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19. November 2016, 18:33 Uhr

Einfrieren nach dem Tod

Eiskalte Hoffnung 

Irgendwann in der Zukunft wird ihr eingefrorener Körper aufgetaut und sie wieder zum Leben erweckt: Daran glaubte eine verstorbene 14-jährige Britin - und viele andere auch. Was steckt hinter der Kryonik?

Es ist eine seltsame Entscheidung, die sich ein 14 Jahre altes Mädchen aus London erstritten hat: Die unheilbar an Krebs erkrankte Jugendliche wollte nach ihrem Ableben von einem Kryonik-Unternehmen eingefroren werden. Deshalb kämpfte sie vor Gericht für das Recht auf Hoffnung auf ein späteres Leben.

Denn die Anhänger der Technik setzen darauf, dass irgendwann einmal, wenn die Wissenschaft viel weiter als heute ist, ihr Körper aufgetaut und wieder zum Leben erweckt werden kann - und in diesem Fall der tödliche Krebs therapierbar ist.

"Ich glaube, die Konservierung durch Einfrieren gibt mir die Chance, geheilt und wieder aufgeweckt zu werden - und wenn es erst in Hunderten von Jahren ist", sagte das Mädchen.

Ein Weg zur Unsterblichkeit, das klingt nach Science-Fiction. Und das ist es auch. Doch auch wenn Unternehmen mit der Hoffnung auf Leben Geschäfte machen, wird an der Technik für das Einfrieren seit Jahrzehnten gearbeitet. Wie funktioniert sie?

Sekundenschnell konserviert

Chemische Reaktionen wie die Verwesung bleiben bei sehr tiefen Temperaturen aus. Deshalb kühlen die Kryonik-Techniker die Körper meist auf eine Temperatur von minus 196 Grad Celsius herunter und lagern sie in Behältern mit flüssigem Stickstoff, einer klaren, farblosen Flüssigkeit.

Bei der sogenannten Kryokonservierung wird der Körper nicht einfach nur eingefroren. Das Blut wird kurz nach dem klinischen Tod durch eine spezielle Kühlflüssigkeit ausgetauscht - so will man Zellschäden verhindern.

Zudem gilt es, die Bildung von Eiskristallen zu vermeiden. Diese würden zu kleinen Verletzungen auf Zellebene führen, die bei einem späteren Auftauen nicht behoben werden könnten. Davor schützt eine Technik mit Namen Vitrifizierung. Dabei wird das Gewebe schlagartig heruntergekühlt - es erstarrt zu einer brüchigen, glasartigen Substanz - die Entstehung von Kristallen wird vermieden. Diese Technik des sehr schnellen Einfrierens kommt etwa auch bei der Konservierung von unbefruchteten Eizellen (Social Freezing) zur Anwendung.

Die Anbieter der Technik beschränken sich vorwiegend auf die bestmögliche Konservierung des Gehirns, dem wichtigsten menschlichen Organ. Denn um eine optimale Erhaltung von allen Teilen des Körpers zu erreichen, müsste für jeden Zelltyp einzeln ein eigenes, spezielles Frostschutzmittel eingesetzt werden - das ist nicht möglich. Doch die Anhänger der Technik glauben, dass eines Tages die beschädigten Strukturen der Körpers durch künstlich hergestelltes biologisches Gewebe ersetzt werden können.

Zum Einfrieren in die USA oder nach Russland

Schon seit den Sechzigerjahren tüfteln Pioniere wie der US-Amerikaner Robert Ettinger an der Kryonik. Er gründete in der Nähe von Detroit das Cryonics Institute. Bereits 1967 wurde mit dem Psychologieprofessor James Bedford der erste Mensch nach seinem Tod eingefroren und konserviert. Zudem bietet in den USA auch Alcor die Konservierung von Toten an. Bei dieser Gesellschaft müssen Kryoniker zu Lebzeiten Mitglied werden. In Russland lagert das kommerzielle Unternehmen Kriorus etliche tote Optimisten eingefroren in Tiefkühlbehältern. Die Kosten bewegen sich zwischen 27.000 und 150.000 Euro. Auch das Einfrieren von einzelnen Organen oder nur des Kopfes ist möglich.

In Deutschland setzt sich die Gesellschaft für Angewandte Biostase (DGAB) für kryonische Verfahren ein. Die Toten dürfen aus rechtlichen Gründen aber nicht langfristig in Deutschland gelagert werden - das gilt juristisch als Bestattung. Deshalb werden sie meist in die USA überführt.

Doch selbst wenn die Konservierung des toten Körpers gut funktionieren würde: Wie soll er jemals wieder zum Leben erweckt werden können?

Hoffnung gibt den Kryonikern der Fall der Schwedin Anna Bågenholm: Die Ärztin stürzte 1999 bei einem Skiunfall in einen eisigen Fluss und wurde unter die Eisdecke gezogen. Dank einer Luftblase konnte sie zwar atmen, aber um gegen die starke Strömung anzukommen, reichte ihre Kraft nicht. Als nach über einer Stunde endlich die Retter eintrafen, war sie klinisch tot.

Ihre Körpertemperatur lag unter 14 Grad Celsius, die Atmung hatte ausgesetzt und es waren keinerlei Hirnaktivitäten mehr messbar. Dennoch reanimierten die Ärzte die 29-Jährige, sie schlossen sie an eine Herz-Kreislauf-Maschine, einen Sauerstoffanreicherer und einen Wärmetauscher an. Ihre Blut wurde aufgewärmt, mit Sauerstoff versorgt und wieder in ihren Körper gepumpt.

Bis dahin war kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch mit einer so niedrigen Temperatur überlebt hätte. Doch die Frau wachte nicht nur wieder auf, sie trug zudem nicht einmal Schäden davon. Die Ärzte glauben, dass das nur möglich war, weil ihr Gehirn sehr schnell abgekühlt und damit in einem nahezu unbeschädigten Zustand konserviert wurde. Zudem war ihr junges Herz sehr gut trainiert.

Verschiedene Forscher haben sich seitdem mit dem Fall von Bågenholm beschäftigt: Inzwischen wird eine ähnliche Technik auch bei Operationen am Herzen angewendet - der Körper des Patienten wird dabei aber nicht ganz so stark heruntergekühlt. Nach der Operation kann der Patient wieder aufgewärmt werden, das Herz fängt wieder an zu schlagen.

Ob das auch bei der 14-jährigen Britin jemals wieder der Fall sein wird, erscheint dagegen immer noch wie Science-Fiction. Selbst einige Kryoniker beziffern die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Reanimation irgendwann einmal in der Zukunft auf ein bis fünf Prozent. Jedenfalls nach dem Stand der heutigen Forschung.

joe

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