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15. April 2011, 12:14 Uhr

Mach Druck

Windkraft im Boden

Zu den größten Nachteilen der Ökostromerzeugung gehört es, dass der nicht immer dann zur Verfügung steht, wenn man ihn gerade braucht. Das, glauben findige Entwickler, ließe sich ändern: Man müsste nur Hohlräume im Boden nutzen.

Was wäre, wenn man Strom, der gerade nicht gebraucht wird, nutzt, um einen riesigen Behälter mit Druckluft zu befüllen? Dann könnte man die doch nutzen, um eine Turbine anzutreiben, wenn Strom gebraucht wird.

Klingt verrückt, ist aber das bereits 1978 weltweit erstmals erprobte Prinzip eines Druckluftspeicherkraftwerks. Zurzeit gibt es nur zwei davon, denn bisher sprach etwas gegen die Technik: Sie hat bislang unter anderem einen beschämend niedrigen Wirkungsgrad. Denn beim Komprimieren der Luft entsteht Wärme, die nur unzureichend genutzt und abgeführt wird. Gleichzeitig wird bei der späteren Stromerzeugung mittels Druckluft bislang brennbares Gas zum Heizen benötigt, weil beim Entspannen der komprimierten Luft Kälte entsteht.

Doch künftig könnte die Technik zulegen. Wenn der Wind zu stark über das norddeutsche Flachland weht, regeln die Stromanbieter ihre Windparks bereits regelmäßig herab: Die Dinger produzieren sonst Überlasten - verschenkte Energie. Die könnte man durchaus nutzen, Druckluftreservoirs zu befüllen. Denn natürlich werden hier nicht kleine Tanks mit komprimierter Luft befüllt, sondern gigantische unterirdische Hohlräume - natürliche Kavernen oder Salzstöcke beispielsweise.

Und die Techniker arbeiten daran, den Wirkungsgrad dieser Kraftwerksart deutlich zu erhöhen. Dazu will man die beim Komprimieren der Luft entstehende Wärme zwischenlagern, um sie dann später beim Dekomprimieren wieder zum Erwärmen der freiwerdenden Luft zu nutzen. Dann wäre die Zufuhr von brennbarem Gas nicht mehr notwendig. Auch in Deutschland soll in den nächsten Jahren ein Testkraftwerk dieser Art, ein adiabater Druckluftspeicher, entstehen (ein Druckluftspeicherkraftwerk, das die entstehende Wärme nicht nutzen kann, wird in der Fachsprache als adiabat bezeichnet).

Eine noch ökonomischere Nutzung dieses Prinzips verspricht das US-Unternehmen General Compression, das mit seinen Konzepten gerade eine Arpa-E-Förderung des US-Energieministeriums gewonnen haben: Sie wollen sogar völlig darauf verzichten, mit ihren Windrädern Strom zu erzeugen, sondern diese direkt zum Befüllen von Drucktanks nutzen. Entsprechend hängen an den Windrädern keine Stromgeneratoren sondern Kompressoren. Denkt man das in großem Maßstab zu Ende, erkennt man Potential: Man verschenkt kaum Leistung, produziert Strom dann, wenn er gebraucht wird, und wird etwas weniger abhängig vom Wetter - bei Flaute greift man auf gespeicherte Windkraft zurück.

Hohlräume, behaupten Experten, gebe es genug, ob alle davon dicht genug wären, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin aber wäre diese Kraftwerkstechnik zwar nicht unaufwendig, aber unauffällig: Da stinkt und qualmt nichts, und oberirdisch brauchen Druckluftspeicherkraftwerke auch nicht viel Platz.

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pat

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