Lage im Krisen-AKW Die Crux mit den Brennstäben

Es ist eine erste gute Nachricht aus dem Katastrophen-AKW: Experten glauben, dass sich nur kleine Mengen des geschmolzenen Brennstoffs am Boden der Druckkessel angesammelt haben. Eine akute Gefahr für das Gehäuse besteht demnach nicht. Dennoch ist ein Ende des nuklearen Desasters nicht in Sicht.

REUTERS/ TEPCO

Tokio - Das Bangen um das havarierte AKW Fukushima I geht weiter: Mindestens zwei bis drei Monate können die Brennstäbe in der Atom-Ruine auch unter günstigen Umständen noch außer Kontrolle geraten. Zu dieser Prognose kommt die Atomic Energy Society of Japan, eine Gruppe von Nuklear-Wissenschaftlern, in einer am Freitag in Tokio vorgestellten Untersuchung.

Inzwischen gibt es erste Ergebnisse aus dem Inneren der Reaktorkerne: Nach Einschätzung von Experten haben sich nur kleine Mengen des geschmolzenen Brennstoffs am Boden der Druckkessel angesammelt. Demnach hat das radioaktive Material in den Reaktoren 1 bis 3 die Form kleiner Körner angenommen, von mehreren Millimetern bis zu einem Zentimeter groß. Der Effekt sei vergleichbar mit dem bei gekochtem Getreide, welches in kaltem Wasser abgeschreckt werde. Aus Sicht der Experten berge die flach am Boden liegende Menge aber keine akute Gefahr für das Reaktorgehäuse. Eine unkontrollierbare Kettenreaktion sei so gut wie ausgeschlossen.

An den Reaktoren selbst versuchen Tepco-Arbeiter weiter, durch Stickstoffzugaben erneute Wasserstoffexplosionen in Reaktor 1 zu verhindern. Nach Angaben der Atomaufsichtsbehörde soll in Kürze auch in die beiden anderen havarierten Reaktoren Stickstoff eingefüllt werden. Zudem installierten die Arbeiter am Freitag weitere Stahlplatten nahe der Meerwasserzufuhr des Reaktors 2, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete. Tepco wolle zudem Sandsäcke mit dem Mineral Zeolith, das radioaktives Material absorbiert, nahe der Anlage ins Meer werfen, um die radioaktive Verseuchung des Meeres zu verringern.

Erneut Plutoniumspuren entdeckt

Mehr Sorgen machten den Arbeitern zuletzt das immer stärker verstrahlte Grundwasser rund um die Atommeiler sowie in Bodenproben nachgewiesene Plutoniumspuren. Infolge der Atom-Katastrophe wurde zum dritten Mal das hochgiftige Schwermetall aus Reaktor 3 gefunden. Die Konzentrationen von radioaktivem Jod und Cäsium im Grundwasser haben in einer Woche mehrere Dutzend Mal zugenommen, teilte Tepco mit. Aussagen über Gefahren für die Gesundheit sind mit diesen Angaben jedoch nicht möglich.

Um die für den Sommer drohende Stromknappheit zu verhindern, will Tepco neue Gasturbinen an zwei Wärmekraftwerken in Betrieb nehmen. Diese könnten ab Juli oder August rund fünf Millionen Kilowatt mehr Strom liefern, hieß es. Regierungssprecher Yukio Edano begrüßte die Ankündigung, betonte jedoch, dass auf diese Weise die bestehende Versorgungslücke von 15 Millionen Kilowatt nicht kompensiert werden könne. Daher seien die Japaner weiterhin aufgerufen, sparsam mit der Energie umzugehen.

Tepco-Chef Shimizu will am Montag erstmals im Parlament über die Rettungsmaßnahmen berichten. Außerdem will der japanische Außenminister Chiaki Takahashi am Dienstag zu einem internationalen Gipfel zur nuklearen Sicherheit in die Ukraine reisen. Japan erwartet dort laut Kyodo Gespräche über die Fukushima-Krise und die Verschärfung der internationalen Normen für nukleare Sicherheit.

Unterdessen hat der Kraftwerkbetreiber den Opfern der Katastrophe ein Angebot gemacht: In einem ersten Schritt soll jeder Haushalt aus dem Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk umgerechnet bis zu 8000 Euro (eine Million Yen) bekommen. Ein-Personen-Haushalte bekämen 750.000 Yen (rund 6200 Euro), kündigte Tepco-Chef Masataka Shimizu laut Nachrichtenagentur Kyodo an. Das Geld werde schnell überwiesen, versprach er.

