Null-Emissions-Report der IEA In Fünf-Jahres-Schritten in die Zukunft

Die Internationale Energieagentur IEA hat einen Stufenplan vorgelegt, wie das 1,5-Grad-Ziel bis 2050 erreicht werden kann. Wie sieht der Weg konkret aus? Welche Voraussetzungen braucht es? Und: Wie realistisch ist der Plan?
Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, muss die Weltgemeinschaft mehr Windkraft nutzen

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, muss die Weltgemeinschaft mehr Windkraft nutzen

Foto: Bloomberg / Getty Images

Die Gefahren der Klimakrise sind konkret. So konkret, dass eine Behörde, die noch vor 15 Jahren dazu aufgerufen hat, mehr Erdöl zu fördern, weil das Öl knapp wurde, nun einen Plan vorlegt, der das Gegenteil fordert: harte Einschnitte und den konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien. Kein Geld mehr für Kohle, kein Geld mehr für Gas – damit soll das 1,5-Grad-Ziel doch noch erreicht werden.

So steht es im weltweit ersten umfassenden Stufenplan für den globalen Energiesektor , den die Internationale Energieagentur (IEA)  veröffentlicht hat. Das Ziel: eine Netto-CO2-Neutralität bis zum Jahr 2050. Die notwendigen Maßnahmen – insgesamt mehr als 400 – staffelt die IEA in Fünf-Jahres-Intervallen.

Der aufgezeigte Pfad sei schmal, schreibt Fatih Birol, der Exekutivdirektor der IEA, auf Twitter . Doch das Ziel am Ende dieses Weges sei erreichbar – wenn Regierungen unverzüglich handelten.

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Aber: Sind die Forderungen der Internationalen Energieagentur auch umsetzbar? Kann uns der aufgezeigte Pfad rechtzeitig ans Ziel führen?

Christoph Bertram  ist Physiker und Politikwissenschaftler. Er arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, wo er das Team zur Internationalen Klimapolitik innerhalb der Energiesystemgruppe  leitet. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt er, was die Maßnahmen der IEA bezwecken. Und warum es jetzt losgehen muss.

2021

Ab sofort, so steht es im Plan der IEA, sollen keine neuen Kohlekraftwerke mehr zugelassen werden. Investitionen in Projekte zur Versorgung mit fossilen Brennstoffen soll es ebenfalls nicht mehr geben. Das bedeutet: keine neuen Kohleminen, keine neuen Erdgasförderstätten, keine neuen Erdölbohrungen. Die Ära der fossilen Energienutzung, sie könnte nicht nur zu Ende gehen, sie sollte es auch, kann man dem Plan der IEA entnehmen.

»Es geht darum, aus der Kohleverstromung auszusteigen, und zwar ab sofort«, sagt dazu auch Christoph Bertram. »Elektrifizierung auf Basis sauberen Stroms ist eine der Säulen für die Dekarbonisierung.«

2025

Vier Jahre noch, dann sollen keine Heizungsanlagen mehr verkauft werden, für die fossile Energieträger genutzt werden müssen. Ein wichtiger Schritt, findet Bertram: »Wer heute eine neue Gasheizung einbauen lässt, erhält dafür Förderung, weil das Heizen mit Gas weniger klimaschädlich ist als das Heizen mit Erdöl. Allerdings ist eine Gasheizung nur der halbe Schritt. Am Ende lohnt sich das nicht. Wo auch immer die direkte Elektrifizierung möglich ist, muss man den direkten Weg gehen.«

Heizen kann man auch mit Strom. Bisher ist das nur deutlich teurer. In Zukunft könnten auch Wärmepumpen  wichtiger werden: Dabei wird thermische Energie, also Wärme aus der Erde oder der Luft, in Heizungssystemen genutzt. In jedem zweiten Neubau, sagt Bertram, würden solche Pumpen mittlerweile verbaut.

2030

Für das Jahr 2030 setzt die IEA eine Reihe von Marken fest: Unter anderem sollen alle neugebauten Häuser energieeffizient sein: Sie müssen gut isoliert sein, sich klimaneutral heizen und kühlen lassen. Und auch bei der Beleuchtung darf kein zusätzliches CO₂ ausgestoßen werden.

Außerdem wird anvisiert, dass der Anteil von E-Autos an der Menge weltweit verkaufter Autos 60 Prozent erreicht.

Pro Jahr sollen zusätzlich 1020 Gigawatt an Wind- und Sonnenenergie zur Verfügung stehen. Dafür müssen neue Anlagen gebaut werden.

»Wissenschaftlich ist klar, dass die Kohleverstromung spätestens 2030 enden muss.«

Christoph Bertram

Und: Die Industrienationen müssen schrittweise den Ausstieg aus der Kohleenergie vorantreiben.

Bei diesem letzten Punkt sieht Bertram die Schwierigkeit, dass ihn nicht alle Staaten gleichermaßen umsetzen werden: »In China gibt es viele neue Kohlestromkraftwerke«, sagt er, »und eine sehr energiehungrige Industrie. Dort könnte es schwierig werden, die existierende Stromversorgung innerhalb von 20 Jahren komplett mit Strom aus erneuerbaren Energien zu ersetzen.«

Aber auch in Deutschland gebe es Anpassungsbedarf: »Einige der deutschen Politikziele stimmen nicht mit dem Pfad überein, den die IEA vorschlägt – der Kohleausstieg bis 2038 zum Beispiel: Wissenschaftlich ist klar, dass die Kohleverstromung in Industrieländern für das 1,5 Grad-Ziel spätestens 2030 enden muss«, sagt der Forscher.

