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Japan: Einsatz in den Trümmern

Foto: NICOLAS ASFOURI/ AFP

Lage im Katastrophenreaktor Japan hofft auf Wende in Fukushima

Es sind Meldungen, die Anlass zur Hoffnung geben: Einsatzkräfte haben vier der sechs Reaktoren des Unglücks-AKW Fukushima wieder mit Strom versorgt, zwei davon befinden sich in einem stabilen Zustand. Für eine Entwarnung ist es trotzdem zu früh.

Tokio - Die Lage im schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi scheint sich zu stabilisieren - auch wenn der Kampf gegen die drohende Kernschmelze noch lange nicht gewonnen ist. Inzwischen verfügen vier der sechs Reaktorblöcke wieder über Strom, wenn auch zum Teil unklar ist, ob die Kühlsysteme noch funktionieren. Die Zahl der Arbeiter vor Ort wurde auf 500 verstärkt ( alle aktuellen Ereignisse im Liveticker). Die aktuelle Lage sieht wie folgt aus:

  • Der Reaktorblock 1 hat wieder Strom. Es ist geplant, zuerst die Beleuchtung in den zentralen Kontrollräumen wiederherzustellen und möglicherweise auch die Kühlung der dortigen Abklingbecken in Gang zu setzen.
  • Der Reaktorblock 2 hat nach Angaben des Betreibers Tepco ebenfalls wieder Strom. Das ist die Voraussetzung dafür, die Kühlung wieder in Gang zu setzen. Am Sonntag haben die Rettungskräfte außerdem Meerwasser in das Abklingbecken des Reaktors gepumpt. Ein Tepco-Sprecher sagte, aus Sicherheitsgründen müsse zunächst geprüft werden, inwiefern das Kühlsystem und andere Anlagen funktionsfähig seien. Wann die Tests abgeschlossen sein werden, ist noch unklar.
  • Im Block 3 stieg der Druck im Inneren des Reaktors unerwartet an. Er stand bis Sonntagmorgen 13 Stunden lang unter dem Beschuss von Wasserwerfern. Die in diesem Reaktor verwendeten Brennelemente sind besonders gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt. Betreiber Tepco plante schon, radioaktives Gas abzulassen, um den Druck zu senken. Dabei wäre zusätzliche Radioaktivität freigesetzt worden. Doch die Lage stabilisierte sich auch hier zusehends. Schätzungen zufolge haben die Einsatzkräfte inzwischen mehr als 2000 Tonnen Wasser auf den Reaktor 3 gesprüht, berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo. Das übersteige sogar die Kapazität des Abklingbeckens, das 1400 Tonnen fasse. Am späten Sonntagabend (Ortszeit) sprühten die Einsatzkräfte erneut Wasser auf den Reaktorblock. Es könne mehrere Tage dauern, bis der Reaktor wieder mit Strom versorgt werden kann, sagte Betreiber Tepco - das gelte auch für Block 4.
  • Die Armee hat den beschädigten Reaktor 4 am Sonntag mit Hochdruck-Wasserschläuchen mit rund 80 Tonnen Wasser besprüht. Erschwert wurde der Einsatz durch die hohe Strahlung, die einen Aufenthalt bei den Reaktoren nur kurzzeitig erlaubte. Mit der Aktion soll der Wasserstand im Abklingbecken mit abgebrannten Kernbrennstäben erhöht werden. Der Reaktor 4 war wegen Wartungsarbeiten schon vor dem Erdbeben abgeschaltet. Der niedrige Wasserstand im Abklingbecken galt hier als größtes Risiko.
  • Die Reaktorblöcke 5 und 6 können wieder gekühlt werden und befinden sich in einer stabilen Lage, einem sogenannten "cold shutdown". Die Temperatur des Kühlwassers liegt unter 100 Grad Celsius und ist damit zunächst so niedrig, dass keine Gefahr mehr droht. In die Dächer der Blocks 5 und 6 wurden Löcher geschlagen, um aufgestauten Wasserstoff entweichen zu lassen.

Die Betreiber des AKW hoffen, am Montag oder Dienstag die Wende im Kampf gegen eine noch größere Katastrophe erzielen zu können. Wenn nicht, müssten radikalere Maßnahmen wie der Bau eines Beton-Sarkophags wie nach dem Tschernobyl-Unfall 1986 erwogen werden.

Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan wird möglicherweise die Region um das havarierte Kernkraftwerk besuchen. Das sagte Regierungssprecher Edano am Sonntag nach Angaben der Nachrichtenagentur Kyodo. Nähere Angaben über den Zeitpunkt machte er nicht.

Die japanische Regierung kündigte an, die vom Tsunami am Freitag vor einer Woche beschädigten Kernkraftwerke dauerhaft vom Netz zu nehmen. Eine erneute Nutzung zur Energieerzeugung sei nicht mehr möglich, da das zur Kühlung in den vergangenen Tagen eingesetzte Meerwasser aufgrund seiner korrosiven Wirkung zu irreparablen Schäden an der gesamten Anlage geführt habe. "Es ist klar, dass die Anlage Fukushima-Daiichi in keiner Weise mehr wiederangefahren wird", erklärte Regierungssprecher Edano.

Radioaktivität in Lebensmitteln

Dennoch bleibt das Strahlenrisiko bestehen. In den Präfekturen Fukushima und Ibaraki nahe der Atomanlage wurden in Milch und Spinat erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen. Gesundheitsschädlich seien sie aber nach Regierungsangaben nicht. Auch im Trinkwasser von Tokio und anderen Städten wurde eine ungewöhnlich hohe, wenn auch unbedenkliche Konzentration von radioaktivem Jod gefunden. In Taiwan entdeckten die Behörden radioaktiv belastete Bohnen aus dem Süden Japans. Die japanische Regierung wies die örtlichen Behörden an, Nahrungsmittel verstärkt auf Strahlung zu prüfen.

Auch für die rund 400.000 Menschen, die seit dem Unglück in der vorvergangenen Woche in Notunterkünften leben, verbesserte sich die Lage durch leicht steigende Temperaturen nach einer Kältewelle etwas. In den besonders stark betroffenen Präfekturen Miyagi und Iwate wurden tagsüber zehn Grad Celsius gemessen, doch nachts blieb es kalt. Außerdem waren für Sonntag erneut Regen und Schnee angesagt. Angesichts der Sorge vor radioaktivem Niederschlag in der Bevölkerung sagte Vizekabinettschef Tetsuro Fukuyama, Regen und Schnee bedeuteten "keinerlei Schaden für die Gesundheit".

Die Zahl der geborgenen Toten nach dem schweren Erdbeben, dem Auslöser des Atomunglücks, stieg auf mehr als 8000. Behörden gingen jedoch von mehr als 15.000 Todesopfern allein in einer einzigen der vier am stärksten betroffenen Präfekturen aus.

wbr/dpa/dapd