Brandkatastrophe in London Wie gefährlich ist die Dämmung an Häuserwänden?

Vermutlich hat die Dämmung am Londoner Grenfell Tower die Ausbreitung der Flammen stark beschleunigt. Welche Gefahr geht von solchen Verkleidungen aus? Und wie groß ist sie in Deutschland?
Brand im Grenfell Tower im Londoner Stadtteil Kensington

Brand im Grenfell Tower im Londoner Stadtteil Kensington

Foto: TOLGA AKMEN/ AFP

Auch mehr als 24 Stunden nach dem Feuer im Londoner Grenfell Tower ist die Ursache für die Katastrophe noch unbekannt. Doch schon lange wurde Kritik an den Brandschutzvorrichtungen in dem 24-stöckigen Gebäude geäußert. Bewohner hatten sich immer wieder beschwert, nun sind mindestens 17 von ihnen tot.

Amateurvideos zeigen, wie große Teile der Fassade in Flammen stehen, zudem soll sich das Feuer an der Außenwand sehr schnell ausgebreitet haben. Das legt den Verdacht nah, dass Materialien zu Fassadenwärmedämmung eingesetzt wurden, die brennbar sind - einige stehen schon jahrelang in der Kritik. Das Haus in Westen von London wurde 1974 erbaut und war von 2014 bis 2016 saniert worden. Welche Dämmmaterialien die zuständige Firma dabei verbaute, ist bisher unklar.

Doch schon jetzt hat die britische Feuerschutzvereinigung (FPA) auf die Gefahr hingewiesen, die von einigen solcher Dämmmaterialien ausgeht. Wie groß ist sie in Deutschland?

Welche Dämmmaterialien stehen in der Kritik?

Seit Jahren wird zur Dämmung von Fassaden vor allem Material aus Polystyrol eingesetzt. Der als Styropor bekannte Kunststoff wird aus Erdöl hergestellt. Tests in der Vergangenheit haben gezeigt , dass er Feuer fangen kann. Gerät etwa eine Mülltonne in Brand, die nah an einer Fassade steht, können die Flammen leicht auf die Kunststoffmatten an der Hauswand übergehen. Das passierte 2011 in Delmenhorst, nachdem Jugendliche dort Abfall ansteckten - fünf Häuser standen am Ende in Flammen.

Ein Fassadenfeuer kann sich rasch ausbreiten, weil durch die Hitze höher gelegenes Polystyrol schmilzt und nach unten Richtung Flammen tropft. "Das zündet dann schlagartig durch, das Feuer erreicht hohe Intensität", sagt Tim Wackermann, Sachverständiger für vorbeugenden Brandschutz in Hamburg. Und obwohl ein Brand eigentlich an der Fassade wüte, könnte er über die Fenster leicht in die Wohnungen übergehen.

Damit das Styropor nicht so leicht Feuer fängt, verwenden Hersteller spezielle chemische Flammschutzmittel. In die Kritik geraten war dabei das giftige HBCD. Es war bei voll entwickelten Bränden wirkungslos. Zudem entsteht bei der Verbrennung von HBCD hochgiftiges Dioxin, das für Retter und Hausbewohner zusätzlich zur Gefahr werden kann. Seit Frühjahr 2016 ist es aber bis auf wenige Ausnahmen verboten.

Beim Grenfell Tower sollen die Fassade mit Aluminium-Verbundplatten mit einem Polyethylen-Kern verkleidet gewesen sein, berichtet der "Guardian".  Auch dieses Material steht in der Kritik, gilt als brennbar. Auch hier kann der geschmolzene Kunststoff heruntertropfen und sich der Brand rasch in beide Richtungen ausbreiten. Das Material soll bereits für einen Fassadenbrand im australischen Melbourne verantwortlich gewesen sein und ist an etlichen Häusern verbaut.

Wie oft haben in Deutschland bislang Fassaden gebrannt?

Die Feuerwehr Frankfurt hat nach einem verheerenden Brand an einem leerstehenden Haus in Frankfurt am Main im Mai 2012 beschlossen, Brände in Deutschland unter Beteiligung von Styropor zu dokumentieren. Die 30-seitige, allerdings nicht vollständige Liste erfasst von 2001 bis 2017 fast 100 Brände . Brandursachen waren unter anderem Brandstiftung, brennende Müllcontainer, brennende Motorräder, Wohnungsbrände und Brände auf dem Balkon.