Innerhalb der 30-Kilometer-Sicherheitszone gab es etwa 48.000 Haushalte. Die überlebenden Menschen waren wegen des AKW-Unfalls aufgefordert worden, sich in Sicherheit zu bringen oder in den Häusern zu bleiben. Auch über die bestehende 20-Kilometer-Evakuierungszone hinaus waren einige Dörfer geräumt worden. Lebensversicherer beziffern ihre Zahlungen infolge der Naturkatastrophe auf 200 Milliarden Yen (rund 1,65 Milliarden Euro).

Unklar ist dagegen noch immer, ob das Land eine Sondersteuer zur Finanzierung der von Tsunami und Erdbeben zerstörten Gebiete einführen will. "Die Regierung würde sich die endgültige Entscheidung vorbehalten", sagte Edano. Eine von der Regierung einberufene Expertenrunde hatte die Einführung der Steuer empfohlen.

cib/dpa

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Seite 1
geistigmoralischewende 15.04.2011
1. Wenn es zu weiteren
Zitat von sysopEs ist eine erste gute Nachricht aus dem Katastrophen-AWK: Experten glauben, dass sich nur kleine Mengen des geschmolzenen Brennstoffs am Boden der Druckkessel angesammelt hat. Eine akute Gefahr für das Gehäuse besteht demnach nicht. Dennoch ist ein Ende des nuklearen Desasters nicht in Sicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,757414,00.html
Starkbeben kommt, wie befürchtet, dann wird sich die Lage im AKW nochmal deutlich verändern. Es ist unfassbar, mit welchen Katastrophen Japan konfrontiert wird!
olle kalle 15.04.2011
2. Wirre Bildunterschrift
Eine Bildunterschrift sagt, die Sperrzone um das Atomkraftwerk sei für die nächsten 20 Jahre nicht bewohnbar. Ceasium hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren, Plutonium gar 24.000 Jahre. Als ob das Gebiet um Tschernobyl nach 25 Jahren bewohnbar sei. Sie können sich drehen und wenden wie sie wollen, sie können die Bevölkerung täuschen und beruhigen, die Geschichte wird sie als Lügner überführen. Denn sicher ist nur das Risiko.
Harald E, 15.04.2011
3. Schlacht
Zitat von sysopEs ist eine erste gute Nachricht aus dem Katastrophen-AWK: Experten glauben, dass sich nur kleine Mengen des geschmolzenen Brennstoffs am Boden der Druckkessel angesammelt hat. Eine akute Gefahr für das Gehäuse besteht demnach nicht. Dennoch ist ein Ende des nuklearen Desasters nicht in Sicht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,757414,00.html
Es ist eine Schlacht. Eine Schlacht der Konjunktive. "Experten"*glauben, vermuten* es *könnte*.... Im Neandertal sind tausende gestorben bei den Versuchen herauszufinden, welche Beeren und Pilze man essen kann...und welche nicht. Nach ein paar tausend Jahren "Fortschritt" stehen nun ein paar Experten und Reporter drumherum, um den Versuchsobjekten genau bei diesen Versuchen zuzusehen und darüber zu berichten.....was aber eh kaum interessiert. Einziger Unterschied.....es wird medial begleitet. Und ;-) (das freut mich) Experten und Reporter werden genauso Opfer sein, wie die Versuchsprobanten....u.a. dank Globalisierung. Meine Güte...sind wir intelligent ^^
don_tango 15.04.2011
4. ...
"Es ist eine erste gute Nachricht aus dem Katastrophen-AKW: Experten glauben, dass sich nur kleine Mengen des geschmolzenen Brennstoffs am Boden der Druckkessel angesammelt haben." Und das glauben wir natürlich. Zumindest der Michel, der glaubt ja schließlich alles was ihm erzählt wird.
MeineMeinungist... 15.04.2011
5. Experten glauben....
Zitat: Experten glauben, dass sich nur kleine Mengen des geschmolzenen Brennstoffs am Boden der Druckkessel angesammelt haben. Ende Seit 5 Wochen dauert die Katastrophe nun an. Es würde mich sehr freuen, wenn es der erste Erfolg wäre (von wem eigentlich?) Aber ich sehe noch lange kein Ende, zumal es noch ständige Nachbeben gibt. hbommy Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Johann Wolfgang von Goethe
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