Haltbarkeit Forscher entwickeln Sensor, der schlechtes Fleisch erkennen kann

Tonnenweise gute Lebensmittel landen jedes Jahr in Deutschland im Müll. Forscher haben nun einen Sensor gegen Lebensmittel-Verschwendung entwickelt. Er kostet nur wenige Cent und könnte in Masse produziert werden.

Wird Fleisch schlecht, entstehen Gammelgase
Photo and Co/ Getty Images

Wird Fleisch schlecht, entstehen Gammelgase

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Fast ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel landen im Müll. In Deutschland wirft jede Privatperson im Jahr durchschnittlich 55 Kilogramm Obst, Gemüse, Brot und Fleisch weg. Das ist nicht nur schade um das Essen, sondern auch schlecht für die Umwelt.

Zur Einordnung: Um ein Kilo Äpfel anzubauen, braucht man 820 Liter Wasser und verursacht 550 Gramm CO2. Bei Fleisch sind die Zahlen um ein Vielfaches höher, berichtet das Bundeslandwirtschaftsministerium. Auf ein Kilo Rindfleisch entfallen 15.400 Liter Wasser und mehr als 13 Kilo CO2.

Ungefähr die Hälfte der weggeworfenen Lebensmittel ist noch genießbar. Sie landen allein deshalb im Müll, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Forscher haben nun einen Sensor entwickelt, der helfen soll, zu erkennen, ob Fleisch und Fisch noch gut sind.

Das Gerät besteht aus einem Stück Papier und winzigen Kohlenstoffelektroden, die darauf gedruckt werden. Firat Güder vom Imperial College London und seine Kollegen nutzten für den Prototypen die Eigenschaft von Papier, Feuchtigkeit aufzunehmen. "Obwohl sich Papier trocken anfühlt und trocken aussieht, ist es immer nass", schreiben die Forscher im Fachmagazin "ACS Sensors". Bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent, mache Wasser etwa fünf Prozent des Papiergewichts aus.

Prüfe man die Leitfähigkeit der Wasserschicht im Papier, könne man ablesen, welche Substanzen darin gelöst sind, so die Wissenschaftler weiter. Befinde sich ein wasserlösliches Gas in der Umgebung, leite Papier Strom besser als ohne. Zu den wasserlöslichen Gasen gehören auch die Stoffe Ammoniak und Trimethylamin, die entstehen, wenn Fleisch oder Fisch schlecht werden. Über eine App lässt sich dann das Ergebnis ablesen.

Dazu haben die Forscher ihren Sensor mit Chips zur Nahfeldkommunikation (NFC) ausgestattet, die auch in Girokarten zum kontaktlosen Bezahlen zu finden sind. Die Technik ermöglicht es, Informationen mithilfe von elektromagnetischer Induktion auszulesen. Die App der Forscher springt an, wenn keine Gammelgase im Papier zu finden und Fisch und Fleisch genießbar sind. Ist das Lebensmittel schlecht, bleibt die Freigabe aus.

Findet der Sensor Ammoniak, gibt die App keine Verzehrempfehlung
Imperial College London

Findet der Sensor Ammoniak, gibt die App keine Verzehrempfehlung

Bei Tests im Labor mit verpacktem Fisch und Hühnchen arbeitete der Sensor genauer als bislang vorhandene Technik, berichten die Wissenschaftler. Zugleich sei das neue System mit zwei Dollar-Cent pro Stück sehr günstig. Der Sensor sei außerdem biologisch abbaubar und ungiftig. Damit erfülle er wesentliche Punkte, die bei früheren Versuchen, ähnliche Sensoren zu entwickeln, Probleme gemacht haben.

Alternative zum Mindesthaltbarkeitsdatum ersetzen

Forscher arbeiten auch an Verpackungsmaterial, das seine Farbe verändert, je nach Zustand der Lebensmittel darin. Es wird kommerziell bislang allerdings nicht eingesetzt, weil es zu teuer ist oder schwer zu interpretieren. Farbverändernde Verpackungen könnten die Wegwerfmentalität so noch verstärken, warnen die Forscher.

Bei dem nun entwickelten Sensor handele es sich um die erste kommerzialisierbare Variante derartiger Technik, so Güder und Kollegen. Es sei technisch möglich, den Sensor in großen Mengen zu produzieren. Die Wissenschaftler hoffen, dass Lebensmittelhersteller und Supermärkte ihn innerhalb der nächsten drei Jahre einführen.

Bis dahin wollen sie das System aber noch verbessern und auf weitere Lebensmittel ausweiten. Am meisten weggeworfen werden Obst und Gemüse. Um deren Zustand erkennen zu können, arbeiten die Forscher an einem System, das einzelne Gase und Veränderungen der Feuchtigkeit in einer Verpackung erfassen kann.



insgesamt 18 Beiträge
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sj_comment 05.06.2019
1. Keine gute Lösung
Für unsere Wirtschaft und die Massentierhaltung! Das wird vermutlich von der CDU usw. verhindert, weil weniger Fleischproduktion gar nicht gewünscht ist! Schauen Sie sich doch mal die ganze Kette und Arbeitsplätze in der Branche mal an, wer da wohl an der Lebensmittelverschwendung verdient. Das beginnt beim Landwirt, Futterindustrie, Schädlingsbekämpfungsmittelhersteller... Pharma, Ärzte, Fleischfabriken, Supermärkte... ach und der Staat mit Steuereinnahmen. LoL
leeberato 05.06.2019
2. Eine gute Lösung!
Günstig, genau, biologisch abbaubar. Wenn dadurch die Menge der weggeworfenen Lebensmittel weniger werden, ist das eine tolle Sache! Manchmal lohnt es sich mal unter dem Alufolienhut hervorzuschauen und nicht alles schlechtzureden.
0pti0nal 05.06.2019
3. Keine gute Lösung
Es ist einfach nur eine andere Art von Sollbruchstelle, je nachdem wie man es kalibriert wird am Ende noch mehr weggeworfen was ja durchaus gewünscht ist seitens der Erzeuger denn so kann man noch mehr verkaufen.
matze298 05.06.2019
4.
"Bis dahin wollen sie das System aber noch verbessern und auf weitere Lebensmittel ausweiten. Am meisten weggeworfen werden Obst und Gemüse. Um deren Zustand erkennen zu können, arbeiten die Forscher an einem System, das einzelne Gase und Veränderungen der Feuchtigkeit in einer Verpackung erfassen kann." Dabei hatten die Supermärkte gerade damit angefangen, den Verpackungsmüll bei Obst & Gemüse zu reduzieren...
matze298 05.06.2019
5.
"Bis dahin wollen sie das System aber noch verbessern und auf weitere Lebensmittel ausweiten. Am meisten weggeworfen werden Obst und Gemüse. Um deren Zustand erkennen zu können, arbeiten die Forscher an einem System, das einzelne Gase und Veränderungen der Feuchtigkeit in einer Verpackung erfassen kann." Dabei hatten die Supermärkte gerade damit angefangen, den Verpackungsmüll bei Obst & Gemüse zu reduzieren...
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