Immer mehr Drohnen im deutschen Luftraum Auf Kollisionskurs

In den kommenden Jahren drängen Hunderttausende Drohnen in den Himmel über Deutschland. Wie lässt sich das Platzproblem in der Luft lösen?

Drohnen, Flugtaxis und Passagiermaschinen müssen sich künftig den Platz am Himmel teilen: "Enormer Umschwung für das gesamte Luftverkehrsmanagement"
NASA

Drohnen, Flugtaxis und Passagiermaschinen müssen sich künftig den Platz am Himmel teilen: "Enormer Umschwung für das gesamte Luftverkehrsmanagement"

Von , Leipzig


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Am 7. September 2018 war der Himmel so voll wie noch nie. An diesem Tag zählte die Deutsche Flugsicherung (DFS) erstmals mehr als 11.000 Flüge über dem Land - ein Rekord. Über das gesamte Jahr gerechnet, waren genau 3.346.448 Mal Maschinen im Luftraum unterwegs. Auch das war ein neuer Höchststand. Und noch einen Spitzenwert gab es: Im Schnitt landete jeder Flug 13,8 Minuten später als im Flugplan angegeben - und damit noch einmal zwei Minuten später als im Jahr zuvor.

Das starke Wachstum des Luftverkehrs führt zu Problemen unter anderem bei der Flugsicherung, die alle Maschinen über den Himmel verteilen muss. Und in den nächsten Jahren drängen zusätzlich Hunderttausende neue Fluggeräte in den Luftraum, vor allem Lieferdrohnen und Flugtaxis.

"Es müssen noch viele offene Fragen geklärt werden"

"Im Moment operieren der klassische Luftverkehr und Drohnen noch sehr stark voneinander getrennt", sagt Dagi Geister, die am Institut für Flugführung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig an der Integration von unbemannten Fluggeräten in den Luftraum forscht. "Bis ein mit Passagieren besetztes Linienflugzeug und eine Paketdrohne im selben Luftraum unterwegs sind, werden noch ein paar Jahre vergehen."

Einen "enormen Umschwung für das gesamte Luftverkehrsmanagement" prognostiziert Hartmut Fricke vom Institut für Luftfahrt und Logistik der TU Dresden angesichts des sich abzeichnenden Drohnenbooms. Auf der 1. Nationalen Luftfahrtkonferenz am Flughafen Leipzig-Halle verweist er am Donnerstag auf Schätzungen des Single European Sky ATM Research Programme. Demnach dürften im Jahr 2050 sieben Millionen von Privatpersonen gesteuerte Drohnen im europäischen Luftraum unterwegs sein, dazu weitere 400.000 unbemannte kommerzielle Luftfahrzeuge.

Die Gesellschaft müsse klare Sicherheitsregeln für deren Betrieb definieren, sagt Fricke. Denkbar sei beispielsweise, dass langsam fliegende Frachtdrohnen über ländlichen Regionen in dichteren Abständen unterwegs sein dürften als schnelle Flieger in städtischer Umgebung.

Eine DHL-Lieferdrohne im chinesischen Guangzhou. In Deutschland hatte das Unternehmen unter anderem Zustellungen im bayerischen Reit im Winkl und auf der Nordseeinsel Juist getestet
DPA

Eine DHL-Lieferdrohne im chinesischen Guangzhou. In Deutschland hatte das Unternehmen unter anderem Zustellungen im bayerischen Reit im Winkl und auf der Nordseeinsel Juist getestet

Im Moment werden laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion in Deutschland etwa 455.000 unbemannte Fluggeräte privat genutzt, dazu weitere 19.000 kommerziell. Diese Zahl wird rapide steigen. Dass die Drone Economy, die Drohnenwirtschaft, kommt, davon ist auch Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt in Leipzig, überzeugt: "Wir halten das für ein Riesenfeld in der Zukunft."

Was bereits heute möglich ist, zeigen einige Aussteller auf der Konferenz, die in einem riesigen Hangar des Logistikkonzerns DHL stattfindet. Einer von ihnen ist Benjamin Federmann vom Kasseler Unternehmen Doks. Er hat seine Frachtdrohne delivAIRy dabei, die seine Firma gerade im Duisburger Werk des Stahlkonzerns Thyssenkrupp ausprobiert hat. Mit ihr haben sie Laborproben von der Rohstoffaufbereitung im Werkhafen Schwelgern ins Zentrallabor gebracht. Bisher wird das von einem Mitarbeiter mit PKW erledigt. Die Drohne könne bis zu 70 Prozent Zeit sparen, wirbt Federmann.

Rekord bei Zwischenfällen an Flughäfen

"Die Integration von Drohnen in den Luftraum, das ist die spannendste Frage", sagt Federmann. Dafür seien verbindliche Regeln wichtig, die dann auch für alle gelten. Nach Statistiken der Deutschen Flugsicherung hat es im vergangenen Jahr 158 Fälle von Drohnensichtungen in der Nähe von Flughäfen gegeben - auch dies ein Rekord. Die Bundesregierung hat die DFS gerade damit beauftragt, einen Aktionsplan zur Drohnendetektion an Flughäfen auszuarbeiten. "Wenn mit Drohnen Unsinn gemacht wird, ist das nicht förderlich für die, die damit industriell arbeiten wollen", sagt Drohnenunternehmer Federmann.

