Technische Details zur Hwasong-17 Nordkoreas Langstreckenrakete könnte fast alle Länder erreichen

Nordkorea hat mit seinem jüngsten Raketentest seine Nachbarn und den Westen alarmiert. Experten trauen Hwasong-17 sogar zu, die US-Raketenabwehr auszutricksen.
Globale Bedrohung: Von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur verbreitetes Bild vom Abschuss der Rakete Hwasong-17 am Donnerstag

Globale Bedrohung: Von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur verbreitetes Bild vom Abschuss der Rakete Hwasong-17 am Donnerstag

Foto: KCNA / KNS / AP

Am Donnerstag feuerte das nordkoreanische Militär in einem Test eine neue Langstreckenrakete namens Hwasong-17 ab. Staatschef Kim Jong Un erklärte, dies solle die Macht seiner nuklearen Streitkraft demonstrieren und die USA vor jeder militärischen Bewegung gegen Nordkorea abschrecken.

Es war der erste große Test einer interkontinentalen ballistischen Rakete seit 2017. Im Februar gab es zwei Starts , die nach Einschätzung von US-Regierungsvertretern vorläufige Übungen der Hwasong-17 waren.

Die jetzt erfolgte Wiederaufnahme der Tests bringt den Staat nach Ansicht von Experten dem Ziel nahe, jeden Ort in den USA mit mehreren Atomsprengköpfen angreifen zu können.

Mit einer Reichweite von nach Angaben der japanischen Regierung wahrscheinlich mehr als 15.000 Kilometern könnte die Rakete von Nordkorea aus theoretisch Landziele überall auf der Erde erreichen, mit Ausnahme einiger weniger Länder in Südamerika und Teilen der Antarktis.

Mehrere Sprengköpfe, um die Abwehr zu verwirren

Diese Reichweite und die massive Größe der Raketen legen laut von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Experten nahe, dass Nordkorea an Techniken arbeite, die eine Bestückung mit mehreren nuklearen Sprengköpfen erlaube. Diese könnten mehrere Ziele zugleich treffen oder Täuschkörper darstellen, um die Flugabwehr zu verwirren. Die kleinere Langstreckenrakete Hwasong-15, die 2017 getestet wurde, könnte bezogen auf die Reichweite wohl bereits jedes Ziel in den USA treffen, aber nicht so eine hohe Last tragen.

»Da es kaum gute Ziele in größerer Entfernung gibt, geht es mit dieser Rakete wahrscheinlich darum, mehr Gewicht zu tragen – in Form mehrerer nuklearer Sprengköpfe«, sagte die Forscherin Melissa Hanham vom Center for International Security and Cooperation an der kalifornischen Stanford University. »Dies macht es noch schwerer, die US-Raketenabwehr zu sichern«, so Hanham zu Reuters.

Neben anderen neuen Waffen wie Hyperschallwaffen, kleinen Atomsprengköpfen und Drohnen, hat Nordkoreas Staatsführer Kim Jong Un die Ausrüstung von 15.000-Kilometer-Langstreckenraketen mit mehreren Atomsprengköpfen zum Ziel ausgerufen.

»Die Arithmetik der Offensive wird bald zugunsten der Nordkoreaner ausfallen«

Ankit Panda, Carnegie Endowment for International Peace

»Die Arithmetik der Offensive wird bald zugunsten der Nordkoreaner ausfallen«, sagte Ankit Panda vom Carnegie Endowment for International Peace. »Sie werden wohl mit den Fortschritten der amerikanischen Abwehr mithalten können.«

US-Regierungsvertreter warnten bereits vor solchen Entwicklungen. Im vergangenen Jahr wurden die Rüstungskonzerne Lockheed Martin und Northrop Grumman ausgewählt, um miteinander in einen Wettbewerb für eine Raketenabwehr der nächsten Generation (Next Generation Interceptor, NGI) zu treten. Dieses solle Geschosse sogenannter Schurkenstaaten wie Nordkorea oder Iran abschießen können, sagte Thomas Karako, Leiter des Missile Defense Project am Center for Strategic and International Studies (CSIS).

»Dies gibt Nordkorea mehr Optionen«, sagte er über Hwasong-17. Die längere Reichweite könne dem Staat erlauben, über indirekte Flugrouten auf die USA zu zielen und damit womöglich die Abwehr zu verwirren.