2035

Wenn es nach der IEA geht, werden im Jahr 2035 mindestens 50 Prozent der verkauften Lastfahrzeuge elektrisch betrieben. Neuwagen mit Verbrennungsmotoren dürfen ab dann nicht mehr verkauft werden.

Darin sieht Bertram keine besonders große Schwierigkeit: »Die Forderungen der IEA zur Elektrifizierung von Pkw und Lkw sind relativ gut vereinbar mit den Zielen, die einige Automobilhersteller jetzt schon verfolgen.«

Außerdem sieht der Stufenplan vor, dass jährlich vier Gigatonnen CO₂ gebunden werden. Was bedeutet das genau? Das lasse der Bericht offen, sagt Bertram: »Eine wenig erprobte Technologie im Report der IEA ist die Verpressung von CO₂ unter der Erde. Das ist für mich die größte Unsicherheit. Was gut ist: Der Anteil, den die IEA einbezieht, ist nicht sehr hoch. Komplett ohne CCS, also ohne Carbon Capture and Storage, wird man es aber nicht schaffen.«

2040

Vom Jahr 2040 an sollen 50 Prozent aller Gebäude klimaeffizient sein, unabhängig davon, ob es sich um Alt- oder Neubauten handelt. »Den Bestand an Gebäuden zu sanieren, wird möglicherweise schwieriger«, sagt Bertram. »Für Neu- und Umbauten brauchen wir klare Richtlinien, und zwar jetzt. Dafür ist der CO₂-Preis wichtig, damit wir wissen, was in Zukunft zu erwarten ist.«

Außerdem, heißt es im Bericht der IEA, sollen 50 Prozent des Treibstoffs in der Luftfahrt emissionsarm sein. Verbleibende Kohlekraftwerke, die bis 2040 noch in Betrieb sind, müssen nachgerüstet werden.

2045

Jedes Jahr sollen von 2045 an 435 Megatonnen Wasserstoff zur Verfügung stehen. Wozu?

Klimakrise

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»Für Autos oder Heizungen brauchen wir Wasserstoff nicht, das geht direkt mit Strom«, erklärt Bertram. Wasserstoffbasierte Treibstoffe können in Bereichen eingesetzt werden, die nicht elektrifiziert werden können: für die Herstellung von Kosmetika, wo synthetische Öle als Schmierstoff gebraucht werden, für die Stahlherstellung oder als Flüssigtreibstoff im Flugverkehr«.

2050

Dann ist es geschafft.

Genauer gesagt: Dann könnte es geschafft sein.

Wenn alle Punkte, die die IEA auflistet, erfüllt werden, kommen im Jahr 2050 rund 70 Prozent der weltweiten Energie aus Windkraft- und Solaranlagen. Die CO₂-Emissionen aus dem Energiesektor gehen gegen null.

Wichtig sei es, sagt Bertram, bis dahin Regularien für die Stromverteilung zu schaffen: »Sonne und Wind sind dargebotsabhängig. Deshalb muss die Stromversorgung flexibler werden. Es können nicht alle gleichzeitig ihr E-Auto laden, nicht alle Wärmepumpen können gleichzeitig arbeiten.«

Kann das alles funktionieren?

Um die Etappen, die der Stufenplan aufzeigt, zu erreichen, müssen wir neue Technologien anwenden – wir müssen Flugzeuge mit Wasserstoff fliegen lassen, CO₂ unter den Meeren verstauen. »Wir brauchen große Innovationssprünge«, formuliert es der IEA-Chef Fatih Birol. 

Rechnen die Experten also mit Technologien, die vielleicht niemals zur Anwendung kommen werden? Fußt der Plan auf dem Wunschdenken, dass klugen Köpfen schon rechtzeitig etwas einfallen wird?

Dem widerspricht Bertram. Er sagt: »Wir müssen unterscheiden zwischen Kenntnisstand und Marktstand. Viele Technologien, die in den Report der IEA einfließen, kennen wir bereits. Wir wissen, dass sie funktionieren. Wir können sie nur noch nicht im großen Maßstab kaufen. Damit diese Technologien aus ihrer Nische herauskommen und auch preislich verfügbar sind, sind weitere Innovationen nötig.«

»Was wir jetzt brauchen, ist Planbarkeit. Und zwar durch CO₂-Preise«

Christoph Bertram

Und er fordert politische Anreize: »Was wir jetzt brauchen, ist Planbarkeit. Und zwar durch CO₂-Preise. Für die Industrie muss klar sein: Welche Technologien lohnen sich noch und welche nicht mehr? Dafür muss festgesetzt werden, wie sich der CO₂-Preis nach 2025 entwickelt. Der Report sieht für 2030 in Industrieländern einen Preis von circa 120 Euro pro Tonne CO₂ vor.«

All das heißt: Nicht alle Hindernisse auf dem Pfad in Richtung einer emissionsfreien Zukunft lassen sich jetzt schon ausräumen.

Aber: Der Stufenplan der IEA ist das Signal einer gemeinsamen Anstrengung. Und enthält wichtige Botschaften. Für Christoph Bertram ist die entscheidende: »Es gibt noch Wege, wie das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden kann. Und diese Wege können vorteilhaft sein: Sie könnten den Zugang zu Energie für alle sichern. Sie schaffen Arbeitsplätze. Und sie sind nicht teurer, im Gegenteil. Doch am Anfang braucht es dafür Investitionen. Die Politik muss dafür jetzt die Rahmenbedingungen setzen, am besten per planbarem CO2-Preis.«