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27. November 2018, 22:33 Uhr

Lion-Air-Unglück

"Die Piloten haben bis zum Ende gekämpft"

Mehr als zwei Dutzend Mal zogen die Piloten die Nase der Boeing 737 nach oben - dann verloren sie die Kontrolle: Nach dem Lion-Air-Unglück liegen laut "New York Times" nun die Daten des Flugschreibers vor.

Sicherheitsexperten haben die Blackbox der verunglückten Lion-Air-Maschine in Indonesien ausgewertet. Die Daten des Flugschreibers, die am Mittwoch offiziell veröffentlicht werden sollen, liegen der "New York Times" bereits vor. Demnach decken sich die Erkenntnisse weitestgehend mit den bisherigen Vermutungen der Ermittler.

Laut "NYT" belegen die Aufzeichnungen der Blackbox einen Kampf der Piloten mit der Maschine, der bereits kurz nach dem Start begonnen haben soll: Während des nur elf Minuten andauernden Flugs soll sich die Nase des Flugzeugs mehr als zwei Dutzend Mal abgesenkt haben. Die Piloten sollen verzweifelt versucht haben, sie wieder nach oben zu ziehen - bis sie schließlich die Kontrolle über die Boeing 737 vollständig verloren.

Das Flugzeug stürzte ins Meer, alle 189 Insassen kamen ums Leben.

Boeing: Neue Software wird in Handbuch beschrieben

Die Daten des Flugschreibers stützen die Theorie, dass die von Boeing beim Modell 737 Max eingeführte MCAS-Software (Maneuvering Characteristics Augmentation System) den Absturz verursacht hat. Sie soll eigentlich einen Strömungsabriss verhindern. Dieser tritt bei zu geringer Geschwindigkeit auf, die Tragflächen erzeugen dann nicht mehr genug Auftrieb.

Wenn die Sensoren der 737 Max eine Fluglage nahe eines solchen Abkippens an den Bordcomputer melden, senkt der die Nase der Maschine automatisch, um die Geschwindigkeit zu erhöhen. Im Falle des abgestürzten Lion-Air-Flugs führte ein fehlerhafter Fluglage-Sensor oder eine fehlerhafte Software dazu, dass der Bordcomputer die Maschine ins Meer lenkte.

Das Fatale: Das Prozedere, wie mit diesem Störfall umzugehen ist, war den Piloten des Lion-Air-Fluges offenbar nicht bekannt. Piloten verschiedener Airlines bestätigten kürzlich ebenfalls, dass Boeing die neue Software und deren Funktion nicht dokumentiert hatte.

Boeing widersprach laut "New York Times" dieser Darstellung und sagte, die neue Software und die notwendigen Schritte bei deren falscher Aktivierung sei ausreichend in entsprechenden Handbüchern dokumentiert. Boeing wollte sich aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht weiter zu dem Vorfall äußern.

"Die Piloten haben bis zum Ende des Flugs unentwegt gekämpft", sagte Nurcahyo Utomo, der die Ermittlungen leitet. Es stehe fest, dass die MCAS-Software während des Flugs fälschlicherweise aktiviert worden sei. Die Ermittlungen fokussierten sich nun darauf.

Einen ausführlichen Bericht zu den Hintergründen des Absturzes und den technischen Problemen der Boeing 737 Max finden Sie hier.

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