Nordkoreas Militär Schwächelnder Riese mit nuklearer Keule

Nordkoreas Langzeit-Diktator Kim Jong Il ist tot, Asien fürchtet eine Destabilisierung der Region. Ein größerer militärischer Konflikt erscheint aber höchst unwahrscheinlich: Pjöngjang ist für eine Offensive zu schwach, zugleich aber wegen seiner Atomwaffen kaum angreifbar.

AP/ DoD

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Der Untergang der "Cheonan" war ein Rätsel: Wochenlang war unklar, warum die moderne südkoreanische Korvette gesunken war und 46 Seeleute in den Tod gerissen hatte. Ende Mai 2010, zwei Monate nach der Havarie, stellte ein internationales Expertenteam das Ergebnis seiner Untersuchung vor: Die "Cheonan" - 88 Meter lang, 32 Knoten schnell, bewaffnet mit Anti-Schiffs-Raketen, Seegeschützen und Wasserbomben - wurde offenbar von einem kleinen U-Boot versenkt. Der Torpedo hatte die Korvette glatt in zwei Teile gesprengt.

Reste des Geschosses, aufgelesen von Tauchern, entsprachen nach Meinung der Experten exakt den technischen Details des nordkoreanischen Torpedos vom Typ CHT-02D, den Pjöngjang ins Ausland verkaufe.

Ein nordkoreanisches Mini-U-Boot, das eine moderne Korvette versenkt? Die Nachricht entsprach so gar nicht dem verbreiteten Bild der zahlenmäßig vielleicht großen, aber technologisch hoffnungslos rückständigen Armee Nordkoreas. Und es machte auf tragische Weise deutlich, dass das Regime in Pjöngjang zwar kaum das eigene Volk ernähren, äußeren Gegnern aber enormen Schaden zufügen kann.

Eine der größten Armeen der Welt

Die Koreanische Volksarmee verfügt nach unterschiedlichen Schätzungen über rund 1,1 Millionen Mann, hinzu kommen fast fünf Millionen Reservisten - und das bei einer Gesamtbevölkerung von nur 24 Millionen Menschen. In keinem anderen Land ist der Anteil von Soldaten an der Bevölkerung auch nur annähernd so groß.

Mit dieser Masse versucht die Koreanische Volksarmee ihre technologische Unterlegenheit auszugleichen, und die ist beachtlich. So ist der modernste Kampfjet der nordkoreanischen Luftwaffe die MiG-29, die Ende der siebziger Jahre in der Sowjetunion entwickelt wurde. Andere Flugzeuge Nordkoreas - etwa die MiG-23 und -21, Su-28 oder Iljuschin-28 - stammen gar aus den sechziger oder fünfziger Jahren. Gegen die in Südkorea stationierten US-Kampfjets wären sie weitgehend chancenlos. Auch Landstreitkräfte und Marine leiden wegen Geldmangels und internationaler Waffenembargos unter chronischem Ersatzteil-, Treibstoff- und Munitionsmangel. Viele Einheiten gelten deshalb als schlecht trainiert und nur bedingt einsatzfähig.

Dennoch gelingt es Nordkorea immer wieder, mit seinen Waffen international Aufsehen zu erregen. Bei einer Militärparade anlässlich des 65-jährigen Bestehens der Kommunistischen Partei führte das Regime im Oktober 2010 eine Reihe neuer Systeme vor. Eine Boden-Luft-Rakete etwa bezeichnete der Rüstungsfachverlag "Jane's" als "bedeutende Erweiterung der nordkoreanischen Luftverteidigungs-Fähigkeiten".

Bei der Parade wurde auch eine ballistische Rakete erstmals vorgeführt, die von einem Lkw abgeschossen werden kann und eine Reichweite von bis zu 4000 Kilometern besitzen soll. Zudem arbeitet Nordkorea seit Jahren an der Interkontinentalrakete Taepodong-2. Angaben über die Reichweite sind eher spekulativ, sie soll aber bei mindestens 6700 Kilometern liegen. Im Mai 2009 hat Pjöngjang nach eigenen Angaben einen Kommunikationssatelliten mit einer Taepodong-2 ins All geschossen.

Gefahr durch ballistische Raketen und Atombomben

Die ballistischen Raketen haben das größte politische Gewicht in Nordkoreas Arsenal, nur übertroffen von den Atomwaffen des Landes. Im Oktober 2006 hat Pjöngjang eine nukleare Bombe getestet - die Explosion fiel aber so schwach aus, dass sie theoretisch auch mit konventionellem Sprengstoff erfolgt sein könnte. Im Mai 2009 kam es zu einem weiteren Kernwaffentest. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einer Sprengkraft von zehn bis 20 Kilotonnen TNT, was in etwa der Hiroshima-Bombe entspräche.

