Offshore-Fabriken Der Wasserstoff der Zukunft wird auf dem Meer erzeugt

Auch im neuen Konjunkturpaket setzt die Bundesregierung auf Wasserstoff, um den Klimaschutz voranzubringen. Neue Konzepte sollen die Energiefabriken aufs offene Meer bringen - angetrieben von Windenergie.
Tractebel-Konzept: Je weiter Windparks vom Festland entfernt sind, desto besser die Herstellungsbilanz von Wasserstoff

Tractebel-Konzept: Je weiter Windparks vom Festland entfernt sind, desto besser die Herstellungsbilanz von Wasserstoff

Foto:

Tractebel

Wie eine Ölbohrinsel thront die Plattform auf Stelzen über dem offenen Meer. Liefern könnte sie eines Tages keine fossile, sondern CO2-freie Energie: grünen Wasserstoff. Das Öko-Gas gilt als Allheilmittel für den Klimaschutz  – es soll Erdgas, Öl und Kohle ersetzen, in der Industrie und im Verkehr genauso wie in der Strom- und Wärmeversorgung.

Auf der parkhaushohen Plattform sind Elektrolyseure gestapelt, die Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Dazu brauchen sie Strom. Den liefern riesige Offshore-Windräder, die rund um die Anlage installiert sind. Damit ist der Wasserstoff klimaneutral. Tankschiffe oder Pipelines bringen ihn an Land.

Entwickelt hat das Konzept das deutsche Ingenieur-Unternehmen Tractebel, zusammen mit seiner Tochter Overdick. Noch existiert es allerdings nur auf dem Papier. Man sei jedoch mit verschiedenen Unternehmen im Gespräch, Pilotanlagen zu errichten, berichtet Tractebel-Projektingenieur Felix Knicker.

Sieben Milliarden Euro für Wasserstoff

Gut möglich, dass solche Anlagen schon in einigen Jahren mitten in Nord- und Ostsee Wasserstoff produzieren werden. Denn die Bundesregierung hat jetzt nach langer Verzögerung im Rahmen des Corona-Konjunkturpakets eine Wasserstoffinitiative beschlossen: Insgesamt sieben Milliarden Euro will sie für den Aufbau von Produktionsanlagen sowie für die Stimulation der Nachfrage nach dem grünen Gas bereitstellen.

Das sogenannte "Windenergie auf See-Gesetz" sieht vor, Flächen im Meer auszuweisen, auf denen kombinierte Windstrom-Wasserstoff-Projekte entstehen können. Mit der jetzt vom Kabinett beschlossenen Novelle des Gesetzes will die Bundesregierung das Ausweisen dieser Flächen vereinfachen.

Stetig starker Wind schafft gute Bedingungen für Elektrolyse

Windkraftanlagen auf See und Elektrolyseure – egal ob sie im Meer oder an der Küste installiert sind – passen bestens zusammen, sagt Heike Winkler. Sie ist Geschäftsführerin der WAB, ein Bündnis von Unternehmen und Forschungsinstituten der Offshore-Windindustrie. "Offshore-Windkraftanlagen laufen an sehr vielen Stunden im Jahr mit voller Leistung, da der Wind auf See deutlich stetiger und auch stärker weht als an Land. Deshalb können sie sehr viel Wasserstoff erzeugen", sagt Winkler.

Zwar ist der Bau und Betrieb von Elektrolyseuren auf See viel aufwendiger als an der Küste. Dafür spart man aber an anderer Stelle: "Die Mehrkosten einer Elektrolyse-Plattform auf See werden durch die vermiedenen Investitionskosten für die Stromnetzanbindung mehr als ausgeglichen", sagt Tractebel-Ingenieur Knicker. Je weiter die Windparks vom Festland entfernt sind, desto günstiger falle die Bilanz für die Elektrolyse auf dem Meer aus.

"Andere europäische Länder gehen schneller voran"

Allerdings ist die Elektrolyse im Meer wie auch an der Küste unter heutigen Bedingungen längst nicht wirtschaftlich. Das liegt unter anderem daran, dass Anlagenbetreiber für den eingesetzten Strom allerlei Abgaben und Umlagen bezahlen müssen.

Winkler fordert deshalb von der Bundesregierung, hier Entlastung zu schaffen. Die schwarz-rote Koalition hat das Problem erkannt: Im Konjunkturpaket heißt es, sie strebe an, den Strom für die Elektrolyse von der EEG-Umlage zu befreien. Darüber hinaus, so Winkler, benötigt die Branche aber auch eine klare Ansage der Politik, wie viel Wasserstoff bis 2030 und 2040 produziert werden soll. Denn angesichts des enormen Investitionsbedarfs brauche es Planungssicherheit.

"Andere europäische Länder gehen bei der Offshore-Elektrolyse viel schneller voran. Wenn wir in Deutschland nicht zügig einen starken Heimatmarkt aufbauen, können wir deren Vorsprung nicht wieder aufholen", sagt Winkler.

Künstliche Energie-Insel vor Dänemark

Deutlich weiter gediehen sind die Pläne etwa in den Niederlanden: Heimische Unternehmen wie Gasunie und Neptune Energy bereiten derzeit zusammen mit Partnern aus der Forschung den Bau einer kleinen Pilotanlage bei Scheveningen vor. Die Anlage wird auf einer ehemaligen Ölplattform errichtet, die 13 Kilometer von der Küste entfernt im Meer steht. Sie soll im kommenden Jahr in Betrieb gehen. Damit wäre sie die erste Offshore-Wasserstofffabrik der Welt.

Dänemark will gar bis 2030 in der Nordsee eine künstliche Insel schaffen, die als Stützpunkt für den Bau und Betrieb von Offshore-Windparks mit einer Leistung von zwei Gigawatt dienen soll. Das entspricht drei mittelgroßen Kohlekraftwerksblöcken.

Dort sollen Logistik-Einrichtungen sowie Konverterstationen für die Anbindung der Windräder ans Stromnetz errichtet werden – und auch für Elektrolyseure wäre dort Platz, teilt das dänische Ministerium für Klimaschutz, Energie und Forschung auf Anfrage mit.

Wasserstoff von der Küste mit Strom vom Meer

Schneller dürfte es aber beim Aufbau einer Wasserstoff-Produktion an der Küste vorangehen – auch in Deutschland. Einige große Pilotprojekte zur Koppelung von Elektrolyse an Land und Windkraft auf See sind bereits in Planung.

Im Projekt "Westküste 100" zum Beispiel wollen die Raffinerie Heide, Thyssen Krupp, der Gasnetzbetreiber OGE, der dänische Stromerzeuger Ørsted und weitere Partner in Dithmarschen mit Windstrom vom Meer grünen Wasserstoff erzeugen. Der soll zum Teil für die Produktion von klimafreundlichem Kerosin genutzt und zum Teil ins Gasnetz eingespeist werden. Auch im Hamburger Hafen soll eine große Wasserstofffabrik entstehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.