Auf europäischer Ebene gibt es inzwischen Regeln, die mehr Sicherheit bringen sollen. Die Bundesregierung hat bis zum kommenden Jahr Zeit, diese Verordnung in nationales Recht umzusetzen. Geregelt werden muss in erster Linie, was Drohnen und ihre Piloten im unteren Luftraum bis zu 150 Metern Höhe tun dürfen - und was nicht.

Außerdem muss ein Managementsystem aufgebaut werden, das die unbemannten Luftfahrzeuge elektronisch registriert, sie identifizierbar macht und ihnen elektronisch Flugbereiche zuweist ("Geofencing"). Später sollen sich Drohnen mit technischer Hilfe gegenseitig erkennen und einander ausweichen können.

Die delivAIRy-Drohne verfügt über einen von der US-Luftfahrtbehörde FAA zertifizierten Fallschirm - damit sie auch bei einem technischen Problem nicht wie ein Stein vom Himmel fällt. Auch ein 5G-Funkmodul hat sie bereits an Bord. Damit könnte sie sogar auf weite Distanz ferngesteuert werden.

Um ein für alle funktionierendes Drohnenmanagementsystem zu entwickeln, haben sich die Deutsche Telekom und die DFS zusammengetan. Ihr Gemeinschaftsunternehmen Droniq soll eine Plattform anbieten, die "einen Einstieg in den kommerziellen Betrieb von unbemannten Fluggeräten" ermöglichen soll, so DFS-Chef Klaus-Dieter Scheuerle. Ob das Droniq-System wirklich zum Einsatz kommt, steht aber noch nicht fest.

Im eher dünn besiedelten Harzvorland in Sachsen-Anhalt baut das DLR gerade ein "Nationales Erprobungszentrum für unbemannte Luftfahrtsysteme" auf. Genutzt wird dafür der frühere Verkehrsflughafen Cochstedt mit seiner 2,6 Kilometer langen Start- und Landebahn. In den kommenden Monaten muss er allerdings erst einmal umgebaut werden, noch fehlen Labore und Werkstätten für die Forscher und Techniker. Von Cochstedt aus, so hofft man beim DLR, könnten eines Tages Flugkorridore zum Test unbemannter Gerätschaften in verschiedene Teile Deutschlands führen.

Als Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem Auftritt auf der Leipziger Konferenz auf Drohnen zu sprechen kommt, preist sie deren Einsatzmöglichkeiten als "vielfältig, manchmal zu vielfältig". Deswegen müsse sich Verkehrsminister Andreas Scheuer um die Regulierung kümmern. Es sei wichtig, so die Kanzlerin, dass sich die Fluggeräte nicht gegenseitig behinderten "und dass die Bevölkerung es akzeptiert".

Dass sich die öffentliche Begeisterung zum Beispiel für Paketdrohnen allerdings in engen Grenzen hält, haben Experten des DLR vor einigen Monaten herausgefunden. Bei einer repräsentativen Telefonbefragung von mehr als 800 Menschen erklärten 58 Prozent der Teilnehmer, sie stimmten dem Einsatz der fliegenden Lastesel "nicht zu" oder "überhaupt nicht zu". Vollauf begeistert waren gerade einmal 17 Prozent.


Zusammengefasst: Die Zahl privater und kommerzieller Drohnen am Himmel über Deutschland wird in den kommenden Jahren stark zunehmen. Die Bundesregierung hat bis zum kommenden Jahr Zeit, europäische Regeln für deren Einbindung in den untersten Luftraum umzusetzen. Damit würden Flüge bis in 150 Metern Höhe geregelt. Doch damit wird die Diskussion um Regeln für den Drohnenflug nicht zu Ende sein.

