Notoperation am Havariemeiler Meerwasser soll Atomkatastrophe verhindern

In Japan geht es in diesen Stunden um alles: Der Atommeiler Fukushima 1 droht zu überhitzen, auch in Anlage 3 ist das Kühlsystem ausgefallen. Falls mehr Radioaktivität entweicht, wären ganze Regionen verseucht. Der Betreiber pumpt nun Meerwasser in den Reaktor - vielleicht die letzte Chance.
Notoperation am Havariemeiler: Meerwasser soll Atomkatastrophe verhindern

Notoperation am Havariemeiler: Meerwasser soll Atomkatastrophe verhindern

Foto: HO/ REUTERS

Berlin - Der havarierte Atomreaktor 1 im japanischen Fukushima hält die Welt in Atem: Die Gebäudehülle aus Beton ist bei einer Explosion am Samstag eingestürzt. Zwar ist der darunter befindliche Sicherheitsbehälter, in dem sich auch der Druckbehälter mit den Brennstäben befindet, offenbar noch intakt. Die Gefahr ist aber noch lange nicht gebannt - im Gegenteil.

Nach dem schweren Erdbeben wurde der Reaktor per Schnellabschaltung heruntergefahren. Beim folgenden Tsunami fiel jedoch die Kühlung aus - mit der Folge, dass die Nachzerfallswärme nicht mehr abgeführt wird. Damit drohte akut eine Kernschmelze - und die Gefahr besteht nach wie vor, weil auch die Reserveaggregate für die Kühlung nicht funktionieren.

Womöglich ist die Kernschmelze sogar schon in Gang, dies hat die Atomsicherheitskommission zumindest gemutmaßt. Laut Nachrichtenagentur Kyodo räumte die Atomsicherheitskommission ein, dass der Reaktor teilweise geschmolzen sei - das wäre der erste Fall dieser Art in Japan.

Hinzu kommt, dass bei einem weiteren Reaktor das Kühlsystem ausgefallen ist. Wie ein Sprecher der Betreiberfirma Tepco am Sonntagmorgen mitteilte, versagten im Reaktor 3 alle technischen Vorkehrungen, um den nötigen Kühlwasserstand aufrecht zu erhalten. Es sei nun dringend nötig, einen Weg zu finden, um den Reaktor 3 mit Wasser zu versorgen, sagte ein Behördenvertreter auf einer Pressekonferenz. Tepco will radioaktiven Dampf aus dem Reaktor ablassen, um den Druck im Reaktor zu senken. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers haben die Vorbereitungen hierfür gegen 22.30 Uhr deutscher Zeit begonnen.

Fotostrecke

Evakuierung rund um AKW: Flucht vor den Strahlen

Foto: KIM KYUNG-HOON / REUTERS

Im Reaktor 1 wollen die japanische Regierung und Tepco das Hitzeproblem nun auf unkonventionelle Art lösen. "Wir haben beschlossen, dass der Reaktorbehälter mit Meerwasser gefüllt werden soll", sagte Regierungsmitglied Yukio Edano. Dabei solle Borsäure hinzugegeben werden, um die Gefahr einer Kettenreaktion zu verringern. Das Auffüllen, das inzwischen bereits begonnen hat, werde fünf bis zehn Stunden dauern, dürfte also, wenn alles glatt geht, am Sonntag beendet sein. Der gesamte Abkühlungsprozess soll nach Yukios Angaben zehn Tage dauern. Danach dürfte die Gefahr einer Kernschmelze gebannt sein.

Ralf Güldner, der Präsident des Deutschen Atomforums, begrüßte den Plan. "Die entscheidende Frage ist: Kann man die Nachzerfallswärme abführen? Da ist die Maßnahme, boriertes Wasser zuzuführen, richtig", sagte er im ZDF. Michael Sailer vom Freiburger Ökoinstitut sieht die Sache hingegen skeptisch. "Es gibt kein erfolgversprechendes Verfahren", sagte er im Fernsehsender Phoenix. "Wir sind jenseits von dem, was beherrschbar ist. Vielleicht nützt es was, vielleicht nützt es nichts."

Alternative zur herkömmlichen Schnellabschaltung

Mit Borsäure versetztes Wasser kann im Notfall dazu genutzt werden, einen Siedewassereaktor herunterzufahren. Normalerweise werden bei einer Schnellabschaltung Steuerstäbe in die Brennelemente eingefahren. Sie absorbieren einen Teil der bei der Kernspaltung freigesetzten Neutronen und unterbinden somit die weitere Kettenreaktion. Sollte es jedoch, aus welchen Gründen auch immer, Probleme beim Einfahren der Steuerstäbe geben, kann Borsäure das Schlimmste verhindern. Denn in Wasser gelöste Borsäure absorbiert ebenfalls Neutronen.

"In deutschen Reaktordruckbehältern befinden sich Stutzen, in die man notfalls Borwasser mit mobilen Pumpen einführen kann", sagte Henrik Paulitz von der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Diese Schnellabschaltung mit Wasser und Borsäure bildet ein zusätzliches Sicherheitssystem. Grundsätzlich werde Kühlwasser in Reaktoren immer mit Borsäure versetzt, erklärte Paulitz. Würde man Wasser pur einsetzten, bestünde die Gefahr, dass bei einem eigentlich abgeschalteten Reaktor wieder eine Kettenreaktion einsetzten könne. Offenbar solle dies auch beim Havariemeiler Fukushima 1 verhindert werden.

Geschmolzene Brennstäbe können sich ins Erdreich fressen

Unklar ist allerdings, ob der Kraftwerksbetreiber Tepco einfach das gesamte Containment - also den großen, noch intakten Sicherheitsbehälter - fluten will, oder ob das mit Borsäure versetzte Wasser nur in den Druckbehälter gefüllt wird. Im Druckbehälter befinden sich die Brennstäbe. Ebenfalls unklar ist, wie die nach wie vor permanent freigesetzte Wärme nach außen abgeführt werden soll. Das alleinige Auffüllen mit Wasser löst das Hitzeproblem jedenfalls kaum.

Wird die Kernschmelze nicht verhindert, dann fressen sich die Brennstäbe durch die Wand des Druckbehälters und gelangen so ins Containment. Dort kann Wasserstoff freigesetzt werden, der mit Sauerstoff ein hochexplosives Gemisch bildet. Bei möglichen Explosionen könnte das Containment zerstört werden - hochradioaktive Substanzen würden freigesetzt. Die geschmolzenen Brennstäbe können sich aber auch langsam nach unten ins Erdreich fressen. Irgendwann erreichen sie das Grundwasser und kontaminieren es.

Bei Greenpeace fürchtet man, dass neben der möglichen Kernschmelze in Reaktor 1 auch in einem weiteren Reaktor des gleichen Kraftwerks das gleiche passieren könnte. Fünf der zehn Reaktoren in den beiden Kraftwerken seien ohne Kühlung, sagte ein Sprecher unter Verweis auf Informationen aus der Krisenregion. Angesichts der Verkettung unterschiedlicher Ereignisse sei die Lage womöglich außer Kontrolle.

Mit Material von dpa
Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.