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SPIEGEL

Julia Koch

Sprachwissenschaft Wer spricht das reinste Hochdeutsch?

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie schon einmal vom Hannoverismus gehört? Dabei handelt es sich um die weitverbreitete Ansicht, Hannover sei die Hauptstadt des Hochdeutschen. Aber stimmt das überhaupt?

Ich komme aus Nordhessen und kann mich schwer mit der angeblichen Überlegenheit Hannovers in Sachen Aussprache anfreunden – schließlich sprechen auch wir Waldeck-Frankenberger allersauberstes Hochdeutsch.

Tatsächlich aber wird Hannover am häufigsten genannt, wenn gefragt wird, wo in Deutschland die Menschen am verständlichsten parlieren und besonders wenig Dialekt benutzen, wie jetzt eine repräsentative Umfrage ergab. Die Erhebung mit mehr als 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ist Teil des Projekts »Stadtsprache Hannover«  an der örtlichen Leibniz-Universität. 24 Prozent der Befragten dachten bei der Wiege des Hochdeutschen an Hannover.

Hannover sei der Ort, »wo der deutsche Laut am reinsten und richtigsten gesprochen wird«, ließ schon 1920 der Philosoph Theodor Lessing eine Figur in einer Satire erklären, »denn es ist allbekannt, dass die lern­begierige Jugend aller Länder, wenn sie das reinste Deutsch erlernen will, in dieser wohlgeordneten und geistig regen Stadt zusammenströmt«.

Ob das wirklich so ist, wollen Sprachwissenschaftler François Conrad, gebürtiger Luxemburger, und sein Team in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Vorhaben nun systematisch klären. Die Umfrage ist der erste abgeschlossene Teil des Unterfangens.

Reiterstatue am Ernst-August-Platz vor dem Hauptbahnhof in Hannover

Reiterstatue am Ernst-August-Platz vor dem Hauptbahnhof in Hannover

Foto: Schöning / imago images

Als Nächstes sollen Hannovera­nerinnen und Hannoveraner Proben ihrer Kunst liefern. Aussprache­experte Conrad will einheimische Testpersonen Texte vor­lesen, Bilder beschreiben oder Satzfragmente kombinieren lassen. Die Sprachdaten vergleicht er dann mit kodifiziertem Standarddeutsch, wie es im Duden festgelegt ist. In wei­teren Teilprojekten wird das Hannoversche zudem auf Unterschiede zu den Sprachen anderer Städte untersucht, darunter das benachbarte Braunschweig.

Erste Befunde deuten bereits darauf hin, dass sich das unverfälschte Standarddeutsch selbst in Hannover nicht immer durchhalten lässt. Wie auch anderswo in Norddeutschland hat Conrad beobachtet, dass man in Hannover zum Beispiel Käse gern »Kese« ausspricht.

Solche Besonderheiten könnten das Hannoversche aber auch sympathischer machen. Denn eine allzu reine Sprache ohne erkennbare regionale Färbung gilt manchen als langweilig und verwechselbar.

Und wie wird bei Ihnen daheim gesprochen?

Herzlich

Ihre Julia Koch

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Nicht nur Familien, auch zahlreiche ältere Menschen haben sich seit Beginn der Coronakrise ein »Pandemiehaustier«  zugelegt, wie eine Umfrage der US-Universität Michigan ergab.

  • Seien Sie nett zu Ihren Kindern, sonst schrumpfen deren Hirne: Wer in der Kindheit oft Wutausbrüchen seiner Eltern ausgesetzt ist, das haben kanadische Entwicklungspsychologen  herausgefunden, hat als Heranwachsender weniger Masse in bestimmten Bereichen des Denkorgans als Altersgenossen in einer Vergleichsgruppe.

  • Wie wichtig es ist, Schulen zukunftsfähig zu machen, dürfte inzwischen auch dem Letzten klar geworden sein. Am Karlsruhe Institute of Technologie entsteht gegenwärtig die Vision einer Schule , die mehr ist als nur ein Ort der möglichst effektiven Wissensvermittlung.

  • »Dumme Ziege« ist eine unfaire Schmähung – gegenüber Ziegen. Denn die sind kognitiv flexibler als die genetisch eng mit ihnen verwandten Schafe , wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg herausgefunden haben.

Quiz*

1. Wie viele Dialekte werden in Deutschland gesprochen?

2. Was war das besondere an Schaf »Dolly«?

3. Was ist eine Schiege?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Hu Huhu / Xinhua / eyevine / laif

Fast so groß wie Deutschland ist die Taklamakan-Wüste im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas. Ende Februar erkundeten chinesische Geophysiker den Untergrund des Trockengebiets und erhoben seismische Daten. Solche Expeditionen sind wegen der harschen Wetterbedingungen nur zwischen Oktober und März möglich. Ihr Ziel besteht darin, nach Bodenschätzen wie Gas und Öl zu suchen, die in der unwirtlichen Gegend gefördert werden. Extreme Temperaturschwankungen und heftige Sandstürme erschwerten die Exploration.

Fußnote

140.000 verschiedene Virenarten ­hätten im menschlichen Verdauungstrakt identifiziert werden können, berichten Forscher vom Wellcome Sanger Institute und vom European Bioinformatics Institute. Mehr als die Hälfte dieser mittels Genanalyse aufgespürten Mikroben waren zu­vor unbekannt. Bei den meisten Darmviren handelt es sich nicht um Krankheitserreger, sondern um sogenannte Bak­teriophagen, denen Darmbakterien als Wirtszellen dienen.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1) Sprachwissenschaftler sprechen in Deutschland von 16 großen Dialektfamilien.
2) »Klonschaf Dolly« war 1996 das erste Tier, das aus den Zellen von Artgenossen geklont wurde.
3) Schiegen sind – seltene – Hybridwesen, die aus der Paarung von Schaf und Ziege entstehen.