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insgesamt 11 Beiträge
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Actionscript 21.08.2019
1. Der Einsatz von Drohnen und deren Erlaubnis...
...sollte wesentlich überdacht werden. Ich kann mir den Einsatz von Drohnen in der Land- und Forstwirtschaft vorstellen. Bei der Zulieferung von Paketen wird dies schwierig. Privat sollten Drohnen nur in bestimmten Gebieten erlaubt sein. Auch Drohnen in Wohngebieten sollten nicht erlaubt sein, Unfallgefahr und Eindringen in die Privatsphäre. Doch wie bei E-Scootern scheint in Deutschland aus Hype erstmal alles ohne Regelungen erlaubt zu sein, ein Land, das für seine strengen Regeln und Gesetze bekannt ist.
lleimiriam 21.08.2019
2. Drohnen mehr als Überflüssig, wie die Selbstmordroller!!!
Gefährlich und weitestgehend überflüssig sind diese pseudofortschrittlichen technischen "Errungenschaften"! Die Drohnen sind keine Spielzeuge - sie gehören allenfalls in die Hände von geschulten Menschen, die eine sinnvolle Verwendung für diese Geräte haben und persönlich haftbar sind, für Schäden, die im Einzelfall in Millionenhöhe auftreten werden. Das ist so sicher wie das berühmte "Amen in der Kirche". Eine entsprechende Haftpflichtversicherung und Registrierung muss sein. Und die wird angesichts der horrenden Kosten viele unverantwortliche "Spieler" abschrecken. Nicht jede kommerzielle Nutzung ist eine "sinnvolle Verwendung"! Und nun zu den lächerlichen Rollern: Das größte Problem sehe ich in der nicht zu verantwortenden Unfallgefahr! Ich habe selbst leidvolle Erfahrungen sammeln müssen, als ein PKW mit einem Pfarrer an Steuer, mein mit mehreren Rücklichtern ausgestattes Rad auf einer Landstraße ohne Radweg von Hinten anfuhr und einen Stahlknäuel hinterlies. Ich schlug mit meinem Helm auf der Windschutzscheibe auf, zerstörte diese und flog in hohem Bogen auf die harte Fahrbahn. Zum Glück für den Pfarrer konnte er sich "die letzte Ölung" sparen, die ohne Helm laut den Rettungssänitätern unweigerlich notwendig geworden wäre. Mit meinem Rad ohne Elektroantrieb bin ich damals locker schneller unterwegs gewesen als die Spitzengeschwindigkeit der Roller mit ihren Minirädern - die sicher großen Spaß machen beim Überfahren von Straßenbahnschienen? Und das nicht zu verhindernde "Lenkerflattern" wenn der Pilot vor dem Abbiegen eine Hand vom Lenker nehmen muss. Warum wurden keine Blinker an den Lenkerenden vorgeschrieben? Das bisschen Strom für die Blinker kann doch nicht das Problem sein? Und ein leichter Helm mit luftigem Gesichtsschutz? Offenbar auch ein Problem für die hippen Nutzer, die gerne schwerste Kopfverletzungen in Kauf nehmen - die schöne Frisuer darf ja nicht leiden? Die Versichertengemeinschaft darf brav zahlen für die zu erwarteten Krüppel, die als Frührentner enden werden und damit nicht nur den Krankenkassen zur Last fallen!
froemmelm 21.08.2019
3. Nicht nur Verkehrsflugzeuge...
... müssen sich den Luftraum mit Drohnen teilen. Auch Privatflieger, Ultraleicht- und Segelflieger sowie Ballone, Fallschirmspringer etc. bewegen sich im gleichen Luftraum. Drohnen sollten mindestens mit Antikollisionslichtern, Signalfarben und sog. FLARM-Systemen zu Kollisionsvermeidung ausgerüstet sein müssen, um in Deutschland betrieben werden zu können. Damit würden die Piloten zumindest darüber informiert werden, dass sich eine Drohne in der Nähe befindet und könnten den Luftraum gezielt beobachten. Drei einfache Maßnahmen, die in der Summe auch nicht wirklich teuer sind.
markusma 22.08.2019
4. @actionscript, in D sind Drohnen sehr wohl...
... reglementiert! Flugzonen, Max. Flughöhe, Versicherungs- und Kennzeichnungspflicht,... alles einigermaßen gut geregelt. Es gibt andere Länder in EU, die sind weit ungeregelter, aber auch Länder, die Drohnen nahezu verboten haben (z. B. Slowenien)
MondVogel 22.08.2019
5.
Zitat von Actionscript...sollte wesentlich überdacht werden. Ich kann mir den Einsatz von Drohnen in der Land- und Forstwirtschaft vorstellen. Bei der Zulieferung von Paketen wird dies schwierig. Privat sollten Drohnen nur in bestimmten Gebieten erlaubt sein. Auch Drohnen in Wohngebieten sollten nicht erlaubt sein, Unfallgefahr und Eindringen in die Privatsphäre. Doch wie bei E-Scootern scheint in Deutschland aus Hype erstmal alles ohne Regelungen erlaubt zu sein, ein Land, das für seine strengen Regeln und Gesetze bekannt ist.
Solange sich die Dronen im oeffentlichen Raum aufhalten (dazu gehoert uebrigens der Himmel ueber Ihrem Haus) haben Sie den Anspruch auf Privatsphaere nicht, solange die Drone nicht Bilder durch Ihre Fenster oder von Ihrem Garten speichert. Bezueglich Unfallgefahr kann man durchaus Systeme bauen, die eine so niedrige Ausfallrate haben, dass sie sicherer sind als der Gang zum Supermarkt und damit von Luftfahrtbehoerden zertifiziert werden koennen. Ist am Ende nix anderes wie ein Flugzeug. Wer jetzt wieder von redundanten Systemen quatscht: Kann man auch in eine Drone bauen.
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