Navigation des Kreuzfahrtschiffes Experten rätseln über Unglücksursache

Sie ist erst seit fünf Jahren im Dienst und mit den modernsten Navigationssystemen ausgestattet - trotzdem lief die "Costa Concordia" auf Grund. Experten rätseln, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Kapitän massives Fehlverhalten vor.

Von Cinthia Briseño


Hamburg - In eleganter Abendgarderobe sitzen Passagiere am Freitagabend an einer festlich gedeckten Tafel beim Captain's Dinner. Für manche Passagiere ist es der letzte Abend der einwöchigen Mittelmeer-Kreuzfahrt, die sie zuvor schon nach Marseille, Barcelona, Palma de Mallorca und Palermo gebracht hatte. Der andere Teil der Passagiere war kurz zuvor am Hafen von Civitavecchia erstmals an Bord gegangen. Auch sie dinieren in einem der fünf Bordrestaurants in freudiger Erwartung auf die noch bevorstehende Luxusreise.

Es ist gegen 21.45 Uhr als ein großer Knall ertönt und die Lichter plötzlich ausgehen. Offenbar hat das riesige Schiff einen Felsen gerammt. Er reißt ein mehr als fünfzig Meter langes Loch in den Rumpf. Wasser dringt ein, binnen kurzer Zeit neigt sich das Schiff zur Seite, Teller und Gläser klirren zu Boden. Panik bricht aus, überall rennen die Menschen los, versuchen auf die Außendecks zu gelangen. Später werden viele der Passagiere davon sprechen, dass sie sich an Szenen eines "Titanic"-Films erinnert fühlten.

Doch wie kann es passieren, dass eines der modernsten und größten Kreuzfahrtschiffe, das derzeit auf dem Mittelmeer unterwegs ist, in dem bestens bekannten Gebiet auf Grund läuft?

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Unglück der "Costa Concordia": Die Retter kämpfen gegen die Zeit
Nach ersten Ermittlungen zur Havarie des Kreuzfahrtschiffs hat die italienische Staatsanwaltschaft dem 52-jährigen Kapitän Francesco Schettino massives Fehlverhalten vorgeworfen. Schettino habe das Schiff lange vor dem Abschluss der großen Evakuierungsaktion verlassen, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio am Sonntag im Sender SkyTG24. Schettino, der aus Meta die Sorrento in der Nähe von Neapel kommt, gilt als erfahrener Kapitän. Seit elf Jahren bereits führt er das Kommando auf Costa-Kreuzfahrtschiffen.

Befragt zu möglichen Fehlern der Besatzung bei der Rettung der Passagiere sagte Verusio, es sei vor allem die Schiffsleitung, die nicht funktioniert habe. Außer Schettino wurde auch der Erste Offizier Ciro Ambrosio vorerst festgenommen.

Es sei offenkundig, dass der Kapitän die Evakuierung nicht abwartete. Nach einigen Berichten war Schettino schon fünf Stunden vorher, um 0.30 Uhr, an Land. Zu diesem Zeitpunkt versuchten noch zahlreiche Passagiere und Teile der Besatzung, das sinkende Schiff zu verlassen. Der Kapitän, so Verusio, habe es außerdem versäumt, die Hafenkommandantur in Livorno rechtzeitig darüber zu informieren, was an Bord geschieht.

Schettino wird sich voraussichtlich wegen fahrlässiger Tötung und Verlassen seines Schiffes verantworten müssen. Doch bisher bestreitet der Kapitän die Vorwürfe. Auch die amerikanisch-italienische Reederei Costa Crociere, die Tochter des Branchenriesen Carnival ist, wird sich der Frage stellen müssen, wie es zu diesem Schiffsunglück kommen konnte und was der Auslöser dafür war.

Haben die modernen Navigationssysteme versagt?

Die Flotte der Reederei umfasst derzeit 15 Schiffe. Für Experten ist es bisher ein Rätsel, wie die "Costa Concordia" auf Grund laufen konnte. Das Megaschiff mit 14 Decks, auf denen ein Kino, ein Theater, ein riesiger Thermenbereich, verschiedene Bars und Discotheken sowie ein Casino Platz finden, wurde von der italienischen Werft erst 2006 in den Dienst gestellt - und besitzt somit eines der modernsten Navigations- und Sicherheitssysteme.