Ein Minimum an glaubwürdiger Abschreckung

Der neu gewählte südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol hat angekündigt, die Raketenabwehr gegen die Waffen des Nordens zu verstärken. Ihm zufolge sei die Entwicklung einer Fähigkeit zum Erstschlag wohl das einzige Mittel, um einen Raketenangriff zu verhindern.

Die »angehobenen« Raketentests Nordkoreas, mit denen die Raketen hoch in den Weltraum geschossen werden statt weit über die Erde, enthüllen einige Elemente des Systems wie den Schub der Raketentriebwerke oder die Anordnung der Raketenstufen. Andere Aspekte ließen sich in solchen Tests schlechter überprüfen, sagte Joseph Dempsey, Militärforscher am International Institute for Strategic Studies. Als Beispiele nannte er die Treffsicherheit oder die Beständigkeit der Raketenteile, die nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre Sprengköpfe zum Ziel tragen würden.

»Normalerweise macht man Dutzende Tests in verschiedenem Umfang über ein volles Spektrum von Betriebseigenschaften, bevor ein System akzeptiert, in Serie produziert und in Dienst gestellt wird«, sagte er. Nordkorea sei in seiner Fähigkeit zu Langstreckentests diplomatisch und geografisch beschränkt. »Aber selbst begrenzte, erfolgreiche Tests können ein ausreichendes Minimum an glaubwürdiger Abschreckung liefern.«

Senkrecht abgefeuert

So setzen die angehobenen Tests die Wiedereintrittsstufen einer viel größeren Hitze und Belastung aus als mit einer normalen Flugbahn für einen echten Angriff. Das bedeute, dass sie absichtlich schlechter bestehen und weniger gut wirken als geplant. Nordkorea teilte mit, die Rakete sei am Donnerstag »im vertikalen Modus« abgefeuert worden, um die Sicherheit der Nachbarstaaten zu garantieren.

Rachel Minyoung Lee vom 38 North Programme in Washington, das Nordkorea beobachtet, sagte: Pjöngjangs Ziel scheine zu sein, mehr Druckpotenzial aufzubauen. Internationale Gespräche zur atomaren Entwaffnung des Landes könnten dann in Gespräche zum bloßen Abbau der nuklearen Streitmacht umgewandelt werden. »Die Botschaft von Nordkoreas Mitteilung zum gestrigen Langstreckentest ist klar: Nordkorea wird sein Atomwaffenarsenal weiterentwickeln«, sagte sie.

Premiere für Raketenstart-Lastwagen

Der Start am Donnerstag zeigte erstmals, dass die Hwasong-17 von einem großen Transport-, Hebe- und Startgefährt mit elf Achsen abgefeuert wurde. Frühere nordkoreanische Langstreckenraketen wurden zwar mit solchen Fahrzeugen zum Abschussort gebracht und angehoben, starteten dann aber von separaten Plattformen. Die Lastwagen machen es leichter, die Raketen bis zur Startvorbereitung zu verbergen. Ankit Panda sagte jedoch, die Hwasong-17 sei so groß, dass der praktische Nutzen dieses Systems ernsthaft infrage stehe.

Risiko eingegangen: Kim Jong Un inspiziert am Donnerstag das mobile Abschusssystem mit der Langstreckenrakete Hwasong-17

Risiko eingegangen: Kim Jong Un inspiziert am Donnerstag das mobile Abschusssystem mit der Langstreckenrakete Hwasong-17

Foto: KCNA / KNS / AP

»Es gibt einen Grund, warum kein anderes Land jemals entschieden hat, eine so große Rakete mit Flüssigtreibstoff auf einer straßentauglichen mobilen Startrampe einzusetzen«, sagte Panda. »Es ist unsicher und für den Einsatz unpraktisch.« Nordkorea scheine aber das Risiko zu akzeptieren. »Ein Silo, das für eine Rakete von dieser Größe mehr Sinn ergeben würde, wäre für die Nordkoreaner strategisch schlechter, weil es anfällig für präventive Angriffe ist.«

Der nächste Schritt für Nordkorea sei, Raketen mit Festtreibstoffen zu entwickeln. Diese wären stabiler und könnten fast ohne Vorwarnung oder Vorbereitungszeit abgefeuert werden.

ak/Reuters
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