Umstrittene Forschungsfabrik in Münster Wie Deutschland bei Batteriezellen Weltspitze werden will

Mit einer neuen Forschungsfabrik soll es Deutschland endlich gelingen, Batteriezellen zu produzieren. Ministerin Karliczek steht wegen der Standortwahl in der Kritik. Und es gibt zudem Zweifel am Konzept.
Batterieforschungszentrum der Universität Münster: Ziel ist eine Musterfabrik, die deutschen Unternehmen helfen soll, selbst Batteriezellen zu produzieren

Batterieforschungszentrum der Universität Münster: Ziel ist eine Musterfabrik, die deutschen Unternehmen helfen soll, selbst Batteriezellen zu produzieren

Foto: Judith Kraft/ MEET

Kraftpaket für Elektroautos, Puffer für Solar- und Windenergie, Stabilisator für Stromnetze: Batteriespeicher sind eine Schlüsseltechnologie für Klimaschutz und Energiewende. Bislang ist Deutschland hier jedoch von Konzernen aus Fernost abhängig. Denn die Batteriezellen, das Herzstück der Akkus, kommen meist aus China, Japan oder Südkorea.

Zwar werben manche Batterieanbieter mit dem Label "Made in Germany" - sie meinen damit aber allein die Konfiguration und den Zusammenbau der Akkupakete. Die Zellen kaufen sie in der Regel bei asiatischen Herstellern wie Panasonic, Samsung oder LG Chem zu. Auch die deutschen Autobauer sind auf deren Zellen angewiesen.

Ein guter Grund für die Bundesregierung, der heimischen Industrie jetzt kräftig unter die Arme zu greifen: An der Universität Münster soll in Trägerschaft der Fraunhofer-Gesellschaft eine sogenannte Forschungsfertigung Batteriezelle entstehen - eine Art Musterfabrik, die deutschen Unternehmen helfen soll, selbst Zellen zu produzieren.

Insgesamt 500 Millionen Euro stellt die Regierung in den nächsten vier Jahren für die Batterieforschung bereit. Die Forschungsfertigung könnte 2022 in Betrieb gehen, sofern die Kritikam Standort das Projekt nicht verzögert.

Die Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU/Bayern), Winfried Kretschmann (Grüne/Baden-Württemberg) und Stephan Weil (SPD/Niedersachsen) hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgefordert, die Entscheidung der Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), die Batteriefabrik in Münster errichten zu lassen, nochmals zu überprüfen.

Auch die Opposition im Bundestag stellt die Entscheidung infrage und will Karliczek am Mittwoch in einer Sondersitzung des Bundestagsforschungsausschusses zu dem Fall anhören. An der Wahl Münsters hatte es auch Kritik gegeben, weil Karliczek aus dem nahe gelegenen Ibbenbüren kommt, außerdem soll sie sich Berichten zufolge über den Rat einer Expertenkommission hinweggesetzt haben, die einen anderen Standort empfohlen haben soll.

Das Ziel: Besser zu werden als die Hersteller aus Fernost

Wenn es beim Standort Münster bleibt - was steht im Fokus der Wissenschaftler? "In der Forschungsfertigung Batteriezelle werden wir zusammen mit der Industrie neue Fertigungskonzepte und -verfahren für Lithium-Ionen-Batteriezellen entwickeln und diese dort in einer Produktionslinie in großem Maßstab erproben", erklärt Kai-Christian Möller, stellvertretender Sprecher der Fraunhofer-Allianz Batterien.

Zu den Herstellern aus Fernost aufzuschließen, genügt den Wissenschaftlern aber nicht - sie sollen überholt werden, so lautet das Ziel. So wollen die Forscher beispielsweise den Energieaufwand bei der Produktion der Zellen deutlich reduzieren. Das verbessert die Klimabilanz der Batterien und spart Kosten.

Ein möglicher Ansatzpunkt dafür ist die Beschichtung der Elektroden, die für den Stromfluss in der Batteriezelle sorgen. "Derzeit werden nassbeschichtete Elektroden verwendet. Deren Trocknung verschlingt jedoch viel Energie und Zeit", erläutert Möller. Mit einer trockenen Beschichtung könnte man sich diesen Prozess sparen. "Die Frage ist nur: Wie bringt man eine dünne, trockene Schicht auf den metallischen Träger auf? Wenn wir hier in der Forschungsfertigung ein praktikables Verfahren finden, sind wir den asiatischen Herstellern voraus."

Dabei hat Möller keine große Sorge, dass Know-how zur Konkurrenz in Fernost abfließt. "Wir stellen das über entsprechende rechtliche Regelungen sicher, die bei der Verwertung von Schutzrechten, bei Patenten und Intellectual-Property-Themen grundsätzlich bei Fraunhofer-Industrieprojekten Anwendung finden", erklärt er.

Deutsche Autobauer bereiten eigene Zellfertigung vor

Doch auch unabhängig von der Musterfabrik bereiten sich heimische Unternehmen darauf vor, eine eigene Zellfertigung aufzubauen. So will VW zusammen mit dem schwedischen Unternehmen Northvolt in Salzgitter Batteriezellen herstellen. Opel/Peugeot hegt ähnliche Pläne.

VW zufolge beschäftigen sich heute bereits 200 Forscher und Entwickler des Unternehmens in Salzgitter mit Batteriezellen. Wozu braucht es da noch eine mit vielen Millionen Euro Steuergeld finanzierte Forschungsfertigung in Münster? "Was derzeit in der Zellproduktion aufgebaut wird, ist Stand der Technik", sagt Fraunhofer-Forscher Möller. "Wir werden uns jedoch mit den Fertigungsverfahren von morgen und übermorgen beschäftigen. Wer diese nutzt, wird einen echten Wettbewerbsvorteil bekommen."

"Besser, als das Rad noch einmal zu erfinden"

Allerdings entwickeln natürlich auch die asiatischen Hersteller ihre Produktionsverfahren stetig weiter. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen ist daher skeptisch, ob die Fabrik in Münster deutschen Herstellern tatsächlich einen Vorsprung verschaffen kann. "Ich glaube nicht, dass sich in der Forschungsfertigung neue Erkenntnisse gewinnen lassen, die sich nicht auch die großen, etablierten Hersteller aus Fernost erarbeiten können", sagt Dudenhöffer.

Er hält die Bedeutung einer Zellfertigung in Deutschland ohnehin für überschätzt. "Es gibt genug Anbieter im Markt, die das sehr gut können. Da sie in Konkurrenz zueinander stehen, sehe ich hier auch keine Abhängigkeiten", erklärt der Autoexperte.

Stattdessen plädiert Dudenhöffer dafür, die Forschung auf die Entwicklung neuer Batteriekonzepte und -materialien  sowie auf das Recycling ausgedienter Akkus zu fokussieren - Themen, mit denen sich Wissenschaftler hierzulande derzeit ebenfalls intensiv beschäftigen. "Forschungsgelder sollten dort investiert werden, wo sie im Wettbewerb tatsächlich einen Vorteil versprechen", erklärt er. "Das ist viel sinnvoller, als das Rad noch einmal zu erfinden."

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