Sind in Deutschland bereits Menschen bei Fassadenbränden zu Schaden gekommen?

Laut Liste der Feuerwehr Frankfurt gab es in Deutschland seit 2001 mindestens elf Tote und weit über hundert Verletzte. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber höher sein, denn die Aufstellung basiert auf freiwilligen Meldungen von Feuerwehren und ist daher nicht vollständig. Wie gefährlich Fassadenbrände sind, zeigt ein Fall aus Köln. Am 24. Dezember 2005 entzündete sich nach einem Wohnungsbrand im zweiten Stock die Fassade. Der starke Rauch tötete vier Menschen zwei Stockwerke darüber, ein Mensch starb in der Wohnung, in der das Feuer ausgebrochen war.

Welche Brandschutzmaßnahmen gelten in Deutschland für Fassaden?

Das Baurecht der 16 Bundesländer orientiert sich an der "Muster-Hochhaus-Richtlinie". Die Regelungen waren früher großzügiger und wurden erst im Laufe der Achtziger- und Neunzigerjahre verschärft. Sie sieht vor, dass brennbare Dämmplatten an Hochhäusern in der Regel nicht verbaut werden dürfen, oder zumindest müssen brennbare Bau- oder Dämmstoffe mit nicht brennbaren Materialien umschlossen sein.

Bei Gebäuden mit einer Höhe von weniger als 22 Metern sind sie dagegen erlaubt. Allerdings sind dann auch Brandriegel aus nicht brennbarer Steinwolle vorgeschrieben, die inzwischen alle zwei Stockwerke eingefügt werden. Diese waagerechten Streifen in der Dämmung sollen verhindern, dass ein Brand die gesamte Fassade erfassen kann. Die Schutzwirkung der Brandriegel ist allerdings umstritten. Zudem fehlen solche Schutzstreifen in vielen älteren Styropor-Fassaden. Für zusätzliche Sicherheit soll auch der mineralische Putz sorgen, der auf die Styroporplatten aufgetragen werden muss.

Aufbau eines Wärmedämm-Systems

Aufbau eines Wärmedämm-Systems

Foto: DER SPIEGEL

Nach dem Brand von London fordert die Berliner Feuerwehr nun schärfere Brandschutz-Vorschriften auch für niedrigere Gebäude. "Wir versuchen, den Gesetzgeber dazu zu bewegen, dass er dieses brennbare Material als Dämmmaterial nicht mehr zulässt, sondern nur noch mineralisches Material, das nicht brennen kann und damit die Brandausbreitung über die Fassade nicht ermöglicht", sagte Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling der DPA.

Ist eine so schwere Brandkatastrophe in einem Hochhaus auch in Deutschland möglich?

Ein ähnliches Unglück gilt hierzulande als unwahrscheinlich. Seit Anfang 2016 gelten in Deutschland noch einmal strengere Regeln für sogenannte Wärmedämm-Verbundsysteme. Müllcontainer dürfen etwa nicht mehr nahe der Fassaden stehen. Auch die Regelung für den Einbau von Brandriegeln wurde erneuert. Zwar hält der Hamburger Gutachter Wackermann die gelten Bestimmungen für ausreichend, um einen Brand wie den in London zu verhindern. Doch das gelte nur, solange sie auch eingehalten werden: "Das ist auch eine Frage der Bauaufsicht. In Hamburg etwa ist das meiner Meinung nach eher unzureichend geregelt. Da sind andere Bundesländer besser aufgestellt", sagt er.

Besser sind in Deutschland laut Experten aber die Rettungssysteme. In Frankfurt, das bekannt für seine vielen Hochhäuser ist, sei jedes Gebäude über 30 Meter Höhe mit einem zweiten Rettungsweg ausgestattet. Zudem befänden sich in den Treppenhäusern Flure mit Schleusen und Feuerwehraufzügen, sagte der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries der "Frankfurter Neue Presse". Die Retter können so durch einen abgedichteten Fahrstuhlschacht nach oben fahren - selbst ältere Hochhäuser seien so ausgestattet.

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