Derzeit stellt sich die Frage: Warum nahm das Schiff eine Route zwischen den kleinen Inseln rund um Giglio - anstatt westlich an den Inseln vorbeizufahren? Auch darauf wird die Costa Crociere eine Antwort geben müssen. Der Kurs des Luxusliners sei eindeutig "nicht richtig" gewesen, sagte der Staatsanwalt. Der Kapitän habe sich selbst auf der Brücke befunden und sei daher voll verantwortlich für die Navigation.

In italienischen Medien wurde Schettino bereits am Freitagabend mit der Aussage zitiert, dass der Felsen, auf den das Schiff rammte, nicht in den Navigationskarten eingezeichnet gewesen sei. Doch örtliche Fischer sagen, dass die Küste vor der Insel Giglio für ihren felsigen Untergrund bekannt sei. Eine Tatsache, von der auch die allesamt italienischen Offiziere auf dem Schiff vermutlich gewusst haben müssen.

Wie der Kapitän angab, habe er sich den Seekarten zufolge in tiefem Gewässer befunden. Doch auch darüber gibt es widersprüchliche Aussagen: Zum Zeitpunkt des Aufpralls soll sich das Schiff nach Angaben von Behörden bereits bis zu vier Meilen abseits des gewöhnlichen Kurses befunden haben. Zudem habe das Schiff die Insel Giglio nicht auf der sonst üblichen Route angefahren.

Derzeit wird auch darüber spekuliert, ob möglicherweise ein Stromausfall die ursprüngliche Ursache für das Unglück gewesen sein könnte. In einem Bericht der "Huffington Post" wird der Schifffahrtexperte und Redakteur bei IHS Fairplay, Malcom Latarche zitiert. Dieser glaubt, dass ein Stromausfall dazu geführt haben könnte, dass das Navigationssystem der "Costa Concordia" ausfiel und das Schiff so möglicherweise vom Kurs abkam.

Technischer Defekt kann nicht ausgeschlossen werden

Auf der "Costa Concordia" könnte es Latarche zufolge einem ähnlichen Vorfall gekommen sein wie im September 2010 auf dem Kreuzfahrtschiff "Queen Mary 2", als dort kurz vor Barcelona die Lichter ausgingen. Eine Störung habe zu einer Fehlfunktion bei den Generatoren geführt, die die Motoren des Schiffes versorgten.

Sollte auf der "Costa Concordia" ähnliches passiert sein, und die Sicherheitssysteme hätten versagt, sei es möglich, dass das Schiff nicht mehr zu steuern gewesen und vom Kurs abgekommen sei. "Das System muss neu gestartet werden. Die meisten dieser Systeme haben ein automatisches Back-up, aber es braucht Zeit, bis dieses angeht. Der Grund könnte aber auch ein ganz anderer sein."

Doch noch gibt es keine gesicherten Auskünfte darüber, warum der Strom auf der "Costa Concordia" ausfiel: War es eine Folge des Auflaufens auf Grund? Oder gab es bereits zuvor Probleme mit der Stromversorgung? Bisher könne man einen technischen Defekt als Unfallursache nicht ausschließen, melden die Behörden. Diese teilten nach Angaben von CNN zudem mit, dass Schettino nicht unmittelbar nach dem Unfall einen "Mayday"-Ruf ausgesandt habe, sondern zunächst mit der Küstenwache Kontakt aufnahm, als die Rettungsmaßnahmen an Bord bereit in Gang waren.

Von der "Costa Concordia" gibt es insgesamt fünf Schwesterschiffe: Die "Costa Serena" (2007) und die "Costa Pacifica" (2009) sowie de "Carnival Splendor" (2008) sind weitestgehend baugleich. Auf der "Carnival Splendor" war im November 2010 ein Feuer im Maschinenraum ausgebrochen, als es entlang der US-Westküste fuhr. Dadurch wurde das Schiff manövrierunfähig - Verletzte gab es damals nicht.

Die neuesten, aber nicht baugleichen, Schiffe der Concordia-Klasse von Costa Crociere sind die "Costa Favolosa", die erst letztes Jahr in den Dienst gestellt wurde, und die "Costa Fascinosa" (2010). Jetzt wird sich zwangsläufig die Frage nach der Sicherheit dieser Schiffe stellen - und der Carnival-Konzern wird entscheiden müssen, was mit den fünf Schiffen geschehen soll.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war der Abfahrtshafen der "Costa Concordia" falsch angegeben. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Material von dpa

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