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Nano-Forschung im Film Männer, die auf Dinge starren

Von wegen unsichtbar: Wenn Nano-Forscher auf Filmregisseure treffen, dann werden winzig kleine Partikel zu großen Stars. Das Filmfestival "Nanospots" soll auch einem Forschungszweig zu mehr Anerkennung verhelfen, der ein gewisses Imageproblem hat.

Wie ein durchschnittlicher Filmstar sieht Thomas Höche nicht aus. Das muss er auch nicht. Schließlich wird der freundliche Mittvierziger mit dem langsam schwindenden Haar nicht fürs Darstellen bezahlt, sondern fürs Forschen. Normalerweise jedenfalls. Dann befasst sich der Physiker am Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik in Halle mit Nano-Materialien - zum Beispiel mit der Frage, wie sich verschiedene Werkstoffe auf kleinstem Raum miteinander verbinden lassen.

Doch heute steht Höche zur Abwechslung vor der Kamera, ein Filmteam sieht ihm bei der Arbeit zu. Es geht um einen Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Filmfestivals "Nanospots" . Dabei befassen sich namhafte Regisseure mit Themen aus der Nano-Wissenschaft. Es ist auch ein Versuch, dem Forschungsgebiet zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung zu verhelfen. Schließlich denken viele Menschen beim Stichwort "Nano" nicht zuletzt auch an die Gefahren, die durch die Freisetzung der winzig kleinen Partikel in der Umwelt entstehen könnten.

Der Wettbewerb soll dabei helfen, das zu ändern - in dem er Nano-Forschung begreifbar macht. "Was man nicht sehen kann, davor hat man Angst", sagt auch Ralf Wehrspohn. Der Physiker hat einen Lehrstuhl an der Universität Halle und leitet das Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik. Außerdem ist er Vorstand der Gesellschaft für Wissenschaftskommunikation science2public. Und die organisiert den Filmwettbewerb, unterstützt unter anderem von der Volkswagen-Stiftung. Bis zum 10. Juni können Interessenten noch Filme einsenden, die Sieger werden Ende des Monats gekürt.

Heute dreht Regisseur Robert Lacroix in Halle seinen Beitrag. Normalerweise setzt er für Werbefilme Produkte von Hautcreme bis Bier in Szene, arbeitet aber auch für TV-Produktionen wie "Tatort" oder "Polizeiruf 110". Doch für den Nano-Spot sind nun keine Models oder Fernsehkommissare die Hauptdarsteller, sondern Forscher Höche und seine Mini-Partikel.

Die Realität wird inszeniert

Im Film geht um eine Anwendung der Nano-Technologie, die bisher wohl nur die wenigsten als solche kannten: "Wir befassen uns mit der Frage, wie handelsübliche Glaskeramik-Kochfelder mit den großen Temperaturunterschieden klarkommen", erklärt der Wissenschaftler. Unter dem Topf sind es 700 Grad, daneben nur etwa 100. Warum zerspringt das Kochfeld da nicht?

Natürlich hat die Antwort mit Nano-Materialien zu tun. Um das zu belegen, sind Höche und das Filmteam in einen hohen, fensterlosen Raum im Laborgebäude des Instituts gezogen. In seiner Mitte steht ein ungefähr vier Meter hoher grauer Kasten - ein Transmissions-Elektronenmikroskop, das Abbildungen und sogar chemische Analysen auf atomarer Ebene möglich macht.

Untersucht wird heute eine Probe eines alten Ceran-Kochfeldes. Das hat ein netter Helfer noch am Morgen vom Recyclinghof der Stadtwerke Halle geholt. Nun durchleuchtet ein Elektronenstrahl ein extrem dünn geschliffenes Bruchstück davon. Die Untersuchung muss im Vakuum erfolgen - deshalb ist das Mikroskop in seinem klobigen Kasten untergebracht.

Drei Scheinwerfer lassen das Labor leuchten. Einer davon, mit blauem Filter, sorgt dafür, dass die Apparatur angemessen Science-Fiction-mäßig daherkommt. Außerdem hat der Wissenschaftler den Anzug, den er sonst im Büro anhätte, gegen einen Laborkittel eingetauscht. Das sieht ebenfalls deutlich forschermäßiger aus. Man muss die Realität auch ein wenig inszenieren - damit der Zuschauer mehr zu sehen bekommt als nur Männer, die auf Dinge starren.

"Denken Sie nur an die vielen iPads"

Im Glas der Probe sind kleine Kügelchen verteilt, die sich bei Hitze zusammenziehen. Und tatsächlich: Auf den Bildern des Mikroskops lassen sich diese wenige Nanometer großen Sphären aus Lithium-Aluminium-Silikat gut erkennen. Sie sind bei der gezielten Wärmebehandlung des Glases entstanden.

Im Prinzip ist die Glaskeramik schon seit Jahrzehnten bekannt. Doch erst seit kurzem verstehen Forscher auch die Prozesse, die dem Werkstoff seine praktischen Eigenschaften verleihen. Denn wer würde schon beim Brutzeln in der heimischen Küche einen Regen aus Glassplittern riskieren wollen? Und auch die Spiegel von Weltraumteleskopen oder Belichtungsmaschinen für Computerchips profitieren davon, dass das Material selbst bei größeren Temperaturänderungen nicht aus der Form gerät.

Der Nano-Spot soll all das thematisieren - um Menschen für die Anwendung der Forschung zu begeistern. Denn dass ihnen eine generelle gesellschaftliche Abneigung gegen Technik das Leben schwer machen würde, das sehen die Forscher nicht. Institutschef Wehrspohn: "Im Grundsatz sind die Leute doch technikfreundlich. Denken Sie nur an die vielen iPads und ähnliches."

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