geistes", sagt sie. Und dass sie ihr gut tut. Sie arbeitet auch in Poona, ist verantwortlich für die Dekorationen der rauschenden Feste und revolutioniert den Raumschmuck: "Das war damals alles aus dem Kunststoff Polystyrol und wurde nach Gebrauch weggeworfen. Ich habe angefangen, die Dekorationen aus Stoff zu nähen, damit man sie wiederverwenden konnte." In Indien sickern dann auch die berühmten Gandhi-Worte mehr und mehr in ihr Bewusstsein: "Sei du selbst die Veränderung, die du für die Welt wünschst!"

Zurück in Europa gründet sie in Amsterdam ihr Label "Art d'Eco", Öko-Kunst. Näht aus Frotteehandtüchern Kleider, aus Postsäcken Röcke. Zieht weiter, hält auf Umwelt-Tagungen Workshops ab und reist wieder nach Indien, auf die Dörfer diesmal. Bringt den Schneidern ihre Entwürfe näher, kommt auf die Idee, die Zementsäcke, die dort keiner gebrauchen kann, als Taschenmaterial zu benutzen. Sie liebt dieses Land und seine jahrhundertealte Handwerkskunst.

"Alles, was ich habe, passt in einen Rucksack"

Es sind harte Wanderjahre, sie kann oft die Heizung nicht bezahlen, isst manchmal zwei Tage lang nichts, weil das Geld an allen Ecken fehlt. Doch sie glaubt unbeirrbar daran, dass Artefakte Botschafter sein können für eine Idee, die die Welt besser machen kann. Wenn sie mit ihren besorgten Eltern telefoniert, sagt sie: "Wartet nur, irgendwann kommt jemand, der mir hilft!" Couragiert und zäh bleibt sie dran, am gewählten Weg.

Und dann kam der Kairos-Preis, "als wäre er vom Himmel gefallen!", lacht sie. "Als ich die E-Mail erhielt, dass ich in die engere Auswahl gekommen bin und mich beim Komitee melden soll, habe ich nicht geantwortet. Ich konnte nicht glauben, dass das kein Versehen war!" Das Komitee machte Freunde von ihr ausfindig, die sie wiederum von der Auszeichnung in Kenntnis setzten. Mit dem Preis kam die Popularität, das Fernsehen, ein Buch über ihr Leben wird im Frühjahr 2013 erscheinen. Und das Geld. Doch das hat an ihrem Leben bis jetzt noch nichts geändert: "Alles, was ich habe, passt in einen Rucksack. Mein Material - Müll - ist ohnehin überall. Ich mache Yoga, da gilt das Nicht-Anhaften an Dingen ohnehin als spirituelle Übung. Ich brauche kaum etwas. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf - das findet man überall auf der Welt. Bei Freunden oder zur Miete."

Auch jetzt bei unserem Gespräch ist sie bei Freunden. Buttergoldene Sonne scheint zum Fenster der Berliner Altbauwohnung herein, für ein paar Tage wohnt sie dort, sie hat als Referentin an der Kosmos Summer University der Humbold-Universität teilgenommen. Ihr schwarzes Haar ist hochgesteckt, aufmerksam blickt sie in die Kamera ihres Laptops, wir telefonieren über Skype, anders ist sie nicht zu kriegen. "Die neuen Technologien ermöglichen mir diesen nomadisierenden Lebensstil", sagt sie. Vermisst sie nichts? "Manchmal vielleicht, ja. Aber noch mehr würde ich meine Freiheit vermissen, einfach aufzustehen und zu gehen, wohin auch immer!" Manchmal würde sie gerne bleiben, für länger. Ein Haus bauen! Ganz aus wiederverwerteten Materialien! "Aber ich wüsste gar nicht, wo ich sein wollte", sagt sie dann. An so vielen Orten hat sie schon gelebt, so viele Sprachen spricht sie: Russisch, Ukrainisch, Deutsch, Dänisch, Spanisch, Italienisch, Englisch - und natürlich Französisch.

Morgen geht es schon wieder weiter, in die Ukraine, in ein kleines Dorf an der russischen Grenze. Seit zwölf Jahren schneidern die Frauen dort Katells Prototypen nach. Gerade arbeiten sie an zierlichen Schuhen aus Stoffresten, deren Sohlen aus Naturkautschuk einfach aufgebügelt werden. Katell stellt ihre Teetasse ab, steht behende auf. "Willst du die Ballerinas sehen?" fragt sie. Sie huscht aus der Tür - und hält einen Schuh, der von einem Schleifchen geziert wird, in die Webcam ihres Computers. "Und?", fragt sie atemlos und strahlt. Man spürt, dass da noch viel kommen wird, von der zarten Frau mit dem Willen aus Stahl.

Dieser Text ist erschienen im Magazin "natur", Ausgabe 1/2013