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14. Juli 2011, 16:47 Uhr

Mais als Biotreibstoff

Tank statt Trog

Mais als Lebensmittel - das ist inzwischen die Ausnahme. In den USA wird erstmals mehr Getreide zur Produktion von Biotreibstoffen verbraucht als in der Viehzucht. Für die Farmer wird die Lage brenzlig, der Ökoboom treibt die Preise massiv in die Höhe.

Hamburg - Mais ist eigentlich ein Lebensmittel; auch in der Tiermast kommt er zum Einsatz. Inzwischen dient das Getreide jedoch immer mehr dem Zweck, Autos über US-Straßen rollen zu lassen. Nach Berechnungen des zuständigen Landwirtschaftsministeriums verarbeitet die Industrie in den USA in diesem Jahr erstmals mehr Mais zu Bioethanol als Landwirte an ihr Vieh verfüttern. Das Land ist der größte Maisproduzent der Welt.

5,05 Milliarden Scheffel Mais - das entspricht 128 Millionen Tonnen - verbrauchten die Bioethanol-Produzenten demnach vom 1. September 2010 bis zum 31. August 2011. Das entspricht mehr als 40 Prozent der Ernte des Vorjahres. Eine etwas geringere Menge des Getreides, nämlich 127 Millionen Tonnen, diente als Tierfutter oder für ähnliche Zwecke. Nur knappe 35 Millionen Tonnen Mais landeten bei der Lebensmittelindustrie, die das Getreide zu Frühstücksflocken, Stärke, Süßungsmitteln und verschiedenen anderen Produkten verarbeitete.

Die Biosprit-Produktion legt in den USA Jahr für Jahr zu. Zum Vergleich: 2001 verarbeiteten die Treibstoffhersteller circa 25 Millionen Tonnen Mais, 2006 waren es rund 53 Millionen Tonnen. Der Trend soll in den nächsten Jahren anhalten; fürs kommende Jahr rechnet das Landwirtschaftsministerium damit, dass 131 Millionen Tonnen Mais bei Kraftstoffproduzenten landen, um die Tanks mit Biosprit zu füllen. Das Problem dürfte sich also verschärfen.

Rekordpreise für Mais

Die steigende Nachfrage wirkt sich auf die Preise aus: In diesem Frühjahr war Mais teurer als je zuvor. Trotzdem produzierten US-Unternehmen rund 52 Milliarden Liter Bioethanol. Wegen ebenfalls steigender Benzinpreise lohnt es sich weiterhin, Mais zu Treibstoff zu verarbeiten.

US-Landwirte hingegen beschweren sich über die steigenden Kosten - sie fürchten sogar noch weitere Preisexplosionen. "Ethanolproduzenten können Vieh- und Hühnerhalter immer überbieten, weil die Treibstoffindustrie per Gesetz verpflichtet ist, Ethanol zu kaufen", sagte Bill Roenigk vom National Chicken Council, einem Lobbyverband der Hühnerzüchter.

Doch nicht nur US-Bauern treffen die steigenden Preise. Dass durch Biotreibstoffe Grundnahrungsmittel im Tank verheizt werden, beklagen viele Hilfsorganisationen. Sie forderten im Vorfeld des G-20-Treffens im Juni in Brüssel, weniger auf Biosprit zu setzen - doch der Vorstoß wurde nicht angenommen. Denn so wie die US-Farmer fürchten, sich keinen Mais zum Verfüttern mehr leisten zu können, haben auch Menschen in ärmeren Staaten ein echtes Problem, wenn die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt in die Höhe schnellen.

Hinzu kommt, dass Bioethanol jüngsten Erkenntnissen zufolge auch ökologisch keine gute Treibstoffalternative darstellt. Al Gore, ehemaliger Vizepräsident der USA und Klimaschutz-Vorkämpfer, ist mittlerweile ins Lager der Biosprit-Gegner gewechselt.

wbr

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