Eine Atomwaffe so kompakt zu konstruieren, dass sie auf eine Rakete passt, ist eine große technische Herausforderung - und von diesem Ziel dürfte Nordkorea noch Jahre entfernt sein. Dennoch gilt das Nuklearprogramm als enorme Gefahr, nicht zuletzt wegen der Gefahr der Verbreitung der Technologie, sei es durch gezielten Verkauf oder durch Diebstahl.

Eines hat Nordkorea mit der Entwicklung der Atombombe allerdings schon jetzt erreicht: Es ist militärisch praktisch unangreifbar, und es gilt als äußerst unwahrscheinlich, dass das Regime diesen Trumpf freiwillig aus der Hand gibt. Erst Ende Oktober hatten sich Vertreter der USA und Nordkoreas in Genf zu Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm getroffen. Ob und wie sie nun nach der Machtübernahme von Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un weitergehen, ist offen.

Der Test einer Kurzstreckenrakete, der kurz nach Kim Jong Ils Tod erfolgt sein soll, hatte zunächst keine weiteren Folgen. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap zitierte zwei Offiziere des Landes mit der Aussage, dass ein Test - sollte er denn stattgefunden haben - eher Teil einer Routineübung gewesen wäre und nichts mit dem Tod des Diktators zu tun gehabt hätte.

Doch ob Kim Jong Un auf Provokationen dieser Art künftig verzichten wird, ist fraglich. Beobachter befürchten, dass der neue Machthaber - der noch keine 30 Jahre alt sein soll - versuchen könnte, seine Position mit militärischen Muskelspielen abzusichern. "Das wahrscheinlichste Szenario für einen Zusammenbruch des Regimes war immer der plötzliche Tod Kim Jong Ils", sagt Victor Cha, ehemaliger Asien-Direktor im Nationalen Sicherheitsrat der USA, der Nachrichtenagentur AP. "Und in diesem Szenario befinden wir uns jetzt."

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Seite 1
Marcus_XXL, 19.12.2011
1.
Zitat von sysopNordkoreas Langzeit-Diktator Kim Jong Il ist tot, Asien fürchtet eine Destabilisierung der Region. Ein größerer militärischer Konflikt erscheint aber höchst unwahrscheinlich: Pjöngjang ist für eine Offensive zu schwach, zugleich aber wegen seiner Atomwaffen kaum angreifbar. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,804682,00.html
Der Satz würde auch zu Russland oder den USA passen! ;-)
texas_star 19.12.2011
2. oder auch...
Zitat von Marcus_XXLDer Satz würde auch zu Russland oder den USA passen! ;-)
...frankreich, england, pakistan....
munch 19.12.2011
3.
Zitat von texas_star...frankreich, england, pakistan....
Frankreich und Großbritannien sind schon lange keine Riesen mehr. Anscheinend haben Sie es noch nicht bemerkt, aber es ist so. Und Pakistan war noch nie ein Riese.
rabenkrähe 19.12.2011
4. nene
Zitat von sysopNordkoreas Langzeit-Diktator Kim Jong Il ist tot, Asien fürchtet eine Destabilisierung der Region. Ein größerer militärischer Konflikt erscheint aber höchst unwahrscheinlich: Pjöngjang ist für eine Offensive zu schwach, zugleich aber wegen seiner Atomwaffen kaum angreifbar. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,804682,00.html
......... Was erstmal nebensächlich ist, denn es geht zunächst um die innenpolitische Situation, und da steht zu befürchten, daß sich das Militär, ähnlich wie in ÄGypten und viel schlimmer noch, dazu berufen fühlt, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Was dazu führen wird, daß es Otto NormalNordkoreaner noch schlechter gehen wird, als bisher. rabenkrähe
horstu 19.12.2011
5. MiG-29
Der SPIEGEL und Flugzeuge...hieß es vor ein paar Wochen noch, die vom Iran erbeutete US-Drohen erinnere an den Tarnkappenbomber "Stealth Bomber" (in Warheit war die B-2 gemeint), wird die nordkoreanische Luftwaffe nun auf ein paar vermeintlich altersschwache MiG-29 reduziert. Die hat zwar ein paar Jahre auf dem Buckel (Indienststellung 1983), das ist bei Kampfflugzeugen aber so üblich. Selbst die grösste und beste Luftwaffe der Welt, die der USA, hat erst vor kurzem begonnen, ihre Flugzeuge aus den Siebziger Jahren wie FA-18 und F-14 bis F-16 sukzessive durch neue Modelle auszutauschen. Diese Typen bilden selbst heute noch das Rückgrat in den Kriegen im Irak, in Afghanistan und Libyen. Die MiG-29 ist sogar noch fast ein Jahrzehnt neuer als die genannten, immer noch im Dienst befindlichen Flieger. Selbst die deutsche Luftwaffe fliegt noch über 100 Flugzeuge des Tornado von 1979.
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